Anaphylaxie: Diagnostik & Nachsorge (NICE-Leitlinie)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose erfordert die Dokumentation von Atemwegs-, Atem- oder Kreislaufproblemen sowie dem genauen Zeitverlauf.
- •Die Mastzell-Tryptase sollte bei Erwachsenen sofort nach Therapiebeginn sowie 1-2 Stunden nach Symptombeginn bestimmt werden.
- •Erwachsene werden 6-12 Stunden überwacht, Kinder unter 16 Jahren müssen stationär pädiatrisch aufgenommen werden.
- •Vor der Entlassung müssen zwei Adrenalin-Autoinjektoren verordnet und deren korrekte Anwendung geschult werden.
- •Jeder Patient benötigt zwingend eine Überweisung an eine spezialisierte allergologische Fachabteilung.
Hintergrund
Die Anaphylaxie ist eine schwere, lebensbedrohliche, generalisierte oder systemische Überempfindlichkeitsreaktion. Sie ist gekennzeichnet durch rasch fortschreitende, lebensbedrohliche Probleme der Atemwege (Pharynx- oder Larynxödem), der Atmung (Bronchospasmus mit Tachypnoe) und/oder des Kreislaufs (Hypotension und/oder Tachykardie). In den meisten Fällen treten begleitende Haut- und Schleimhautveränderungen auf.
Akutdiagnostik und Dokumentation
Bei Verdacht auf eine anaphylaktische Reaktion müssen die akuten klinischen Merkmale, der genaue Zeitpunkt des Symptombeginns sowie die Umstände unmittelbar vor Beginn (zur Identifikation möglicher Auslöser) dokumentiert werden.
Die Bestimmung der Mastzell-Tryptase ist ein wichtiger Baustein der Diagnostik. Die Blutentnahmen sollten wie folgt getaktet werden:
| Patientengruppe | 1. Probe | 2. Probe | Indikation |
|---|---|---|---|
| Erwachsene & Jugendliche (≥16 Jahre) | So schnell wie möglich nach Start der Notfalltherapie | Idealerweise 1-2 Stunden (max. 4 Stunden) nach Symptombeginn | Generell empfohlen |
| Kinder (<16 Jahre) | So schnell wie möglich nach Start der Notfalltherapie | Idealerweise 1-2 Stunden (max. 4 Stunden) nach Symptombeginn | Bei Verdacht auf gift- oder medikamenteninduzierte sowie idiopathische Anaphylaxie |
Hinweis: Patienten sollten darüber informiert werden, dass bei der allergologischen Nachsorge eine weitere Blutprobe zur Bestimmung der Basis-Tryptase erforderlich sein kann.
Überwachung und Stationäre Aufnahme
Die Dauer der Überwachung nach einer erfolgreichen Notfallbehandlung richtet sich nach dem Alter und dem klinischen Ansprechen:
| Altersgruppe | Empfohlene Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| Erwachsene (≥16 Jahre) | 6-12 Stunden Überwachung ab Symptombeginn | Kürzere Überwachung möglich, wenn die Reaktion schnell und einfach kontrolliert wurde und eine angemessene Nachsorge gesichert ist. |
| Kinder (<16 Jahre) | Stationäre Aufnahme | Zwingende Aufnahme unter die Betreuung eines pädiatrischen Ärzteteams. |
Entlassungsmanagement und Nachsorge
Nach der Notfallbehandlung einer vermuteten Anaphylaxie muss jedem Patienten eine Überweisung an eine spezialisierte allergologische Fachabteilung angeboten werden. Krankenhäuser sollten hierfür separate Überweisungswege für Erwachsene und Kinder etablieren.
Vor der Entlassung muss eine qualifizierte Fachkraft folgende Maßnahmen und Aufklärungen durchführen:
- Adrenalin-Autoinjektoren: Verordnung von zwei weiteren Adrenalin-Autoinjektoren mit der strikten Anweisung, diese stets mitzuführen.
- Schulung: Markenspezifische Demonstration der korrekten Anwendung.
- Verhalten im Notfall: Aufklärung, dass der Patient nach Anwendung des Injektors liegen bleiben soll (oder sitzen, falls Atemnot besteht). Ein plötzliches Aufstehen oder ein Positionswechsel ist strengstens zu vermeiden, auch wenn sich der Patient besser fühlt.
- Biphasische Reaktion: Information über das Risiko einer biphasischen Reaktion (Wiederauftreten der Symptome innerhalb von 72 Stunden ohne erneuten Allergenkontakt).
- Allergenkarenz: Beratung zur Vermeidung des vermuteten Auslösers.
- Informationen: Aufklärung über Anaphylaxie-Symptome, den Überweisungsprozess zur Allergologie und Patienten-Selbsthilfegruppen.
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie bei der Entlassung nach einer Anaphylaxie immer zwei Adrenalin-Autoinjektoren. Weisen Sie die Patienten eindringlich darauf hin, nach der Anwendung des Injektors liegen zu bleiben (oder bei Atemnot zu sitzen) und niemals abrupt aufzustehen.