Fieber bei Kindern unter 5: Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Fieberhafte Erkrankungen bei Kleinkindern sind sehr häufig und meist durch selbstlimitierende Virusinfektionen bedingt. Dennoch kann Fieber auch das Leitsymptom schwerer bakterieller Infektionen wie Meningitis, Sepsis oder Pneumonie sein.
Die NICE-Leitlinie NG143 bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur klinischen Beurteilung und Erstbehandlung von Kindern unter 5 Jahren mit Fieber ohne offensichtliche Ursache. Sie richtet sich an medizinisches Fachpersonal in der Primär- und Sekundärversorgung.
Ziel der Leitlinie ist es, die frühzeitige Erkennung schwerer Erkrankungen zu verbessern und eine angemessene, risikoadaptierte Versorgung sicherzustellen. Dabei wird besonderer Wert auf standardisierte klinische Einschätzungen gelegt.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Beurteilung und Behandlung von fiebernden Kindern unter 5 Jahren:
Temperaturmessung
Bei Säuglingen unter 4 Wochen wird die axilläre Messung mit einem elektronischen Thermometer empfohlen. Von der routinemäßigen oralen oder rektalen Temperaturmessung wird in der gesamten Altersgruppe bis 5 Jahre abgeraten.
Bei Kindern zwischen 4 Wochen und 5 Jahren sollte die Messung axillär (elektronisch oder chemisch) oder tympanal mittels Infrarot-Thermometer erfolgen. Die elterliche Wahrnehmung von Fieber sollte vom medizinischen Personal als valide angesehen und ernst genommen werden.
Klinische Beurteilung und Ampelsystem
Zunächst muss auf unmittelbar lebensbedrohliche Merkmale geachtet werden. Dazu zählen eine Beeinträchtigung der Atemwege, der Atmung oder des Kreislaufs sowie eine Bewusstseinsminderung.
Die Leitlinie empfiehlt die Nutzung eines Ampelsystems zur Einschätzung des Risikos für eine schwere Erkrankung. Dabei werden klinische Parameter in die Kategorien Grün (geringes Risiko), Gelb (mittleres Risiko) und Rot (hohes Risiko) eingeteilt.
| Risikostufe | Hautfarbe | Aktivität | Atmung | Kreislauf und Hydratation |
|---|---|---|---|---|
| Grün (gering) | Normal | Reagiert normal, lächelt, bleibt wach | Normal | Normale Haut/Augen, feuchte Schleimhäute |
| Gelb (mittel) | Blässe (anamnestisch) | Eingeschränkte Reaktion, kein Lächeln, verminderte Aktivität | Nasenflügeln, Tachypnoe, O2-Sättigung ≤ 95% | Tachykardie, Rekapillarisierungszeit ≥ 3 s, trockene Schleimhäute |
| Rot (hoch) | Blass, marmoriert, aschfahl, zyanotisch | Keine Reaktion, wirkt krank, weckbar aber schläft sofort wieder ein | Stöhnen, Tachypnoe > 60/min, moderate/schwere Einziehungen | Verminderter Hautturgor |
Zur Beurteilung des Kreislaufs wird die Herzfrequenz herangezogen. Eine Tachykardie gilt als mittleres Risiko (gelbes Warnzeichen).
| Alter | Herzfrequenz (Schläge pro Minute) |
|---|---|
| Unter 12 Monate | Über 160 |
| 12 bis 24 Monate | Über 150 |
| 2 bis 5 Jahre | Über 140 |
Spezifische Erkrankungen
Es wird empfohlen, gezielt nach Symptomen spezifischer Erkrankungen zu suchen. Ein nicht wegdrückbares Exanthem (Petechien/Purpura) kann auf eine Meningokokken-Erkrankung hinweisen, während Nackensteifigkeit oder eine vorgewölbte Fontanelle Zeichen einer bakteriellen Meningitis sein können.
Bei Fieber, das 5 Tage oder länger anhält, muss an ein Kawasaki-Syndrom gedacht werden. Zusätzliche Merkmale können eine beidseitige Konjunktivitis, eine Erdbeerzunge oder ein polymorphes Exanthem sein.
