Katarakt-OP bei Erwachsenen: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Indikation zur Katarakt-Operation darf nicht alleinig auf Basis der Sehschärfe (Visus) eingeschränkt werden.
- •Zur Biometrie wird primär die optische Messung empfohlen; die Formelwahl richtet sich nach der Achslänge.
- •Multifokale Intraokularlinsen (IOL) und retrobulbäre Anästhesieverfahren sollen nicht angeboten werden.
- •Zur Endophthalmitis-Prophylaxe wird intrakamerales Cefuroxim empfohlen.
- •Eine routinemäßige Kontrolle am ersten postoperativen Tag ist bei unkomplizierten Verläufen nicht indiziert.
Hintergrund
Die Katarakt (Grauer Star) führt durch Trübung der Augenlinse zu einer fortschreitenden Sehverschlechterung und Einschränkung der Lebensqualität. Die Katarakt-Operation ist ein hochgradig standardisierter und häufiger Eingriff. Die vorliegende NICE-Leitlinie definiert evidenzbasierte Standards für den gesamten Behandlungspfad bei Erwachsenen ab 18 Jahren.
Indikation und Überweisung
Die Entscheidung zur Operation basiert auf einer gemeinsamen Entscheidungsfindung (Shared Decision Making) mit dem Patienten.
- Keine Visus-Grenzen: Der Zugang zur Katarakt-Operation darf nicht auf Basis der reinen Sehschärfe eingeschränkt werden.
- Entscheidungskriterien: Ausschlaggebend sind die Auswirkungen auf die Lebensqualität, das Sehvermögen im Alltag sowie die individuellen Risiken und der Wunsch des Patienten.
Präoperative Diagnostik und Biometrie
Standardmäßig soll die optische Biometrie zur Messung der Achslänge verwendet werden. Ultraschall-Biometrie ist nur indiziert, wenn optische Verfahren nicht möglich sind oder keine genauen Messwerte liefern. Die Hornhautkrümmung wird mittels Keratometrie bestimmt.
Biometrie-Formeln nach Achslänge
Für Patienten ohne vorherige refraktive Hornhautchirurgie gelten folgende Empfehlungen zur Berechnung der Intraokularlinse (IOL):
| Achslänge | Empfohlene Formel | Alternative |
|---|---|---|
| < 22,00 mm | Haigis oder Hoffer Q | - |
| 22,00 - 26,00 mm | Barrett Universal II | SRK/T (falls Barrett nicht installiert) |
| > 26,00 mm | Haigis oder SRK/T | - |
Bei Zustand nach refraktiver Hornhautchirurgie ist die veränderte Relation zwischen anteriorer und posteriorer Hornhautkrümmung zu berücksichtigen. Standard-Biometrie oder rein historische Daten reichen hier nicht aus.
Intraokularlinsen (IOL) und Refraktion
- Multifokallinsen: Sollen für die Katarakt-Chirurgie nicht angeboten werden.
- Monovision: Kann Patienten angeboten werden, die bereits präoperativ eine Anisometropie oder Monovision aufweisen und diese beibehalten möchten.
- Astigmatismus: Zur Reduktion eines postoperativen Astigmatismus können "On-axis"-Inzisionen oder limbal-relaxierende Inzisionen (LRI) erwogen werden.
Anästhesie
| Verfahren | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Sub-Tenon / Topisch | Empfohlen | Mit oder ohne intrakamerale Gabe |
| Peribulbär | Erwägen | Nur wenn sub-Tenon/topisch kontraindiziert |
| Retrobulbär | Nicht empfohlen | Darf nicht angeboten werden |
Zusatzmaßnahmen: Eine Sedierung durch einen erfahrenen Anästhesisten kann bei hoher Angst, muskuloskelettalen Problemen oder langer OP-Dauer erwogen werden. Hyaluronidase kann als Zusatz zur sub-Tenon-Anästhesie zur Akinesie des Auges genutzt werden.
Komplikationsmanagement und Prophylaxe
- Endophthalmitis: Standardmäßige präoperative Antiseptika und intrakamerales Cefuroxim während der OP verwenden. Um Verdünnungsfehler zu vermeiden, sollen kommerziell oder apothekenüblich hergestellte Lösungen genutzt werden.
- Floppy-Iris-Syndrom: Intrakamerales Phenylephrin zur Pupillenerweiterung bei Risikopatienten erwägen.
- Kapselspannringe: Nicht bei unkomplizierter Routine-OP verwenden. Bei Pseudoexfoliationssyndrom erwägen.
- Zystoides Makulaödem (CMO): Topische Steroide in Kombination mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAID) zur Prophylaxe (besonders bei erhöhtem Risiko wie Diabetes oder Uveitis) und zur Therapie erwägen.
Patientensicherheit: Vermeidung falscher Linsen
Um die Implantation einer falschen Linse (Never Event) zu verhindern, gelten strenge Sicherheitsvorgaben:
- Biometrie-Ergebnisse dürfen niemals händisch übertragen werden.
- Nutzung einer modifizierten WHO-Sicherheitscheckliste zur Verifizierung von Identität, Auge und Linse.
- Vor der Anästhesie darf sich immer nur eine IOL (die für den Patienten bestimmte) im OP-Saal befinden, plus identische Ersatzlinsen und Alternativen für Komplikationen.
Postoperative Nachsorge
- Keine routinemäßige persönliche Vorstellung am ersten postoperativen Tag nach unkomplizierter Operation.
- Bei Entlassung mit noch wirksamer Anästhesie ist ein Augenschutz anzubringen.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie für die Linsenberechnung des zweiten Auges 50 % des Vorhersagefehlers (Prediction Error) des ersten Auges. Übertragen Sie Biometrie-Daten niemals händisch, um Linsenverwechslungen konsequent zu vermeiden.