Fieber bei Kindern unter 5 Jahren: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Körpertemperatur sollte bei Säuglingen <4 Wochen axillär, bei älteren Kindern axillär oder tympanal gemessen werden; rektale Messungen werden nicht routinemäßig empfohlen.
- •Das Risiko für schwere Erkrankungen wird anhand eines klinischen Ampelsystems (Grün, Gelb, Rot) beurteilt.
- •Säuglinge <3 Monate mit Fieber ≥38 °C gelten als Hochrisikopatienten und benötigen eine umfassende Diagnostik (inkl. Blutkultur und ggf. Lumbalpunktion).
- •Bei Fieber, das 5 Tage oder länger anhält, muss stets an ein Kawasaki-Syndrom gedacht werden.
- •Antipyretika (Paracetamol oder Ibuprofen) sollen nur bei Unwohlsein eingesetzt werden, nicht primär zur reinen Fiebersenkung.
Hintergrund
Fieber bei Kindern unter 5 Jahren ist einer der häufigsten Vorstellungsgründe in der pädiatrischen und hausärztlichen Praxis. Während die meisten Fälle auf selbstlimitierende virale Infektionen zurückzuführen sind, kann Fieber auch das Leitsymptom schwerer bakterieller Infektionen (wie Meningitis oder Pneumonie) sein. Die vorliegende NICE-Leitlinie bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur sicheren Beurteilung, Risikostratifizierung und initialen Therapie.
Fiebermessung
Die Leitlinie rät von der routinemäßigen oralen und rektalen Temperaturmessung bei Kindern unter 5 Jahren ab. Stirnthermometer (chemisch) gelten als unzuverlässig.
| Alter | Empfohlene Messmethode | Nicht empfohlen |
|---|---|---|
| < 4 Wochen | Elektronisches Thermometer (axillär) | Oral, rektal, Stirnthermometer |
| 4 Wochen bis 5 Jahre | Elektronisch/chemisch (axillär) oder Infrarot (tympanal) | Oral, rektal, Stirnthermometer |
Wichtig: Die subjektive Wahrnehmung von Fieber durch die Eltern sollte von medizinischem Personal stets ernst genommen und als valide betrachtet werden.
Klinische Beurteilung und Ampelsystem
Zunächst müssen unmittelbar lebensbedrohliche Zustände (Atemwegsverlegung, Atem- oder Kreislaufversagen, Bewusstseinsminderung) ausgeschlossen werden. Bei jedem fiebernden Kind muss die Frage gestellt werden: "Könnte das eine Sepsis sein?"
Zur Risikoeinschätzung schwerer Erkrankungen wird ein Ampelsystem empfohlen. Vitalparameter wie Herzfrequenz, Atemfrequenz, Temperatur und Rekapillarisierungszeit müssen routinemäßig erfasst werden.
Auszug aus dem Ampelsystem (Traffic Light System)
| Organsystem / Merkmal | Rotes Risiko (Hoch) | Gelbes Risiko (Intermediär) |
|---|---|---|
| Hautfarbe | Blass, marmoriert, aschfahl, zyanotisch | Blässe (von Eltern berichtet) |
| Aktivität | Keine Reaktion auf soziale Reize, wirkt krank, wacht nicht auf | Lächelt nicht, verminderte Aktivität, wacht nur bei starkem Reiz auf |
| Atmung | Atemfrequenz >60/min, Stöhnen, moderate/schwere Einziehungen | Nasenflügeln, Atemfrequenz >50/min (6-12 Mon.) bzw. >40/min (>12 Mon.), SpO2 ≤95% |
| Kreislauf/Hydratation | - | Rekapillarisierungszeit ≥3 Sekunden, trockene Schleimhäute, reduzierte Urinausscheidung, Tachykardie |
| Sonstiges | Alter <3 Monate & Temp. ≥38°C, nicht-wegdrückbares Exanthem, vorgewölbte Fontanelle, Nackensteifigkeit, Status epilepticus | Alter 3-6 Monate & Temp. ≥39°C, Fieber ≥5 Tage, Rigor, Gelenkschwellung |
Hinweis: Pulsoximeter können die Sauerstoffsättigung bei dunkler Hautfarbe überschätzen.
