Nahrungsmittelallergie bei Kindern: Diagnostik (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die allergiefokussierte Anamnese ist der zwingende erste Schritt vor jeder apparativen Diagnostik.
- •IgE-vermittelte Allergien werden mittels Prick-Test oder spezifischem IgE-Antikörper-Bluttest diagnostiziert.
- •Nicht-IgE-vermittelte Allergien erfordern eine probatorische Eliminationsdiät (2-6 Wochen) mit anschließender Reexposition.
- •Alternative Tests wie Haaranalysen, Kinesiologie oder IgG-Tests werden ausdrücklich nicht empfohlen.
- •Bei Gedeihstörungen, systemischen Reaktionen oder multiplen Allergien sollte eine fachärztliche Überweisung erfolgen.
Hintergrund
Nahrungsmittelallergien bei Kindern und Jugendlichen (unter 19 Jahren) sind unerwünschte Immunreaktionen auf Nahrungsmittel. Sie werden primär in IgE-vermittelte (meist Soforttyp) und Nicht-IgE-vermittelte (meist verzögerte, T-Zell-vermittelte) Reaktionen unterteilt. Auch Mischformen existieren. Nahrungsmittelintoleranzen (z. B. durch Enzymmangel) sind davon abzugrenzen.
Klinische Symptome
Die Symptomatik unterscheidet sich je nach Pathomechanismus. Bei ausbleibendem Therapieerfolg von atopischen Ekzemen, gastroösophagealem Reflux oder chronischer Obstipation sollte stets an eine Nahrungsmittelallergie gedacht werden.
| Organsystem | IgE-vermittelt | Nicht-IgE-vermittelt |
|---|---|---|
| Haut | Pruritus, Erythem, akute Urtikaria, akutes Angioödem | Pruritus, Erythem, atopisches Ekzem |
| Gastrointestinal | Angioödem (Lippen/Zunge/Gaumen), oraler Pruritus, Übelkeit, kolikartige Schmerzen, Erbrechen, Diarrhö | Reflux, weiche/häufige Stühle, Blut/Schleim im Stuhl, Bauchschmerzen, Säuglingskoliken, Nahrungsverweigerung, Obstipation, perianale Rötung, Blässe/Müdigkeit, Gedeihstörung |
| Respiratorisch | Obere/untere Atemwegssymptome (Niesen, Rhinorrhoe, Giemen, Atemnot) | Untere Atemwegssymptome (Husten, Giemen, Atemnot) |
| Systemisch | Anaphylaxie | - |
Diagnostik
Die allergiefokussierte Anamnese ist der zwingende erste Schritt vor jeder apparativen Diagnostik. Sie erfasst die Atopie-Historie, genaue Symptomdetails (Alter, Geschwindigkeit, Dauer, Schweregrad, Reproduzierbarkeit) und die Ernährungsgeschichte.
IgE-vermittelte Allergie
- Diagnostik: Prick-Test und/oder spezifische IgE-Antikörper im Blut.
- Voraussetzung: Prick-Tests dürfen nur bei Vorhandensein einer Notfallausrüstung (Anaphylaxie-Bereitschaft) durchgeführt werden.
- Kontraindikation: Keine Atopie-Patch-Tests oder orale Provokationen in der Primärversorgung.
Nicht-IgE-vermittelte Allergie
- Diagnostik: Probatorische Eliminationsdiät für 2–6 Wochen, gefolgt von einer Reexposition.
- Unterstützung: Hinzuziehung einer Ernährungsfachkraft wird empfohlen.
Überweisungskriterien
Eine Überweisung in die fachärztliche Versorgung sollte unter anderem in folgenden Fällen erwogen werden:
- Gedeihstörung kombiniert mit gastrointestinalen Symptomen
- Kein Ansprechen auf eine Einzel-Allergen-Eliminationsdiät
- Akute systemische oder schwere verzögerte Reaktionen
- Bestätigte IgE-vermittelte Allergie mit begleitendem Asthma
- Signifikantes atopisches Ekzem bei Verdacht auf multiple Allergien
- Anhaltender elterlicher Verdacht trotz fehlender Anamnese oder negativer Tests
Nicht empfohlene Verfahren
Die Leitlinie rät ausdrücklich von folgenden alternativen Diagnoseverfahren ab:
- Vega-Test
- Angewandte Kinesiologie
- Haaranalyse
- Serum-spezifische IgG-Testung
💡Praxis-Tipp
Führen Sie niemals Allergietests ohne vorherige allergiefokussierte Anamnese durch. Bei Verdacht auf eine Nicht-IgE-vermittelte Allergie ist die 2- bis 6-wöchige Eliminationsdiät mit anschließender Reexposition der diagnostische Goldstandard in der Primärversorgung.