Bronchiolitis bei Kindern: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose wird rein klinisch gestellt; routinemäßige Bluttests oder Röntgen-Thorax-Aufnahmen sind nicht indiziert.
- •Sauerstoffgabe erfolgt bei einer SpO2 <90% (Kinder ab 6 Wochen) bzw. <92% (Säuglinge unter 6 Wochen oder mit Komorbiditäten).
- •Bronchodilatatoren, Kortikosteroide und Antibiotika sollen nicht zur Therapie eingesetzt werden.
- •Bei jungen Säuglingen unter 6 Wochen kann eine Apnoe das einzige klinische Initialsymptom sein.
Hintergrund
Die Bronchiolitis ist die häufigste Erkrankung der unteren Atemwege im ersten Lebensjahr. Sie betrifft Säuglinge und Kinder unter 2 Jahren, wobei der Häufigkeitsgipfel zwischen dem 3. und 6. Lebensmonat liegt. Die Symptome erreichen typischerweise nach 3 bis 5 Tagen ihren Höhepunkt. Bei 90 % der Säuglinge klingt der Husten innerhalb von 3 Wochen ab.
Diagnostik
Die Diagnose der Bronchiolitis wird klinisch gestellt. Ein typischer Verlauf beginnt mit einem 1- bis 3-tägigen Prodromalstadium mit Schnupfen (Coryza), gefolgt von:
- Persistierendem Husten
- Tachypnoe und/oder thorakalen Einziehungen
- Giemen und/oder Rasselgeräuschen bei der Auskultation
Fieber (meist <39 °C) tritt in etwa 30 % der Fälle auf. Nach 3 bis 5 Tagen kommt es häufig zu einer Trinkschwäche. Wichtig: Bei Säuglingen unter 6 Wochen kann eine Apnoe das einzige klinische Zeichen sein.
Bei jedem Kind mit Verdacht auf Bronchiolitis muss die Sauerstoffsättigung (SpO2) gemessen werden.
Nicht empfohlene Diagnostik:
- Keine routinemäßigen Blutuntersuchungen.
- Kein routinemäßiger Röntgen-Thorax (Veränderungen können eine Pneumonie imitieren und verleiten fälschlicherweise zur Antibiotikagabe).
- Keine routinemäßigen Blutgasanalysen (kapilläre BGA nur bei drohendem Atemversagen erwägen).
Differentialdiagnosen
| Erkrankung | Typische klinische Zeichen | Bemerkung |
|---|---|---|
| Bronchiolitis | Coryza, Husten, Tachypnoe, Giemen/Rasselgeräusche | Häufigste Ursache <1 Jahr |
| Pneumonie | Hohes Fieber (>39 °C), persistierende fokale Rasselgeräusche | Ggf. Sepsis-Kriterien beachten |
| Virusinduziertes Giemen / Asthma | Persistierendes/rezidivierendes Giemen ohne Rasselgeräusche, Atopie-Anamnese | Bei Kindern <1 Jahr ungewöhnlich |
Kriterien für Überweisung und Aufnahme
Bei der Entscheidung über eine Krankenhauseinweisung müssen stets Risikofaktoren (z. B. Frühgeburtlichkeit <32 Wochen, Alter <3 Monate, chronische Lungen- oder Herzerkrankungen, Immundefekte) sowie die häuslichen Umstände und Fähigkeiten der Eltern berücksichtigt werden.
| Kriterium | Notfall-Überweisung (Rettungsdienst) | Stationäre Aufnahme |
|---|---|---|
| Atmung | Schwere Atemnot (Stöhnen, starke Einziehungen, AF >70/min) | Persistierende schwere Atemnot |
| Apnoe | Beobachtet oder anamnestisch berichtet | Beobachtet oder anamnestisch berichtet |
| SpO2 (Raumluft) | Zentrale Zyanose | <90% (>6 Wochen) bzw. <92% (<6 Wochen oder Risikofaktoren) |
| Ernährung | - | Inadäquate Aufnahme (50-75% des Normalbedarfs) |
| Allgemeinzustand | Wirkt auf medizinisches Personal ernsthaft krank | - |
Therapie
Die Behandlung der Bronchiolitis ist primär supportiv. Viele etablierte Medikamente zeigen keine Wirksamkeit und sollen nicht verwendet werden.
| Maßnahme | Empfehlung | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Sauerstoffgabe | Indiziert | Ziel-SpO2 >90% (>6W) bzw. >92% (<6W/Risikofaktoren) |
| Flüssigkeitstherapie | Indiziert | Magensonde bei Trinkschwäche; IV-Flüssigkeit bei Sonden-Intoleranz oder drohendem Atemversagen |
| Atemwegsabsaugung | Zurückhaltend | Nur bei Apnoe oder Atemnot/Trinkschwäche durch obere Atemwegssekrete |
| CPAP | Erwägen | Bei drohendem Atemversagen (Erschöpfung, rezidivierende Apnoen) |
| Bronchodilatatoren | Nicht empfohlen | Salbutamol, Adrenalin, Ipratropiumbromid sind unwirksam |
| Kortikosteroide | Nicht empfohlen | Weder systemisch noch inhalativ |
| Weitere Medikamente | Nicht empfohlen | Keine Antibiotika, kein hypertones Kochsalz, kein Montelukast |
| Physiotherapie | Nicht empfohlen | Nur bei relevanten Komorbiditäten (z. B. spinale Muskelatrophie) erwägen |
Entlassungskriterien
Kinder können aus dem Krankenhaus entlassen werden, wenn sie:
- klinisch stabil sind,
- ausreichend oral Flüssigkeit zu sich nehmen,
- die Sauerstoffsättigung (ohne Sauerstoffgabe) für 4 Stunden (inklusive einer Schlafphase) bei >90 % (Kinder ab 6 Wochen) bzw. >92 % (Säuglinge unter 6 Wochen oder mit Komorbiditäten) halten.
Eltern müssen bei Entlassung oder ambulanter Führung über Red-Flag-Symptome (z. B. zunehmende Atemarbeit, weniger als 50-75 % Trinkmenge, keine nasse Windel für 12 Stunden, Apnoen) aufgeklärt werden.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf den Einsatz von Salbutamol oder Kortikosteroiden – diese sind bei unkomplizierter Bronchiolitis wirkungslos. Achten Sie bei jungen Säuglingen (<6 Wochen) besonders auf Apnoen als mögliches Initialsymptom.