Tachycardie-Kriterien (nach APLS)
| Alter | Herzfrequenz (Schläge/Minute) |
|---|---|
| < 12 Monate | > 160 |
| 12 bis 24 Monate | > 150 |
| 2 bis 5 Jahre | > 140 |
Spezifische Erkrankungen
Bei der Untersuchung muss gezielt nach Fokus und spezifischen Warnzeichen gesucht werden:
| Diagnose | Begleitsymptome bei Fieber |
|---|---|
| Meningokokken-Erkrankung | Nicht-wegdrückbares Exanthem (Petechien >2mm), Rekapillarisierungszeit ≥3s, Nackensteifigkeit, krankes Erscheinungsbild |
| Bakterielle Meningitis | Nackensteifigkeit, vorgewölbte Fontanelle, Bewusstseinsminderung, Status epilepticus (Achtung: Klassische Zeichen fehlen bei Säuglingen oft) |
| Herpes-simplex-Enzephalitis | Fokale neurologische Zeichen, fokale Krampfanfälle, Bewusstseinsminderung |
| Kawasaki-Syndrom | Fieber ≥5 Tage, beidseitige Konjunktivitis, Erdbeerzunge/rissige Lippen, polymorphes Exanthem, zervikale Lymphadenopathie, Hand-/Fußödem |
| Harnwegsinfekt | Dysurie, gehäuftes Wasserlassen, trüber/übelriechender Urin, Bauchschmerzen |
Besonderheit Kawasaki-Syndrom: Bei Säuglingen <1 Jahr können klassische Symptome fehlen (inkomplettes Kawasaki-Syndrom), das Risiko für Koronararterienanomalien ist in dieser Altersgruppe jedoch besonders hoch.
Diagnostik und Therapie durch Pädiater
Das Management richtet sich stark nach dem Alter des Kindes und der Risikoklassifizierung.
Säuglinge unter 3 Monaten
Säuglinge <3 Monate mit Fieber bedürfen einer besonderen Überwachung und Diagnostik:
- Immer: Blutbild, Blutkultur, CRP, Urindiagnostik.
- Röntgen-Thorax: Nur bei respiratorischen Symptomen.
- Lumbalpunktion: Zwingend bei Säuglingen <1 Monat. Bei 1-3 Monaten indiziert, wenn das Kind krank wirkt oder die Leukozyten <5 oder >15 x 10^9/l liegen.
Empirische Antibiotikatherapie
| Indikation / Alter | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| < 1 Monat (immer bei Fieber) | Cephalosporin 3. Gen. + Ampicillin/Amoxicillin | Abdeckung von Listerien zwingend erforderlich |
| 1 bis 3 Monate (krank wirkend oder Leukozyten auffällig) | Cephalosporin 3. Gen. + Ampicillin/Amoxicillin | - |
| Alle Altersgruppen (Schock, Bewusstlosigkeit, Meningokokken-Verdacht) | Cephalosporin 3. Gen. (z.B. Cefotaxim/Ceftriaxon) sofort i.v. | Bei Meningokokken-Verdacht alternativ Benzylpenicillin |
Schocktherapie
Bei Schockzeichen ist ein sofortiger intravenöser Flüssigkeitsbolus von 10 ml/kg (0,9 % NaCl) indiziert, gefolgt von aktiver Überwachung und ggf. weiteren Boli.
Antipyretische Therapie
Die medikamentöse Fiebersenkung dient dem Patientenkomfort, nicht der reinen Normalisierung der Körpertemperatur.
- Indikation: Paracetamol oder Ibuprofen erwägen, wenn das Kind Unwohlsein/Schmerzen (Distress) zeigt.
- Ziel: Nicht primär zur Temperatursenkung einsetzen. Antipyretika verhindern keine Fieberkrämpfe.
- Kombination: Beide Wirkstoffe nicht gleichzeitig geben. Ein Wechsel (Alternieren) ist nur dann zu erwägen, wenn das Unwohlsein vor der nächsten regulären Dosis zurückkehrt.
- Physikalische Maßnahmen: Wadenwickel (Tepid Sponging) werden nicht empfohlen. Kinder sollten weder zu warm noch zu kalt angezogen sein.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf die routinemäßige rektale Fiebermessung. Nutzen Sie Antipyretika wie Paracetamol oder Ibuprofen ausschließlich zur Linderung von Unwohlsein oder Schmerzen, nicht primär zur reinen Temperatursenkung. Wadenwickel werden nicht empfohlen.