Ovarialkarzinom: Leitlinie zur Therapie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Ziel der Primäroperation ist die makroskopische Tumorfreiheit (komplettes Tumor-Debulking).
- •Die adjuvante Standard-Chemotherapie besteht aus 6 Zyklen Carboplatin und Paclitaxel.
- •Bei fortgeschrittenen high-grade Karzinomen ist nach Ansprechen auf Platin eine Erhaltungstherapie mit PARP-Inhibitoren und/oder Bevacizumab indiziert.
- •Allen Patientinnen unter 80 Jahren sollte eine genetische Testung (BRCA1/2) angeboten werden.
- •Eine routinemäßige Tumormarker-Bestimmung (CA-125) in der asymptomatischen Nachsorge wird nicht empfohlen.
Hintergrund
Das Ovarialkarzinom ist die häufigste tödliche gynäkologische Krebserkrankung. Da spezifische Frühsymptome fehlen, werden etwa 75 % der Tumoren erst in fortgeschrittenen Stadien (FIGO III/IV) diagnostiziert. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 69 Jahren.
Risikofaktoren umfassen zunehmendes Alter, Nulliparität, Hormonersatztherapie und Adipositas. Genetische Faktoren spielen eine wesentliche Rolle: Mutationen in Genen der homologen Rekombination (insbesondere BRCA1 und BRCA2) sind für einen signifikanten Teil der Erkrankungen verantwortlich. Trägerinnen einer BRCA1-Mutation haben ein Lebenszeitrisiko von 39 % für ein Ovarialkarzinom.
Diagnostik und Genetik
Jede ovarielle Raumforderung ist bis zum Beweis des Gegenteils als maligne zu betrachten. Ein generelles Screening (z. B. mittels Ultraschall oder CA-125) senkt die Mortalität nicht und wird nicht empfohlen.
- Klinische Diagnostik: Bimanuelle Untersuchung und transvaginaler Ultraschall.
- Bildgebung: Computertomografie (CT) von Thorax, Abdomen und Becken mit Kontrastmittel zur Ausbreitungsdiagnostik.
- Genetik: Allen Patientinnen unter 80 Jahren sollte eine Testung auf hereditäre Brust- und Eierstockkrebs-Syndrome (HBOC) angeboten werden. Bei fortgeschrittenen high-grade Karzinomen muss der Tumor auf BRCA1/2-Mutationen und den HRD-Status (Homologous Recombination Deficiency) getestet werden.
Histologische Klassifikation
Ovarialkarzinome sind eine heterogene Gruppe. Die Therapie orientiert sich maßgeblich am histologischen Subtyp:
| Histologie | Häufigkeit | Typische Genetik | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Serös high-grade | 75% | TP53, BRCA1/2, HRD | Entsteht oft aus Tubenepithel (STIC) |
| Endometrioid | ~10% | ARID1A, PTEN, dMMR | Assoziiert mit Endometriose |
| Klarzellig | ~10% | ARID1A, HNF1β | Assoziiert mit Endometriose |
| Serös low-grade | ≤5% | BRAF, KRAS | Entsteht oft aus Borderline-Tumoren |
| Muzinös | ≤5% | KRAS, HER2 | Selten, oft gastrointestinaler Ursprung ausschließen |
Primärtherapie
Die Primärtherapie ist multimodal und basiert auf einer Kombination aus radikaler Chirurgie und Systemtherapie.
Operative Therapie
Das operative Therapieziel ist die makroskopische Tumorfreiheit mit maximaler Tumorzellreduktion. Die Operation umfasst in der Regel eine Längsschnittlaparotomie, Hysterektomie, beidseitige Adnexexstirpation, Omentektomie und ggf. Lymphonodektomie sowie Multiviszeralresektionen.
Systemtherapie
| Stadium / Situation | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| FIGO IA G1 | Keine adjuvante Chemotherapie | Nach komplettem Staging/Debulking |
| Ab FIGO IC oder G3 | Carboplatin + Paclitaxel | 6 Zyklen (Standard) |
| FIGO III/IV | Erhaltungstherapie | Bevacizumab und/oder PARP-Inhibitoren (Olaparib, Niraparib) je nach HRD/BRCA-Status |
Rezidivtherapie
Die starre Einteilung nach einem 6-monatigen platinfreien Intervall wurde verlassen. Die Therapieentscheidung richtet sich nach der "Platin-Eligibility" (Tumorbiologie, Vortherapien, Toxizität, Patientenpräferenz).
| Rezidiv-Typ | Definition | Therapieoptionen |
|---|---|---|
| Platin-geeignet | Erneute platinhaltige Therapie ist sinnvoll | Rezidiv-OP (bei positivem AGO-Score), Platin-Reinduktion (Carboplatin + PLD/Gemcitabin/Paclitaxel), PARP-Inhibitoren als Erhaltung |
| Platin-ungeeignet | Refraktär oder Kontraindikation für Platin | Monochemotherapie (Paclitaxel, Topotecan, PLD, Gemcitabin), ggf. + Bevacizumab |
Der AGO-Score hilft bei der Selektion für eine Rezidiv-OP. Er ist positiv bei: Komplettresektion bei Erst-OP, ECOG-Status 0 und Aszites < 500 ml.
Nachsorge
Die Nachsorge dient dem Erkennen von therapieassoziierten Langzeittoxizitäten und Rezidiven.
- Klinische Untersuchung: Inklusive Vaginalsonographie alle 3 Monate (Jahre 1-3), dann alle 6 Monate (Jahre 4-5).
- Bildgebung (CT/MRT): Nur bei Symptomen oder klinischem Verdacht auf ein Rezidiv.
- Tumormarker (CA-125): Kein routinemäßiger Einsatz bei asymptomatischen Patientinnen, da ein früherer Therapiebeginn das Überleben nicht verbessert.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie in der asymptomatischen Nachsorge auf die routinemäßige Bestimmung des Tumormarkers CA-125. Ein präsymptomatischer Beginn einer Rezidivtherapie führt nicht zu einem Überlebensvorteil, verschlechtert aber die Lebensqualität der Patientin frühzeitiger.