Glaukom: Diagnostik & Therapie (NICE-Leitlinie)
📋Auf einen Blick
- •Die Goldmann-Applanationstonometrie ist der Standard zur Augeninnendruckmessung (IOP); eine Überweisung darf nicht allein auf Basis von Non-Contact-Tonometrie erfolgen.
- •Bei okulärer Hypertension (OHT) und chronischem Offenwinkelglaukom (COAG) wird die 360°-SLT als Erstlinientherapie empfohlen.
- •Generische Prostaglandin-Analoga (PGA) sind die medikamentöse Therapie der ersten Wahl, falls eine SLT nicht infrage kommt.
- •Bei fortgeschrittenem COAG ist primär eine Glaukomchirurgie mit Mitomycin C (MMC) indiziert.
- •Kontrollintervalle richten sich nach Progressionsrisiko und IOP-Kontrolle (z. B. 18-24 Monate bei stabiler OHT, 6-12 Monate bei COAG mit hohem Risiko).
Hintergrund
Das chronische Offenwinkelglaukom (COAG) und die okuläre Hypertension (OHT) erfordern eine präzise Diagnostik und stadiengerechte Therapie, um eine irreversible Sehverschlechterung zu verhindern. Die NICE-Leitlinie definiert klare Kriterien für das Case-Finding, die Diagnosestellung und das Management.
Diagnostik und Überweisung
Eine Überweisung zur weiteren Abklärung sollte erfolgen bei:
- IOP ≥ 24 mmHg (gemessen mittels Goldmann-Applanationstonometrie)
- Verdacht auf Optikusnervschädigung
- Glaukom-typischem Gesichtsfelddefekt
Wichtig: Eine Überweisung darf nicht ausschließlich auf Basis einer Non-Contact-Tonometrie erfolgen.
| Diagnostischer Bereich | Empfohlene Untersuchungsmethoden |
|---|---|
| Augeninnendruck (IOP) | Goldmann-Applanationstonometrie (Spaltlampen-montiert) |
| Gesichtsfeld | Standardisierte automatisierte Perimetrie (zentraler Schwellentest) |
| Optikusnerv & Fundus | Stereoskopische Spaltlampen-Biomikroskopie (in Mydriasis), OCT |
| Vorderkammerwinkel | Gonioskopie (alternativ: van-Herick-Test oder OCT) |
| Hornhaut | Messung der zentralen Hornhautdicke (CCT) bei Diagnosestellung |
Therapie der okulären Hypertension (OHT)
Eine Therapie der OHT wird nur empfohlen, wenn ein Risiko für eine Sehverschlechterung zu Lebzeiten besteht.
| Stufe | Therapieoption | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Wahl | 360° Selektive Lasertrabekuloplastik (SLT) | Bei IOP ≥ 24 mmHg. Nicht bei Pigmentdispersionssyndrom. |
| Alternative / Interim | Generisches Prostaglandin-Analogon (PGA) | Wenn SLT abgelehnt wird, kontraindiziert ist oder als Überbrückung. |
| 2. Wahl | Beta-Blocker | Bei Unverträglichkeit von generischen PGAs. |
| Weitere Optionen | Nicht-generische PGAs, Carboanhydrasehemmer, Sympathomimetika, Miotika | Bei Unverträglichkeit der Erst- und Zweitlinientherapie. Latanoprost-Netarsudil als Option. |
Therapie des chronischen Offenwinkelglaukoms (COAG)
Die Therapie richtet sich nach dem Stadium der Erkrankung.
Nicht-fortgeschrittenes COAG
- 1. Wahl: 360° SLT (außer bei Pigmentdispersionssyndrom).
- Alternative: Generisches PGA, falls SLT nicht geeignet oder gewünscht ist.
- Eskalation: Bei unzureichender IOP-Senkung trotz PGA-Therapie und guter Adhärenz: Wechsel auf/Kombination mit anderer Wirkstoffklasse, erneute 360° SLT oder Glaukomchirurgie.
Fortgeschrittenes COAG
- 1. Wahl: Glaukomchirurgie mit pharmakologischer Augmentation (Mitomycin C / MMC).
- Interimstherapie: Generisches PGA bis zur Operation.
- Alternativen (bei Ablehnung/Kontraindikation der OP): Pharmakologische Kombinationstherapie, 360° SLT oder Zyklodiode-Laserbehandlung.
Reevaluation und Kontrollintervalle
Bei jeder Kontrolle müssen der IOP (Goldmann-Tonometrie) und der Vorderkammerwinkel (Spaltlampe/van Herick) beurteilt werden. Die Intervalle richten sich nach der klinischen Stabilität:
| Diagnose | IOP kontrolliert? | Progression / Konversion | Empfohlenes Intervall |
|---|---|---|---|
| OHT | Ja | Keine Konversion | 18 bis 24 Monate |
| OHT | Ja | Unsichere Konversion | 6 bis 12 Monate |
| Verdacht auf COAG | Ja | Keine Konversion | 12 bis 18 Monate |
| COAG (geringes Risiko) | Ja | Keine Progression | 12 bis 18 Monate |
| COAG (hohes Risiko) | Ja | Keine Progression | 6 bis 12 Monate |
| COAG | Nein | Unsicher / Progression | 1 bis 2 Monate |
💡Praxis-Tipp
Überprüfen Sie bei unzureichender Drucksenkung unter Prostaglandin-Analoga immer zuerst die Adhärenz und die korrekte Tropftechnik des Patienten, bevor Sie die Therapie eskalieren. Verlassen Sie sich bei der Indikationsstellung zur Überweisung nie allein auf die Non-Contact-Tonometrie.