Fruehgeburt und vorzeitige Wehen: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Prophylaktisches vaginales Progesteron oder eine Cerclage werden bei einer Zervixlaenge von <= 25 mm und stattgehabter Fruehgeburt empfohlen.
- •Die Diagnostik bei intakter Fruchtblase ab 30+0 SSW erfolgt mittels transvaginalem Ultraschall (Zervixlaenge) oder fetalem Fibronektin.
- •Mittel der Wahl zur Tokolyse ist Nifedipin (Off-Label); Betamimetika sollen nicht verwendet werden.
- •Kortikosteroide zur Lungenreife sollen primaer zwischen 24+0 und 33+6 SSW angeboten werden (maximal 2 Zyklen insgesamt).
- •Magnesiumsulfat zur Neuroprotektion des Neugeborenen wird zwischen 24+0 und 29+6 SSW empfohlen.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie behandelt die Betreuung von Frauen mit Einlingsschwangerschaften, die ein erhoehtes Risiko fuer eine Fruehgeburt (vor 37+0 SSW) aufweisen oder Symptome vorzeitiger Wehen zeigen. Ziel ist es, die Risiken fuer das Neugeborene durch evidenzbasierte Interventionen zu minimieren.
Prophylaxe der Fruehgeburt
Fuer Frauen mit erhoehtem Risiko stehen prophylaktisches vaginales Progesteron und die prophylaktische Zervixcerclage zur Verfuegung. Die Entscheidung sollte gemeinsam mit der Patientin nach Aufklaerung ueber Risiken und Nutzen getroffen werden.
| Massnahme | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Vaginales Progesteron | Zervixlaenge <= 25 mm (16+0 bis 24+0 SSW) UND/ODER stattgehabte Fruehgeburt/Spuetabort | Start zwischen 16+0 und 24+0 SSW, Fortfuehrung bis mind. 34 SSW |
| Zervixcerclage | Zervixlaenge <= 25 mm UND P-PROM in Vor-Schwangerschaft oder Zervixtrauma | Plan zur Fadenentfernung muss zwingend dokumentiert werden |
Vorzeitiger Blasensprung (P-PROM)
Diagnostik
Bei Verdacht auf P-PROM erfolgt zunaechst eine Spekulumuntersuchung.
- Fruchtwasser sichtbar: Keine weiteren diagnostischen Tests, direkte Behandlung einleiten.
- Kein Fruchtwasser sichtbar: Test auf IGFBP-1 (Insulin-like growth factor binding protein-1) oder PAMG-1 (Placental alpha-microglobulin-1) im Vaginalsekret.
- Nicht empfohlen: Nitrazin-Tests duerfen nicht zur Diagnose verwendet werden.
Antibiotische Prophylaxe
Zur Prophylaxe einer intrauterinen Infektion bei P-PROM:
| Wirkstoff | Dosierung | Dauer |
|---|---|---|
| Erythromycin (1. Wahl) | 250 mg oral, 4x taeglich | Max. 10 Tage oder bis zur etablierten Geburt |
| Penicillin oral | Individuell | Nur bei Kontraindikation/Unvertraeglichkeit gegen Erythromycin |
| Amoxicillin/Clavulansaeure | Kontraindiziert | Soll nicht verwendet werden |
Hinweis zur Infektionsdiagnostik: Eine intrauterine Infektion darf niemals nur durch einen einzelnen Parameter (z. B. isoliertes CRP, Leukozyten oder CTG) bestaetigt oder ausgeschlossen werden. Es ist stets eine Kombination aus klinischer Einschaetzung und Tests erforderlich.
Diagnostik bei vorzeitigen Wehen (intakte Fruchtblase)
Das Vorgehen richtet sich nach dem Gestationsalter bei Praesentation:
| Gestationsalter | Diagnostik & Vorgehen |
|---|---|
| <= 29+6 SSW | Klinische Diagnose. Direkte Therapie (Tokolyse, Lungenreife) bei Verdacht. |
| >= 30+0 SSW | Transvaginaler Ultraschall (Zervixlaenge) oder fetales Fibronektin. |
Interpretation ab 30+0 SSW:
- Zervixlaenge > 15 mm oder Fibronektin <= 50 ng/ml: Fruehgeburt unwahrscheinlich.
