Anaphylaxie: Diagnostik und Therapie nach StatPearls
Hintergrund
Die StatPearls-Leitlinie definiert die Anaphylaxie als eine akute, lebensbedrohliche und sich rasch entwickelnde multisystemische Überempfindlichkeitsreaktion. Historisch wurde zwischen IgE-vermittelten (anaphylaktischen) und IgE-unabhängigen (anaphylaktoiden) Reaktionen unterschieden. Laut Leitlinie werden diese Begriffe heute unter der einheitlichen Diagnose Anaphylaxie zusammengefasst, da das klinische Bild und die Behandlung identisch sind.
Die Pathophysiologie basiert typischerweise auf einer IgE-vermittelten Hypersensitivitätsreaktion vom Typ 1. Nach erneuter Exposition gegenüber einem spezifischen Antigen kommt es zur Degranulation von Basophilen und Mastzellen. Dabei werden chemische Mediatoren wie Histamin, Tryptase und Leukotriene freigesetzt, die zu Vasodilatation, Bronchokonstriktion und Gewebehypoperfusion führen.
Zu den häufigsten Auslösern zählen Insektenstiche, Latex sowie bestimmte Nahrungsmittel und Medikamente. Die Leitlinie weist darauf hin, dass die Prävalenz weltweit steigt und eine verzögerte oder verpasste Diagnose mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität einhergeht.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für das Management der Anaphylaxie:
Diagnostik und klinische Kriterien
Die Diagnose einer Anaphylaxie wird laut Leitlinie rein klinisch gestellt. Laboruntersuchungen wie Serum-Histamin oder Serum-Tryptase werden in der Akutphase nicht empfohlen, da sie für die Diagnosestellung zu ungenau sind oder zu spät ansteigen.
Es wird empfohlen, eine Anaphylaxie in Betracht zu ziehen, wenn zwei oder mehr Organsysteme betroffen sind, selbst wenn keine Atemwegsbeteiligung oder Hypotonie vorliegt. Die Leitlinie definiert drei klinische Kriterien, von denen eines erfüllt sein muss, um die Diagnose zu stellen:
| Kriterium | Expositionsstatus | Erforderliche klinische Symptome |
|---|---|---|
| Kriterium 1 | Unbekanntes Antigen | Rasch auftretende Haut-/Schleimhautsymptome PLUS Atemwegssymptome, Hypotonie oder Endorgandysfunktion |
| Kriterium 2 | Wahrscheinliches Antigen | Mindestens zwei der folgenden: Haut-/Schleimhautsymptome, Atemwegssymptome, Hypotonie, gastrointestinale Symptome |
| Kriterium 3 | Bekanntes Antigen | Hypotonie (systolisch < 90 mmHg oder > 30 % Abfall vom Ausgangswert) |
Akutmanagement und Atemwegssicherung
Die Sicherung der Atemwege hat laut Leitlinie oberste Priorität. Bei Anzeichen wie perioralem Ödem, Stridor oder Angioödem wird eine sofortige definitive Atemwegssicherung empfohlen, da eine Verzögerung das Risiko für einen chirurgischen Atemweg erhöht.
Nach der Atemwegssicherung wird die Entfernung des auslösenden Agens empfohlen, beispielsweise durch das Entfernen von Insektenstacheln.
Medikamentöse Therapie
Adrenalin (Epinephrin) ist das Mittel der Wahl und sollte bei Verdacht auf Anaphylaxie unverzüglich intramuskulär verabreicht werden. Die Leitlinie betont, dass der schnelle Nutzen die Risiken einer Behandlung bei Weitem übersteigt.
Zur Behandlung der distributiven Schocksymptomatik wird eine aggressive Volumentherapie mit isotonischen Kristalloiden empfohlen.
Als adjuvante Therapien können laut Leitlinie Kortikosteroide, Antihistaminika und inhalative Bronchodilatatoren eingesetzt werden. Diese dienen vor allem der Behandlung refraktärer Symptome oder der Prävention biphasischer Reaktionen, ersetzen jedoch nicht die primäre Adrenalingabe.
Überwachung und Entlassung
Nach erfolgreicher Behandlung mit Adrenalin und vollständiger Rückbildung der Symptome wird eine Beobachtungszeit von vier Stunden in der Notaufnahme empfohlen.
Bei refraktären Verläufen, Atemwegseingriffen oder instabilen Patienten wird eine Aufnahme auf die Intensivstation empfohlen. Eine längere Überwachung wird zudem für Risikogruppen angeraten, darunter ältere Menschen, Patienten mit Betablocker-Therapie oder Personen mit einer Anamnese für biphasische Reaktionen.
