Tumortherapie in der Schwangerschaft: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Im 1. Trimenon ist eine systemische Tumortherapie aufgrund der Teratogenität grundsätzlich kontraindiziert.
- •Ab dem 2. Trimenon ist eine Chemotherapie bei gegebener Indikation in Standarddosierung (nach aktuellem Körpergewicht) möglich.
- •Zielgerichtete Therapien (TKI, ICI, Antikörper) und antihormonelle Therapien sind in der gesamten Schwangerschaft kontraindiziert.
- •Bildgebung der Wahl sind Ultraschall und MRT (ohne Gadolinium-Kontrastmittel).
- •Zwischen der letzten Chemotherapie und der Entbindung sollte ein Intervall von 3 Wochen eingehalten werden.
Hintergrund
Krebserkrankungen treten bei etwa 1-2 von 1.000 Schwangerschaften auf, mit steigender Inzidenz aufgrund des zunehmenden mütterlichen Alters. Am häufigsten werden Mammakarzinome (39 %), Zervixkarzinome (13 %) und maligne Lymphome (10 %) diagnostiziert. Die Therapieentscheidung erfordert ein multidisziplinäres Team und eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung in Abhängigkeit vom Schwangerschaftsstadium.
Bildgebende Diagnostik
In der Schwangerschaft sind strahlungsfreie Verfahren zu bevorzugen.
| Modalität | Bewertung & Besonderheiten |
|---|---|
| Ultraschall | Gilt als sicher. Auf Kontrastmittelsonographie sollte verzichtet werden. |
| MRT | Gilt als sicher (fetale Lautstärkeexposition auf 90 dB begrenzen). Gadolinium ist kontraindiziert (plazentagängig, akkumuliert im Fruchtwasser). |
| Röntgen / CT | Nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung (lebensbedrohliche Situationen). Fetale Schwellendosis von 50-100 mGy beachten. |
| Mammographie | Gilt als sicher, Sensitivität kann durch erhöhte Brustdichte verringert sein. Sentinel-Staging mit 99Technetium ist möglich. |
Allgemeine Therapieprinzipien
Das therapeutische Vorgehen richtet sich maßgeblich nach dem Trimenon der Schwangerschaft:
| Phase | Systemische Therapie | Schwangerschaftsverlauf & Entbindung |
|---|---|---|
| 1. Trimenon | Kontraindiziert (erhöhte Rate an Fehlbildungen und Fehlgeburten). | Ggf. Diskussion über Schwangerschaftsabbruch bei akuter Behandlungsindikation. |
| 2. & 3. Trimenon | Bei Indikation möglich. Standarddosierung nach aktuellem Körpergewicht. | Weitgehend normaler Schwangerschafts- und Entwicklungsverlauf zu erwarten. |
- Entbindung: Angestrebt wird eine normale Entbindung. Von frühzeitiger Geburtseinleitung und primärer Sectio (Ausnahme: Zervixkarzinom) wird abgeraten.
- Therapieintervall: Es wird ein Intervall von 3 Wochen zwischen Chemotherapie und Entbindung empfohlen, um eine perinatale Myelosuppression zu vermeiden.
- Kontraindizierte Substanzen: Tyrosinkinaseinhibitoren (TKI), (V)EGF-Antikörper, antihormonelle Substanzen, Immuncheckpointinhibitoren (ICI) und PARP-Inhibitoren sind im gesamten Schwangerschaftsverlauf kontraindiziert.
Spezifische Tumorentitäten
Akute Leukämien
| Entität | Therapie ab 2. Trimenon | Bemerkung |
|---|---|---|
| AML | Standard "7+3" (Daunorubicin + Cytarabin) | Daunorubicin ist Mittel der Wahl (geringere fetale Toxizität als Idarubicin). |
| APL | ATRA + Anthrazykline | Bei niedrigem/intermediärem Risiko ggf. ATRA-Monotherapie zur Überbrückung. |
| ALL | GMALL-Protokoll | Methotrexat ist kontraindiziert (Aminopterin-Syndrom). Blinatumumab vermeiden. |
Maligne Lymphome
Schwangere mit Lymphomen sollten ab dem 2. Trimenon grundsätzlich ähnlich wie Nichtschwangere behandelt werden.
- Non-Hodgkin-Lymphom (NHL): R-CHOP ist als Standardtherapie geeignet. Antimetabolite (z. B. MTX) sind kontraindiziert.
- Hodgkin-Lymphom: ABVD gilt im 2. und 3. Trimenon als sichere Therapieoption. Brentuximab vedotin und Nivolumab sind kontraindiziert.
Solide Tumoren
| Entität | Therapie ab 2. Trimenon | Kontraindikationen |
|---|---|---|
| Mammakarzinom | Anthrazykline (AC/EC) gefolgt von Taxanen (Paclitaxel/Docetaxel). | Endokrine Therapien, Trastuzumab, Pertuzumab, CDK4/6-Inhibitoren. |
| Ovarialkarzinom | Carboplatin + Paclitaxel | Bevacizumab (VEGF-Inhibition stört Embryonalentwicklung). |
| Zervixkarzinom | Neoadjuvante platinbasierte Chemotherapie. | Spontangeburt oft riskant, Sectio wird empfohlen. |
| Melanom | Lokoregionäre Chirurgie. | BRAF-/MEK-Inhibitoren, Immuncheckpoint-Inhibitoren. |
Supportivtherapie
Die medikamentöse Supportivtherapie ist im 2. und 3. Trimenon überwiegend sicher durchführbar:
| Indikation | Empfohlene Wirkstoffe | Kontraindizierte / Zu vermeidende Wirkstoffe |
|---|---|---|
| Antiemese | Metoclopramid, 5-HT3-Antagonisten | Aprepitant |
| Infektionen | Penicilline, Cephalosporine, Makrolide, (Liposomales) Amphotericin B | Aminoglykoside, Fluorochinolone, Tetracycline, Sulfonamide |
| Neutropenie | G-CSF | - |
| Thrombose | Niedermolekulare Heparine (NMH) | - |
| Glukokortikoide | Prednisolon, Methylprednisolon (geringe Plazentagängigkeit) | Andere Glukokortikoide bevorzugt meiden |
Hinweis: Bisphosphonate sollen in der Schwangerschaft nicht eingesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Planen Sie die letzte Chemotherapie-Gabe so, dass ein Intervall von mindestens 3 Wochen bis zur Entbindung besteht. So vermeiden Sie eine gefährliche perinatale Myelosuppression bei Mutter und Neugeborenem.