- Zervixlaenge <= 15 mm oder Fibronektin > 50 ng/ml: Diagnose gesichert, Therapie einleiten.
- Wichtig: Ultraschall und Fibronektin-Test duerfen nicht in Kombination angewendet werden.
Tokolyse
Die Entscheidung zur Tokolyse haengt von Gestationsalter, Infektionszeichen und dem Nutzen der Lungenreife ab.
| Wirkstoff | Indikation (SSW) | Empfehlung |
|---|---|---|
| Nifedipin | 26+0 bis 33+6 | Mittel der 1. Wahl (Off-Label) |
| Nifedipin | 24+0 bis 25+6 | Kann erwogen werden |
| Oxytocin-Rezeptor-Antagonisten | Wie Nifedipin | 2. Wahl (wenn Nifedipin kontraindiziert ist) |
| Betamimetika | Keine | Sollen nicht angeboten werden |
Kortikosteroide (Lungenreife)
Die Gabe von maternalen Kortikosteroiden verbessert die fetale Lungenfunktion. Es duerfen maximal 2 Zyklen verabreicht werden.
| Gestationsalter | Empfehlungsgrad |
|---|---|
| 22+0 bis 23+6 SSW | Mit der Patientin diskutieren |
| 24+0 bis 33+6 SSW | Soll angeboten werden |
| 34+0 bis 35+6 SSW | Kann erwogen werden |
Ein einzelner Wiederholungszyklus kann erwogen werden, wenn die Schwangerschaft < 34+0 SSW ist, der erste Zyklus > 7 Tage zurueckliegt und ein sehr hohes Risiko fuer eine Geburt innerhalb von 48 Stunden besteht.
Magnesiumsulfat zur Neuroprotektion
Magnesiumsulfat senkt das Risiko fuer neurologische Schaeden beim Fruehgeborenen.
| Gestationsalter | Empfehlungsgrad |
|---|---|
| 23+0 bis 23+6 SSW | Mit der Patientin diskutieren |
| 24+0 bis 29+6 SSW | Soll angeboten werden |
| 30+0 bis 33+6 SSW | Kann erwogen werden |
Dosierungsschema:
- 4 g intravenoeser Bolus ueber 15 Minuten.
- Gefolgt von 1 g/Stunde als Dauerinfusion bis zur Geburt oder fuer maximal 24 Stunden.
- Monitoring: Mindestens alle 4 Stunden Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und tiefe Sehnenreflexe (z. B. Patellarsehnenreflex) pruefen. Bei Oligurie Dosis reduzieren oder stoppen.
Fetale Ueberwachung und Geburt
- Ueberwachung: Bei etablierten vorzeitigen Wehen ohne weitere Risikofaktoren kann zwischen CTG und intermittierender Auskultation gewaehlt werden. Eine fetale Kopfschwartenelektrode oder Fetalblutanalyse soll bei < 34+0 SSW nicht routinemaessig durchgefuehrt werden.
- Geburtsmodus: Bei Beckenendlage zwischen 26+0 und 36+6 SSW sollte eine Sectio caesarea erwogen werden.
- Abnabeln: Bei Fruehgeborenen (vaginal oder Sectio) soll mindestens 60 Sekunden mit dem Abnabeln gewartet werden, sofern keine akuten muetterlichen oder fetalen Notfaelle vorliegen. Das Baby sollte dabei auf oder unter Plazentaniveau gehalten werden.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie zur Diagnostik eines P-PROM keine Nitrazin-Tests. Schliessen Sie eine intrauterine Infektion niemals nur anhand eines einzelnen Parameters (wie einem alleinigen CRP-Wert) aus.