Akute Atemwegsinfektionen (ab 16 J.): NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Bei Verdacht auf eine akute Atemwegsinfektion (ARI) muss immer an eine mögliche Sepsis gedacht werden.
- •Antimikrobielle Medikamente sollten nicht routinemäßig rein auf Basis einer Fernbeurteilung verschrieben werden.
- •Point-of-Care-Tests auf Erreger oder Influenza werden zur Entscheidung über eine Antibiotikagabe nicht empfohlen.
- •Bei unklarer Indikation für Antibiotika bei tiefen Atemwegsinfektionen hilft der CRP-Wert (Grenzwert >100 mg/l für sofortige Gabe).
Hintergrund
Die akute Atemwegsinfektion (ARI) ist definiert als eine akute Erkrankung (Dauer von maximal 21 Tagen), die den Atemtrakt betrifft. Typische Symptome sind Husten, Halsschmerzen, Fieber, Auswurf, Atemnot, Giemen oder Beschwerden im Brustkorb ohne alternative Erklärung. Die NICE-Leitlinie (NG237) adressiert die Erstbeurteilung und initiale Behandlung von Patienten ab 16 Jahren.
Erstkontakt und allgemeine Beurteilung
Bei jedem Erstkontakt (ob remote oder persönlich) gelten folgende Kernaussagen:
- Sepsis-Risiko prüfen: Bei Verdacht auf eine ARI muss immer die Frage gestellt werden: "Könnte dies eine Sepsis sein?"
- Selbstfürsorge: Patienten, deren Symptome zu Hause behandelt werden können, sollen Ratschläge zur Selbstfürsorge erhalten. Dies umfasst Informationen zur voraussichtlichen Krankheitsdauer und dazu, wann und wie medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden sollte (z. B. bei rapider Verschlechterung).
Fernbeurteilung (Telemedizin/Telefon)
Bei einer Fernbeurteilung muss ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden. Es ist sicherzustellen, dass der Patient die digitale Technologie nutzen kann.
Eine persönliche Vorstellung (Face-to-Face) ist zu veranlassen, wenn:
| Kriterium | Beispiele / Bemerkung |
|---|---|
| Eingeschränkte Kommunikation | Eine adäquate Fernbeurteilung ist nicht möglich |
| Verdacht auf schwere Erkrankung | Z. B. Pneumonie oder nicht-infektiöse Ursachen |
| Komorbiditäten / Risikofaktoren | Z. B. Frailty (Gebrechlichkeit), COPD oder Immunsuppression |
Antibiotika-Verschreibung aus der Ferne: Antimikrobielle Medikamente dürfen nicht routinemäßig allein auf Basis einer Fernbeurteilung verschrieben werden. Ausnahmen gelten nur, wenn der Patient weiß, wann er Hilfe suchen muss, UND:
- Eine persönliche Vorstellung sehr schwierig oder unmöglich ist.
- Die Schwere der Erkrankung aus der Ferne sicher beurteilt werden kann und das Risiko einer Alternativdiagnose gering ist.
- Der Arzt sich der Indikation für Antimikrobiotika sicher ist.
Persönliche Vorstellung und Diagnostik
Die klinische Beurteilung ist maßgeblich für die Diagnose und die Entscheidung über eine Antibiotikagabe (sofort oder als Back-up-Rezept). Bei Patienten mit höherem Risiko für einen schlechten Verlauf (z. B. Multimorbidität, Frailty) kann die Schwelle für eine Behandlung oder Überweisung niedriger sein.
Einsatz von Schnelltests:
- Keine routinemäßigen Point-of-Care-Tests (POC) auf mikrobiologische Erreger oder Influenza zur Entscheidung über eine Antibiotikagabe anbieten. (Tests können nur für Überwachung/Infektionsschutz indiziert sein).
CRP-Wert bei tiefen Atemwegsinfektionen: Wenn nach klinischer Beurteilung unklar ist, ob Antibiotika benötigt werden, kann ein Point-of-Care-CRP-Test die Entscheidung unterstützen:
| CRP-Wert | Empfehlung zur Antibiotika-Therapie |
|---|---|
| > 100 mg/l | Sofortige Antibiotika-Gabe anbieten |
| 20 - 100 mg/l | Back-up-Rezept (Reserveantibiotikum) erwägen |
| < 20 mg/l | Routinemäßig keine Antibiotika anbieten |
Bei influenzaähnlichen Erkrankungen sind die saisonalen Empfehlungen der Gesundheitsbehörden zu beachten.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf mikrobiologische Point-of-Care-Tests zur Indikationsstellung von Antibiotika. Nutzen Sie bei unklarer klinischer Situation einer tiefen Atemwegsinfektion stattdessen den CRP-Wert: >100 mg/l spricht für eine sofortige Gabe, <20 mg/l dagegen.