Sepsis in der Schwangerschaft: NICE-Leitlinie 2025
📋Auf einen Blick
- •Schwangere und Frauen bis 6 Wochen post partum oder nach Abort gelten als Hochrisikogruppe für eine Sepsis.
- •Bei Vorliegen eines Hochrisiko-Kriteriums muss innerhalb einer Stunde eine Breitbandantibiose erfolgen.
- •Die intravenöse Flüssigkeitstherapie richtet sich nach dem Laktatwert und dem Blutdruck.
- •Fieber oder Hypothermie allein dürfen nicht zum Ein- oder Ausschluss einer Sepsis verwendet werden.
Hintergrund
Schwangere sowie Frauen bis zu 6 Wochen nach der Entbindung, nach einem Abort oder Schwangerschaftsabbruch stellen eine Hochrisikogruppe für eine Sepsis dar. Besondere Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer Sepsis erhöhen, umfassen:
- Eingeschränktes Immunsystem (durch Krankheit oder Medikamente)
- Diabetes oder Gestationsdiabetes
- Invasive Eingriffe in den letzten 6 Wochen (z.B. Sectio, Zangenentbindung, Entfernung von Plazentaresten)
- Vorzeitiger Blasensprung
- Kontakt zu Personen mit Gruppe-A-Streptokokken-Infektionen (z.B. Scharlach)
- Anhaltende vaginale Blutung oder übelriechender Ausfluss
Initiale Beurteilung
Bei Verdacht auf Sepsis müssen Temperatur, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Blutdruck, Bewusstseinslage und Sauerstoffsättigung erfasst werden. Zudem ist auf spezifische Hautveränderungen zu achten:
- Marmoriertes oder aschfahles Aussehen
- Zyanose von Haut, Lippen oder Zunge
- Nicht-wegdrückbare petechiale oder purpurische Ausschläge
Wichtig: Eine fehlende Fieberreaktion schließt eine Sepsis nicht aus. Zudem ist die physiologische Herzfrequenz in der Schwangerschaft um 10 bis 15 Schläge pro Minute erhöht, was bei der Interpretation berücksichtigt werden muss.
Risikostratifizierung
Die Leitlinie teilt Patientinnen anhand klinischer Parameter in Risikogruppen ein, um die Dringlichkeit der Behandlung festzulegen.
| Kategorie | Hochrisiko-Kriterien | Moderate bis hohe Risikokriterien |
|---|---|---|
| Bewusstsein | Objektiv neuer, veränderter mentaler Status | Anamnestisch verändertes Verhalten, akute Verschlechterung, Immunsuppression, OP/Trauma in letzten 6 Wochen |
| Atmung | AF ≥ 25/min, neuer O2-Bedarf (≥40% FiO2) für SpO2 >92% | AF 21-24/min |
| Blutdruck | Systolisch ≤ 90 mmHg oder >40 mmHg unter Normalwert | Systolisch 91-100 mmHg |
| Kreislauf | HF > 130/min, keine Urinausscheidung seit 18h | HF 100-130/min, neue Arrhythmie, keine Urinausscheidung seit 12-18h |
| Temperatur | Tympanal < 36°C | Keine spezifischen Kriterien |
| Haut | Marmoriert/aschfahl, Zyanose, nicht-wegdrückbare Petechien | Infektionszeichen an OP-Wunde (Rötung, Schwellung, Sekretion) |
Management bei Hochrisiko (1-Stunden-Bündel)
Bei Vorliegen von mindestens einem Hochrisiko-Kriterium muss sofort ein erfahrener Kliniker hinzugezogen werden. Innerhalb von 1 Stunde müssen folgende Maßnahmen erfolgen:
- Blutentnahme: Blutgasanalyse (inkl. Glukose und Laktat), Blutkulturen, Blutbild, CRP, Nieren- und Leberwerte, Gerinnung.
- Antibiose: Gabe eines intravenösen Breitbandantibiotikums (Blutkulturen zwingend vorher abnehmen!).
- Flüssigkeitstherapie:
- Laktat > 4 mmol/l oder systolischer RR ≤ 90 mmHg: Sofortiger IV-Flüssigkeitsbolus und Hinzuziehung der Intensivmedizin.
- Laktat 2-4 mmol/l: Sofortiger IV-Flüssigkeitsbolus.
- Laktat < 2 mmol/l: IV-Flüssigkeitsbolus erwägen.
- Sauerstoff: Ziel-SpO2 94-98% (88-92% bei Risiko für hyperkapnisches Atemversagen).
Fokus-Suche und Kontrolle
Die Diagnostik zur Fokus-Suche sollte individuell angepasst werden. Eine Urinuntersuchung und ein Röntgen-Thorax sind bei allen Patientinnen mit Sepsis-Verdacht zu erwägen. Findet sich kein Fokus, sollte eine Bildgebung von Abdomen und Becken erfolgen.
Ist eine chirurgische oder radiologische Intervention zur Sanierung des Infektionsherdes (z.B. Abszessspaltung, Kürettage) indiziert, müssen Geburtshelfer und das chirurgische Team frühzeitig eingebunden werden. Der Eingriff sollte so schnell wie möglich erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich nicht auf Fieber als alleiniges Sepsis-Kriterium. Beachten Sie bei der Beurteilung der Vitalparameter, dass die physiologische Herzfrequenz in der Schwangerschaft um 10 bis 15 Schläge pro Minute erhöht ist.