Geburtseinleitung: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Eine Geburtseinleitung ab 41+0 SSW wird empfohlen, um das Risiko für Totgeburten und neonatale Intensivaufnahmen zu senken.
- •Die Wahl der Einleitungsmethode richtet sich primär nach dem Bishop-Score (Grenzwert ≤ 6 vs. > 6).
- •Bei Zustand nach Sectio sind Dinoproston und Misoprostol kontraindiziert; mechanische Methoden sind zu bevorzugen.
- •Bei vorzeitigem Blasensprung (PPROM) vor 34+0 SSW wird ein exspektatives Vorgehen empfohlen, bei GBS-Nachweis sofortige Einleitung.
- •Eine Eipollösung (Membrane Sweeping) kann ab 39+0 SSW angeboten werden, um eine medikamentöse Einleitung zu vermeiden.
Hintergrund
Die Geburtseinleitung ist eine häufige geburtshilfliche Intervention. Sie wird empfohlen, wenn die Vorteile einer vorzeitigen Beendigung der Schwangerschaft für Mutter und Kind die Risiken des Abwartens überwiegen. Die Entscheidung zur Einleitung muss immer gemeinsam mit der Schwangeren (Shared Decision Making) getroffen werden. Frauen müssen darüber aufgeklärt werden, dass eine eingeleitete Geburt schmerzhafter sein kann, häufiger weitere Interventionen (z. B. PDA, vaginal-operative Entbindung) erfordert und die Wahl des Geburtsortes einschränkt.
Indikationen und Zeitpunkte
Terminüberschreitung (Prolongierte Schwangerschaft)
Um das Risiko für Totgeburten, neonatale Intensivaufnahmen und Kaiserschnitte zu senken, sollte Frauen ab 41+0 SSW eine Geburtseinleitung angeboten werden.
- Vor 41+0 SSW: Bei unkomplizierten Schwangerschaften soll die spontane Wehentätigkeit abgewartet werden.
- Ab 42+0 SSW: Lehnt die Frau eine Einleitung ab, kann ab 42+0 SSW eine intensivierte fetale Überwachung (zweimal wöchentlich CTG und Ultraschall zur Fruchtwassermessung) angeboten werden.
Vorzeitiger Blasensprung (PPROM und PROM)
Das Vorgehen beim Blasensprung richtet sich nach dem Gestationsalter und dem GBS-Status (Streptokokken der Gruppe B):
| Gestationsalter | Empfohlenes Vorgehen | Besonderheit bei GBS-Nachweis |
|---|---|---|
| < 34+0 SSW | Exspektatives Vorgehen (außer bei Infektion/fetalem Distress) | - |
| 34+0 bis 36+6 SSW | Individuelle Abwägung: Exspektativ bis 37+0 SSW oder Einleitung | Sofortige Einleitung oder Sectio |
| ≥ 37+0 SSW (Termin) | Wahl zwischen Exspektativ (bis 24h) oder sofortiger Einleitung | Sofortige Einleitung oder Sectio |
Verdacht auf fetale Makrosomie
Bei Frauen ohne Diabetes mit Verdacht auf Makrosomie reduziert eine Einleitung das Risiko einer Schulterdystokie, erhöht jedoch das Risiko für dritt- oder viertgradige Dammrisse. Die Optionen (Abwarten, Einleitung, primäre Sectio) müssen individuell abgewogen werden.
Intrauteriner Fruchttod (IUFD)
Bei intakter Fruchtblase und fehlenden Infektionszeichen kann das Vorgehen frei gewählt werden. Bei Blasensprung, Blutung oder Infektion wird eine sofortige Einleitung oder Sectio empfohlen.
- Ohne Uterusnarbe: Orales Mifepriston (200 mg), gefolgt von vaginalem Dinoproston oder Misoprostol.
- Mit Uterusnarbe: Mechanische Methoden bevorzugen (siehe Zustand nach Sectio).
Methoden der Geburtseinleitung
Vor jeder Einleitung muss die Lage des Kindes (Ausschluss Beckenendlage), das CTG und der Bishop-Score zur Beurteilung der Zervixreife erhoben werden.
Eipollösung (Membrane Sweeping)
Ab 39+0 SSW kann eine Eipollösung angeboten werden, um die Wahrscheinlichkeit eines spontanen Wehenbeginns zu erhöhen. Frauen müssen über mögliche Schmerzen und leichte vaginale Blutungen aufgeklärt werden.
Medikamentöse und mechanische Methoden
Die Wahl der Methode richtet sich primär nach dem Bishop-Score:
| Bishop-Score | Empfohlene Methode der 1. Wahl | Alternative / Bemerkung |
|---|---|---|
| ≤ 6 (unreife Zervix) | Vaginales Dinoproston (Tablette, Gel, Retard-Pessar) ODER orales Misoprostol (25 µg) | Mechanische Methoden (Ballonkatheter, osmotische Dilatatoren), falls Medikamente kontraindiziert sind. |
| > 6 (reife Zervix) | Amniotomie + intravenöse Oxytocin-Infusion | Oxytocin kann auf Wunsch verzögert werden, was jedoch die Dauer und das Infektionsrisiko erhöht. |
Nicht empfohlene Methoden
Folgende Methoden werden aufgrund fehlender Evidenz nicht zur Geburtseinleitung empfohlen:
- Orales, intravenöses oder intrazervikales Dinoproston
- Intravenöses Oxytocin als alleinige Maßnahme (ohne Amniotomie)
- Pflanzliche Präparate, Homöopathie, Akupunktur
- Rizinusöl, Einläufe, heiße Bäder
Besondere klinische Situationen
Zustand nach Sectio (Uterusnarbe)
Bei Frauen mit vorangegangenem Kaiserschnitt besteht bei einer Einleitung ein erhöhtes Risiko für eine Uterusruptur.
- Kontraindikation: Dinoproston und Misoprostol sind laut Zulassung bei Uterusnarbe kontraindiziert.
- Empfehlung: Mechanische Methoden (z. B. Ballonkatheter) sind sicherer und sollten bevorzugt werden.
Überwachung und Komplikationsmanagement
Uterine Überstimulation
Pharmakologische Methoden (insbesondere Misoprostol und Dinoproston) können zu einer uterinen Überstimulation führen. Mechanische Methoden haben hier ein geringeres Risiko.
Maßnahmen bei Überstimulation:
- Fetale Überwachung (kontinuierliches CTG)
- Sofortiger Stopp der Medikamentenzufuhr (Entfernung von vaginalen Pessaren/Inserts)
- Erwägung einer Tokolyse
Erfolglose Einleitung
Führt ein Einleitungszyklus nicht zum Wehenbeginn, muss die Situation neu bewertet werden (inkl. CTG). Mögliche Optionen sind:
- Eine Ruhepause mit anschließender Reevaluation
- Exspektatives Vorgehen
- Ein weiterer Einleitungsversuch
- Sekundäre Sectio caesarea
Ambulante Einleitung
Bei gesunden Frauen ohne geburtshilfliche Komplikationen kann eine ambulante Einleitung mit vaginalem Dinoproston oder mechanischen Methoden erwogen werden. Voraussetzung ist eine vorherige CTG-Kontrolle und ein klarer Plan, wann sich die Frau wieder in der Klinik vorstellen muss (z. B. bei Wehenbeginn, Blasensprung, Blutungen oder verminderten Kindsbewegungen).
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie vor jeder medikamentösen oder mechanischen Einleitung den Bishop-Score. Bei einem Score > 6 ist die Amniotomie mit intravenöser Oxytocin-Gabe die Methode der Wahl.