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Fieber bei Kindern unter 5 Jahren: NICE-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf NICE Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Körpertemperatur sollte bei Säuglingen <4 Wochen axillär, bei älteren Kindern axillär oder tympanal gemessen werden; rektale Messungen werden nicht routinemäßig empfohlen.
  • Das Risiko für schwere Erkrankungen wird anhand eines klinischen Ampelsystems (Grün, Gelb, Rot) beurteilt.
  • Säuglinge <3 Monate mit Fieber ≥38 °C gelten als Hochrisikopatienten und benötigen eine umfassende Diagnostik (inkl. Blutkultur und ggf. Lumbalpunktion).
  • Bei Fieber, das 5 Tage oder länger anhält, muss stets an ein Kawasaki-Syndrom gedacht werden.
  • Antipyretika (Paracetamol oder Ibuprofen) sollen nur bei Unwohlsein eingesetzt werden, nicht primär zur reinen Fiebersenkung.
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Hintergrund

Fieber bei Kindern unter 5 Jahren ist einer der häufigsten Vorstellungsgründe in der pädiatrischen und hausärztlichen Praxis. Während die meisten Fälle auf selbstlimitierende virale Infektionen zurückzuführen sind, kann Fieber auch das Leitsymptom schwerer bakterieller Infektionen (wie Meningitis oder Pneumonie) sein. Die vorliegende NICE-Leitlinie bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur sicheren Beurteilung, Risikostratifizierung und initialen Therapie.

Fiebermessung

Die Leitlinie rät von der routinemäßigen oralen und rektalen Temperaturmessung bei Kindern unter 5 Jahren ab. Stirnthermometer (chemisch) gelten als unzuverlässig.

AlterEmpfohlene MessmethodeNicht empfohlen
< 4 WochenElektronisches Thermometer (axillär)Oral, rektal, Stirnthermometer
4 Wochen bis 5 JahreElektronisch/chemisch (axillär) oder Infrarot (tympanal)Oral, rektal, Stirnthermometer

Wichtig: Die subjektive Wahrnehmung von Fieber durch die Eltern sollte von medizinischem Personal stets ernst genommen und als valide betrachtet werden.

Klinische Beurteilung und Ampelsystem

Zunächst müssen unmittelbar lebensbedrohliche Zustände (Atemwegsverlegung, Atem- oder Kreislaufversagen, Bewusstseinsminderung) ausgeschlossen werden. Bei jedem fiebernden Kind muss die Frage gestellt werden: "Könnte das eine Sepsis sein?"

Zur Risikoeinschätzung schwerer Erkrankungen wird ein Ampelsystem empfohlen. Vitalparameter wie Herzfrequenz, Atemfrequenz, Temperatur und Rekapillarisierungszeit müssen routinemäßig erfasst werden.

Auszug aus dem Ampelsystem (Traffic Light System)

Organsystem / MerkmalRotes Risiko (Hoch)Gelbes Risiko (Intermediär)
HautfarbeBlass, marmoriert, aschfahl, zyanotischBlässe (von Eltern berichtet)
AktivitätKeine Reaktion auf soziale Reize, wirkt krank, wacht nicht aufLächelt nicht, verminderte Aktivität, wacht nur bei starkem Reiz auf
AtmungAtemfrequenz >60/min, Stöhnen, moderate/schwere EinziehungenNasenflügeln, Atemfrequenz >50/min (6-12 Mon.) bzw. >40/min (>12 Mon.), SpO2 ≤95%
Kreislauf/Hydratation-Rekapillarisierungszeit ≥3 Sekunden, trockene Schleimhäute, reduzierte Urinausscheidung, Tachykardie
SonstigesAlter <3 Monate & Temp. ≥38°C, nicht-wegdrückbares Exanthem, vorgewölbte Fontanelle, Nackensteifigkeit, Status epilepticusAlter 3-6 Monate & Temp. ≥39°C, Fieber ≥5 Tage, Rigor, Gelenkschwellung

Hinweis: Pulsoximeter können die Sauerstoffsättigung bei dunkler Hautfarbe überschätzen.

Tachycardie-Kriterien (nach APLS)

AlterHerzfrequenz (Schläge/Minute)
< 12 Monate> 160
12 bis 24 Monate> 150
2 bis 5 Jahre> 140

Spezifische Erkrankungen

Bei der Untersuchung muss gezielt nach Fokus und spezifischen Warnzeichen gesucht werden:

DiagnoseBegleitsymptome bei Fieber
Meningokokken-ErkrankungNicht-wegdrückbares Exanthem (Petechien >2mm), Rekapillarisierungszeit ≥3s, Nackensteifigkeit, krankes Erscheinungsbild
Bakterielle MeningitisNackensteifigkeit, vorgewölbte Fontanelle, Bewusstseinsminderung, Status epilepticus (Achtung: Klassische Zeichen fehlen bei Säuglingen oft)
Herpes-simplex-EnzephalitisFokale neurologische Zeichen, fokale Krampfanfälle, Bewusstseinsminderung
Kawasaki-SyndromFieber ≥5 Tage, beidseitige Konjunktivitis, Erdbeerzunge/rissige Lippen, polymorphes Exanthem, zervikale Lymphadenopathie, Hand-/Fußödem
HarnwegsinfektDysurie, gehäuftes Wasserlassen, trüber/übelriechender Urin, Bauchschmerzen

Besonderheit Kawasaki-Syndrom: Bei Säuglingen <1 Jahr können klassische Symptome fehlen (inkomplettes Kawasaki-Syndrom), das Risiko für Koronararterienanomalien ist in dieser Altersgruppe jedoch besonders hoch.

Diagnostik und Therapie durch Pädiater

Das Management richtet sich stark nach dem Alter des Kindes und der Risikoklassifizierung.

Säuglinge unter 3 Monaten

Säuglinge <3 Monate mit Fieber bedürfen einer besonderen Überwachung und Diagnostik:

  • Immer: Blutbild, Blutkultur, CRP, Urindiagnostik.
  • Röntgen-Thorax: Nur bei respiratorischen Symptomen.
  • Lumbalpunktion: Zwingend bei Säuglingen <1 Monat. Bei 1-3 Monaten indiziert, wenn das Kind krank wirkt oder die Leukozyten <5 oder >15 x 10^9/l liegen.

Empirische Antibiotikatherapie

Indikation / AlterEmpfohlene TherapieBemerkung
< 1 Monat (immer bei Fieber)Cephalosporin 3. Gen. + Ampicillin/AmoxicillinAbdeckung von Listerien zwingend erforderlich
1 bis 3 Monate (krank wirkend oder Leukozyten auffällig)Cephalosporin 3. Gen. + Ampicillin/Amoxicillin-
Alle Altersgruppen (Schock, Bewusstlosigkeit, Meningokokken-Verdacht)Cephalosporin 3. Gen. (z.B. Cefotaxim/Ceftriaxon) sofort i.v.Bei Meningokokken-Verdacht alternativ Benzylpenicillin

Schocktherapie

Bei Schockzeichen ist ein sofortiger intravenöser Flüssigkeitsbolus von 10 ml/kg (0,9 % NaCl) indiziert, gefolgt von aktiver Überwachung und ggf. weiteren Boli.

Antipyretische Therapie

Die medikamentöse Fiebersenkung dient dem Patientenkomfort, nicht der reinen Normalisierung der Körpertemperatur.

  • Indikation: Paracetamol oder Ibuprofen erwägen, wenn das Kind Unwohlsein/Schmerzen (Distress) zeigt.
  • Ziel: Nicht primär zur Temperatursenkung einsetzen. Antipyretika verhindern keine Fieberkrämpfe.
  • Kombination: Beide Wirkstoffe nicht gleichzeitig geben. Ein Wechsel (Alternieren) ist nur dann zu erwägen, wenn das Unwohlsein vor der nächsten regulären Dosis zurückkehrt.
  • Physikalische Maßnahmen: Wadenwickel (Tepid Sponging) werden nicht empfohlen. Kinder sollten weder zu warm noch zu kalt angezogen sein.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie auf die routinemäßige rektale Fiebermessung. Nutzen Sie Antipyretika wie Paracetamol oder Ibuprofen ausschließlich zur Linderung von Unwohlsein oder Schmerzen, nicht primär zur reinen Temperatursenkung. Wadenwickel werden nicht empfohlen.

Häufig gestellte Fragen

Säuglinge unter 3 Monaten mit einer Temperatur von ≥38 °C sowie Säuglinge zwischen 3 und 6 Monaten mit ≥39 °C gelten als Hoch- bzw. Intermediärrisikopatienten für schwere Erkrankungen und bedürfen einer ärztlichen Abklärung.
Bei Säuglingen unter 4 Wochen axillär mit einem elektronischen Thermometer. Bei Kindern zwischen 4 Wochen und 5 Jahren axillär (elektronisch/chemisch) oder tympanal (Infrarot). Orale und rektale Messungen werden nicht routinemäßig empfohlen.
Nein, sie dürfen nicht gleichzeitig verabreicht werden. Ein Wechsel zwischen den Wirkstoffen sollte nur erwogen werden, wenn das Unwohlsein des Kindes vor der nächsten regulären Dosis bestehen bleibt oder zurückkehrt.
Bei jedem Kind mit Fieber, das 5 Tage oder länger anhält, sollte ein Kawasaki-Syndrom in Betracht gezogen werden, auch wenn (noch) nicht alle klassischen Begleitsymptome vorhanden sind.
Nein. Antipyretika wie Paracetamol oder Ibuprofen verhindern keine Fieberkrämpfe und sollten nicht spezifisch zu diesem Zweck eingesetzt werden.

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