Bei Entlassung wird die Verordnung eines Adrenalin-Autoinjektors sowie eine Aufklärung über dessen Anwendung empfohlen. Zusätzlich wird eine kurzzeitige Therapie mit Antihistaminika und Kortikosteroiden für drei bis fünf Tage angeraten.
Dosierung
Die Leitlinie gibt folgende spezifische Dosierungsempfehlungen für die Akuttherapie:
| Medikament | Dosierung | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Adrenalin (Erwachsene) | 0,3 bis 0,5 mg (1:1.000) i.m. | Mittel der Wahl, bevorzugt in den Oberschenkel. Wiederholung alle 5-10 Minuten nach Bedarf. |
| Adrenalin (Kinder) | 0,01 mg/kg oder 0,15 mg i.m. | Mittel der Wahl bei pädiatrischen Patienten. |
| Adrenalin (intravenös) | 0,1 mg (1:10.000) über 5-10 Min. i.v. | Nur bei refraktären Verläufen. Bei Bedarf Erhaltung mit 1 µg/min. |
| Isotonische Kristalloide | 1 bis 2 Liter (Erwachsene) oder 10-20 ml/kg (Kinder) | Als Bolus zur Behandlung der Hypotonie. |
| Methylprednisolon | 80 bis 125 mg i.v. | Adjuvante Akuttherapie zur Reduktion biphasischer Reaktionen. |
| Hydrocortison | 250 bis 500 mg i.v. | Alternative adjuvante Akuttherapie. |
| Prednison | 40 bis 60 mg p.o. täglich | Orale Fortsetzungstherapie für 3 bis 5 Tage nach dem Akutereignis. |
| Diphenhydramin | 25 bis 50 mg i.v. oder i.m. | Adjuvanter H1-Blocker. |
| Famotidin | 20 mg i.v. über 2 Minuten | Adjuvanter H2-Blocker bei schweren Verläufen. |
| Glukagon | Individuell nach Klinik | Antidot bei refraktärer Anaphylaxie unter Betablocker-Therapie. |
Kontraindikationen
Laut Leitlinie gibt es keine absolute Kontraindikation für die Behandlung mit Adrenalin bei einer Anaphylaxie.
Es wird ausdrücklich davon abgeraten, bei oraler Aufnahme des Auslösers eine Magenspülung durchzuführen, da dies ineffektiv ist und die lebensrettende Therapie verzögert.
Für die Volumensubstitution wird der Einsatz von Albumin oder hypertonen Lösungen nicht empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt davor, die Adrenalingabe aus Angst vor Nebenwirkungen zu verzögern oder stattdessen primär Antihistaminika einzusetzen. Antihistaminika lindern nicht alle Manifestationen der Anaphylaxie und benötigen bis zu drei Stunden für den Wirkeintritt. Zudem wird darauf hingewiesen, dass bis zu 20 Prozent der Patienten eine biphasische Reaktion entwickeln können, bei der die Symptome 8 bis 11 Stunden nach dem Initialereignis erneut und potenziell lebensbedrohlich auftreten.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie erhalten Erwachsene 0,3 bis 0,5 mg Adrenalin (Konzentration 1:1.000) intramuskulär, bevorzugt in den Oberschenkel. Bei Kindern wird eine Dosis von 0,01 mg/kg oder 0,15 mg intramuskulär empfohlen.
Die intravenöse Gabe wird nur bei Patienten empfohlen, die auf mehrere intramuskuläre Dosen nicht ansprechen. Hierbei wird eine Verdünnung von 1:10.000 verwendet, wobei die Infusion bei Auftreten von Arrhythmien oder Brustschmerzen gestoppt werden sollte.
Eine biphasische Reaktion ist ein erneutes Auftreten der Anaphylaxie-Symptome nach anfänglicher Besserung, meist mit einem Höhepunkt nach 8 bis 11 Stunden. Die Leitlinie gibt an, dass dies bei bis zu 20 Prozent der Fälle auftritt, weshalb eine ausreichende Überwachung essenziell ist.
Nach erfolgreicher Behandlung mit Adrenalin und Symptomfreiheit wird eine Beobachtungszeit von mindestens vier Stunden in der Notaufnahme empfohlen. Bei Risikopatienten oder refraktären Verläufen wird eine längere Überwachung oder die Aufnahme auf eine Intensivstation angeraten.
Patienten unter Betablocker-Therapie haben ein höheres Risiko für schwere und prolongierte Verläufe. Wenn die Anaphylaxie auf Adrenalin nicht anspricht, kann laut Leitlinie Glukagon als Antidot eingesetzt werden.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: StatPearls: Anaphylaxis (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.