Management nach Risikogruppe
Kinder mit roten Warnzeichen sollten unverzüglich einer pädiatrischen Spezialversorgung zugeführt werden. Bei Vorliegen gelber Warnzeichen wird eine zeitnahe ärztliche Beurteilung empfohlen.
Wenn bei Kindern mit gelben Warnzeichen keine Diagnose gestellt werden kann, sollte ein Sicherheitsnetz etabliert werden. Dies umfasst die Aufklärung der Eltern über Warnsymptome sowie die Vereinbarung eines Follow-ups.
Kinder, die ausschließlich grüne Merkmale aufweisen, können in der Regel zu Hause betreut werden. Die Eltern sollten darüber aufgeklärt werden, wann sie erneut ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen.
Antipyretische Therapie
Paracetamol oder Ibuprofen sollten nur bei Kindern erwogen werden, die durch das Fieber beeinträchtigt oder gestresst wirken. Die Gabe sollte beendet werden, sobald die Beschwerden gelindert sind.
Ein Wechsel des Wirkstoffs wird nur empfohlen, wenn die Beschwerden nicht gelindert werden. Eine gleichzeitige Gabe beider Medikamente soll vermieden werden.
Dosierung
| Intervention | Dosierung | Indikation |
|---|---|---|
| Intravenöser Flüssigkeitsbolus (0,9% NaCl) | 10 ml/kg | Kinder unter 5 Jahren mit Fieber und Schock |
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende Kontraindikationen und Warnhinweise:
-
Die routinemäßige orale oder rektale Temperaturmessung bei Kindern unter 5 Jahren wird nicht empfohlen.
-
Chemische Stirnthermometer gelten als unzuverlässig und sollten nicht verwendet werden.
-
Wadenwickel (Tepid sponging) werden zur Fiebersenkung nicht empfohlen.
-
Es wird davon abgeraten, orale Antibiotika bei Kindern mit Fieber ohne erkennbare Ursache zu verschreiben.
-
Antipyretika sollen nicht zur reinen Temperatursenkung oder zur Vorbeugung von Fieberkrämpfen eingesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt ausdrücklich davor, das Ansprechen auf fiebersenkende Medikamente als diagnostisches Kriterium zu nutzen. Ein Rückgang des Fiebers nach Gabe von Paracetamol oder Ibuprofen schließt eine schwere bakterielle Infektion nicht aus und darf nicht zur Unterscheidung zwischen leichten und schweren Erkrankungen herangezogen werden. Zudem wird betont, bei jedem Fieber, das 5 Tage oder länger anhält, an ein Kawasaki-Syndrom zu denken, auch wenn typische Begleitsymptome fehlen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie liegt eine Tachykardie vor, wenn die Herzfrequenz bei Säuglingen unter 12 Monaten über 160/min, bei Kleinkindern zwischen 12 und 24 Monaten über 150/min und bei Kindern von 2 bis 5 Jahren über 140/min steigt. Eine Tachykardie wird im Ampelsystem als mittleres Risiko (gelbes Warnzeichen) für eine schwere Erkrankung gewertet.
Bei Säuglingen unter 4 Wochen wird die Temperaturmessung mit einem elektronischen Thermometer in der Axilla empfohlen. Von einer rektalen oder oralen Messung wird in dieser Altersgruppe abgeraten.
Die Leitlinie empfiehlt, Paracetamol und Ibuprofen nicht gleichzeitig zu verabreichen. Ein abwechselnder Einsatz sollte nur erwogen werden, wenn die Beschwerden des Kindes anhalten oder vor der nächsten regulären Dosis wiederkehren.
Es wird darauf hingewiesen, dass Antipyretika wie Paracetamol oder Ibuprofen Fieberkrämpfe nicht verhindern. Sie sollten daher nicht spezifisch zu diesem Zweck eingesetzt werden.
Ein Kawasaki-Syndrom sollte bei jedem Kind in Betracht gezogen werden, dessen Fieber 5 Tage oder länger anhält. Dies gilt insbesondere, wenn zusätzliche Symptome wie eine beidseitige Konjunktivitis, eine Erdbeerzunge oder ein polymorphes Exanthem auftreten.
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Quelle: NICE Guideline on Fever in Under 5s (NICE, 2021). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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