Glaukom & okuläre Hypertension: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die 360°-selektive Lasertrabekuloplastik (SLT) wird als Erstlinientherapie bei neu diagnostizierter okulärer Hypertension (OHT) und chronischem Offenwinkelglaukom (COAG) empfohlen.
- •Eine Überweisung sollte nicht allein auf Basis einer Non-Contact-Tonometrie erfolgen; die Goldmann-Applanationstonometrie ist der Standard.
- •Bei OHT und Verdacht auf COAG ist eine Therapie nur indiziert, wenn ein lebenslanges Risiko für eine Sehverschlechterung besteht.
- •Generische Prostaglandin-Analoga (PGA) sind die medikamentöse Therapie der ersten Wahl, falls eine SLT nicht geeignet ist oder abgelehnt wird.
- •Die Kontrollintervalle richten sich nach der intraokularen Druckkontrolle (IOD) und dem Progressionsrisiko und variieren zwischen 1 und 24 Monaten.
Hintergrund
Das chronische Offenwinkelglaukom (COAG) und die okuläre Hypertension (OHT) erfordern eine präzise Diagnostik und stadiengerechte Therapie, um irreversible Sehverluste zu verhindern. Die aktuelle NICE-Leitlinie fokussiert sich auf die frühzeitige Erkennung, den Einsatz der selektiven Lasertrabekuloplastik (SLT) als Primärtherapie und risikoadaptierte Kontrollintervalle.
Diagnostik und Überweisung
Vor einer Überweisung zur weiteren Diagnostik müssen primäre Augenversorger eine umfassende Untersuchung durchführen. Eine Überweisung darf nicht ausschließlich auf einer Non-Contact-Tonometrie basieren.
Folgende Basisuntersuchungen sind obligatorisch:
- Gesichtsfeldprüfung: Standardisierte automatisierte Perimetrie.
- Sehnervenbeurteilung: Stereoskopische Spaltlampen-Biomikroskopie (ggf. mit Pupillenerweiterung) und OCT/Bildgebung.
- Augeninnendruck (IOD): Goldmann-Applanationstonometrie.
- Vorderkammertiefe: Gonioskopie (alternativ van-Herick-Test oder OCT).
Eine Überweisung ist indiziert bei:
- Sehnervenschäden in der Spaltlampenuntersuchung
- Glaukom-typischen Gesichtsfelddefekten
- IOD ≥ 24 mmHg (mittels Goldmann-Tonometrie)
Therapie der okulären Hypertension (OHT)
Eine Behandlung der OHT wird nur empfohlen, wenn für den Patienten zu Lebzeiten ein Risiko für eine Sehverschlechterung besteht.
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Wahl | 360° Selektive Lasertrabekuloplastik (SLT) | Bei IOD ≥ 24 mmHg. Nicht bei Pigmentdispersionssyndrom. Kann bei Wirkverlust wiederholt werden. |
| 2. Wahl | Generische Prostaglandin-Analoga (PGA) | Wenn SLT abgelehnt wird, ungeeignet ist oder als Überbrückung. |
| 3. Wahl | Alternatives generisches PGA oder Betablocker | Bei Unverträglichkeit der initialen Medikation. |
| 4. Wahl | Nicht-generische PGA, Carboanhydrasehemmer, Sympathomimetika | Monotherapie oder in Kombination bei unzureichender IOD-Senkung. |
Hinweis: Latanoprost-Netarsudil kann als weitere medikamentöse Option in Betracht gezogen werden.
Therapie des chronischen Offenwinkelglaukoms (COAG)
Die Therapieauswahl richtet sich nach dem Stadium der Erkrankung und der individuellen Verträglichkeit.
| Stadium / Situation | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Neu diagnostiziert (nicht fortgeschritten) | 360° SLT | Erstlinientherapie. Aufklärung über mögliche transiente Nebenwirkungen erforderlich. |
| SLT ungeeignet / abgelehnt | Generische PGA | Korrekte Tropftechnik demonstrieren und überprüfen. |
| Unzureichende IOD-Senkung unter PGA | Wechsel/Kombination mit anderer Wirkstoffklasse, erneute SLT oder Glaukomchirurgie | Wirkstoffklassen: Betablocker, Carboanhydrasehemmer, Sympathomimetika. |
| Fortgeschrittenes COAG | Glaukomchirurgie mit Mitomycin-C (MMC) | Als Überbrückung bis zur OP: generische PGA. |
Verlaufskontrollen und Reassessment
Bei jeder Kontrolle müssen das Risiko einer Konversion zum COAG und das Risiko eines Sehverlusts neu bewertet werden. Die Intervalle richten sich nach der IOD-Kontrolle und der klinischen Stabilität.
| Patientenstatus | IOD kontrolliert? | Progressionsnachweis | Empfohlenes Intervall |
|---|---|---|---|
| OHT / Verdacht auf COAG | Nein | Keine / Unsicher | 1 bis 4 Monate |
| OHT / Verdacht auf COAG | Ja | Unsicher | 6 bis 12 Monate |
| OHT | Ja | Keine Konversion | 18 bis 24 Monate |
| Verdacht auf COAG | Ja | Keine Konversion | 12 bis 18 Monate |
| COAG | Nein | Keine Progression | 1 bis 4 Monate |
| COAG | Nein | Progression (oder unsicher) | 1 bis 2 Monate |
| COAG (geringes Risiko) | Ja | Keine Progression | 12 bis 18 Monate |
| COAG (hohes Risiko) | Ja | Keine Progression | 6 bis 12 Monate |
| COAG | Ja | Progression (oder unsicher) | 2 bis 6 Monate |
Hinweis: Patienten mit OHT oder Verdacht auf COAG können in die primäre Augenversorgung zurücküberwiesen werden, wenn keine Therapie erforderlich ist oder sich der Verdacht nicht bestätigt hat.
💡Praxis-Tipp
Überweisen Sie Patienten nicht allein aufgrund eines erhöhten Augeninnendrucks in der Non-Contact-Tonometrie. Bestätigen Sie Werte ≥ 24 mmHg stets mittels Goldmann-Applanationstonometrie und führen Sie eine umfassende Basisdiagnostik inklusive Gesichtsfeldprüfung durch.