Nicht-komplexe Frakturen: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Schmerztherapie richtet sich nach Alter und Schmerzintensität; NSAR sind bei gebrechlichen oder älteren Patienten kontraindiziert.
- •Zur Indikationsstellung von Röntgenaufnahmen sollen die Ottawa-Regeln bei Knie- (>2 Jahre) und Sprunggelenksfrakturen (>5 Jahre) angewendet werden.
- •Torusfrakturen des distalen Radius bei Kindern erfordern keinen starren Gips und keine routinemäßige Nachkontrolle.
- •Bei unimalleolären Sprunggelenksfrakturen wird eine sofortige, uneingeschränkte Vollbelastung empfohlen.
- •Bei allen Kindern mit Femurfrakturen muss vor der Entlassung zwingend eine nicht-akzidentelle Verletzung (Kindesmisshandlung) ausgeschlossen werden.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie (NG38) befasst sich mit der Diagnostik und Behandlung nicht-komplexer Frakturen bei Erwachsenen und Kindern. Ziel ist es, eine Überversorgung harmloser Verletzungen zu vermeiden und gleichzeitig potenziell folgenschwere Frakturen sicher zu identifizieren.
Schmerztherapie und Immobilisation
Die initiale Schmerztherapie richtet sich nach dem Alter und der Schmerzintensität. Bei Verdacht auf Frakturen der langen Röhrenknochen gelten folgende Empfehlungen:
Erwachsene (ab 16 Jahren):
| Schmerzintensität | Empfohlene Medikation |
|---|---|
| Leicht | Paracetamol p.o. |
| Mittel | Paracetamol p.o. + Codein p.o. |
| Schwer | Paracetamol i.v. + Morphin i.v. (titriert) |
- Wichtig: Bei gebrechlichen oder älteren Patienten keine NSAR anwenden und i.v.-Opioide nur mit Vorsicht einsetzen.
- Bei anderen Patienten können NSAR ergänzend erwogen werden.
Kinder (unter 16 Jahren):
| Schmerzintensität | Empfohlene Medikation |
|---|---|
| Leicht bis mittel | Ibuprofen p.o. und/oder Paracetamol p.o. |
| Mittel bis schwer | Opioide intranasal oder i.v. |
Zur präklinischen Immobilisation von Beinbrüchen sollte oberhalb des Knies eine Traktionsschiene oder das gesunde Bein als Schiene genutzt werden. Für alle anderen langen Röhrenknochen wird eine Vakuumschiene empfohlen. Bei Kindern mit dislozierten Femurfrakturen ist in der Notaufnahme ein Femoralis- oder Fascia-iliaca-Block zu erwägen.
Diagnostik und Bildgebung
Zur Vermeidung unnötiger Röntgenaufnahmen sollen klinische Entscheidungsregeln angewendet werden:
- Ottawa-Knie-Regeln: Bei Patienten >2 Jahre mit Verdacht auf Kniefraktur.
- Ottawa-Sprunggelenks-Regeln: Bei Patienten >5 Jahre mit Verdacht auf Sprunggelenksfraktur.
Bei Verdacht auf eine Scaphoidfraktur sollte nach einer gründlichen klinischen Untersuchung ein MRT als primäre Bildgebung erwogen werden.
Management in der Notaufnahme
- Distale Radiusfraktur (Erwachsene): Zur Reposition dorsal dislozierter Frakturen kann eine intravenöse Regionalanästhesie (Bier-Block) erwogen werden. Lachgas darf nicht als alleiniges Analgetikum zur Reposition verwendet werden.
- Torusfrakturen (Kinder): Für Torusfrakturen des distalen Radius darf kein starrer Gips verwendet werden. Die Kinder können nach der Erstbeurteilung entlassen werden; eine routinemäßige Nachkontrolle ist nicht erforderlich.
Orthopädische Weiterbehandlung
Operationszeitpunkte
| Frakturtyp | Empfohlener OP-Zeitpunkt |
|---|---|
| Sprunggelenksfraktur | Am Tag der Verletzung oder am Folgetag |
| Distaler Radius (intraartikulär) | Innerhalb von 72 Stunden |
| Distaler Radius (extraartikulär) | Innerhalb von 7 Tagen |
| Distaler Radius (Re-Dislokation) | Innerhalb von 72 Stunden nach OP-Entscheidung |
Spezifische Frakturbehandlungen
- Unimalleoläre Sprunggelenksfraktur (konservativ): Sofortige uneingeschränkte Vollbelastung empfehlen. Follow-up innerhalb von 2 Wochen nur bei unklarer Stabilität.
- Distale Femurfraktur (post-OP): Sofortige uneingeschränkte Vollbelastung erwägen.
- Proximale Humerusfraktur (Erwachsene): Unkomplizierte Verletzungen konservativ behandeln. OP erwägen bei offenen Wunden, Hautzeltung, Gefäßverletzungen, Luxationsfrakturen oder Head-Split.
Kindliche Femurschaftfrakturen
Alle Kinder mit Femurschaftfrakturen müssen stationär aufgenommen werden. Die Therapie richtet sich nach Alter und Gewicht:
| Alter / Gewicht | Therapieoption |
|---|---|
| Frühgeborene / Geburtsverletzung | Einfache gepolsterte Schiene |
| 0-6 Monate | Pavlik-Bandage oder Overhead-Extension (Gallows) |
| 3-18 Monate (<15 kg) | Overhead-Extension (Gallows) |
| 1-6 Jahre (<25 kg) | Hautzug (ggf. Wechsel auf Becken-Bein-Gips) |
| 4-12 Jahre (<50 kg) | Elastischer intramedullärer Nagel (ESIN) |
| >11 Jahre (>50 kg) | ESIN mit Endkappen, starrer Marknagel oder submuskuläre Platte |
Kinderschutz
Bei allen Kindern mit Femurfrakturen muss vor der Entlassung eine nicht-akzidentelle Verletzung (Kindesmisshandlung) ausgeschlossen werden. Dies gilt insbesondere für Kinder, die noch nicht laufen oder sprechen können.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei kindlichen Torusfrakturen des distalen Radius auf einen starren Gips und aufwendige Nachkontrollen - eine einfache Schienung und Entlassung nach der Erstbeurteilung sind ausreichend.