ClariMedClariMed
NICEA2024Gynäkologie

Geburtshilfe bei Vorerkrankungen: NICE-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf NICE Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Betreuung von Schwangeren mit Vorerkrankungen erfordert eine frühzeitige, multidisziplinäre Planung (MDT).
  • Bei mechanischen Herzklappen muss die Antikoagulation peripartal engmaschig gesteuert werden (Wechsel von Warfarin auf NMH bis 36+0 SSW).
  • Asthmatikerinnen dürfen unter der Geburt kein Carboprost erhalten, da ein hohes Risiko für Bronchospasmen besteht.
  • Schwangere unter systemischer Langzeit-Steroidtherapie benötigen unter der Geburt eine intravenöse Stressdosis Hydrocortison.
  • Bei einer Thrombozytenzahl < 50 x 10^9/l (z.B. bei ITP) sollte eine Regionalanästhesie in der Regel vermieden werden.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die intrapartale Betreuung von Frauen mit bestehenden Vorerkrankungen oder geburtshilflichen Komplikationen erfordert eine individuelle Planung. Ein multidisziplinäres Team (MDT), bestehend aus Geburtshelfern, Hebammen, Anästhesisten und fachspezifischen Experten (z.B. Kardiologen, Hämatologen), sollte frühzeitig in der Schwangerschaft einen Betreuungsplan erstellen und diesen bei Aufnahme zur Geburt aktualisieren.

Herzerkrankungen

Die Risikobewertung erfolgt nach der modifizierten WHO-Klassifikation für kardiovaskuläres Risiko. Bei Frauen mit Herzerkrankungen (WHO 3 oder 4) ist eine kontinuierliche intrapartale Überwachung (z.B. intraarterielle Blutdruckmessung) und eine frühzeitige Regionalanästhesie zur kardiovaskulären Stabilisierung indiziert.

Antikoagulation bei mechanischen Herzklappen

Die peripartale Antikoagulation erfordert eine exakte Steuerung, um das Risiko von Klappenthrombosen und Blutungen zu minimieren:

MaßnahmeZeitpunkt / ZielwertBemerkung
Wechsel auf NMHBis 36+0 SSW oder 2 Wochen vor geplanter GeburtWarfarin absetzen, 24h später NMH (niedermolekulares Heparin) starten
NMH-MonitoringTäglich 3-4h nach GabeZiel-Anti-Xa-Spiegel: 1,0 - 1,2 IU/ml (Talspiegel > 0,6 IU/ml)
Pausierung vor Sectio24 Stunden vorherTherapeutisches NMH absetzen
Wiederaufnahme4-6 Stunden postpartalRe-Start von NMH oder UFH nach ärztlicher Evaluation

Management der Plazentarperiode (3. Phase)

Für Frauen mit Herzerkrankungen der WHO-Klassen 3 und 4 gelten spezifische Empfehlungen für Uterotonika:

Erkrankung1. Wahl2. WahlKontraindiziert
Aortopathie (z.B. Marfan)OxytocinMisoprostol, CarboprostErgometrin (Gefahr der Aortendissektion)
Niedriges HerzzeitvolumenOxytocin (langsame Infusion)Misoprostol, CarboprostErgometrin, langwirksame Oxytocin-Analoga
Pulmonale HypertonieOxytocinMisoprostolErgometrin, Carboprost

Asthma

Frauen mit Asthma können die gleichen Optionen zur Schmerzlinderung erhalten wie gesunde Frauen (inkl. Entonox, Opioide, PDA).

  • Kontraindiziert: Prostaglandin F2 alpha (Carboprost) darf wegen des Risikos eines Bronchospasmus nicht verabreicht werden.
  • Sicher: Prostaglandin E1 und E2 können zur Geburtseinleitung oder bei postpartalen Blutungen verwendet werden.

Langzeit-Steroidtherapie

Frauen mit Nebenniereninsuffizienz oder unter oraler Langzeit-Steroidtherapie (≥ 5 mg Prednisolon/Tag für > 3 Wochen) benötigen eine Stressdosis:

GeburtsmodusTherapie-SchemaBemerkung
Vaginale Geburt50 mg Hydrocortison i.v./i.m. alle 6 StundenStart in der aktiven Eröffnungsphase, Fortführung bis 6h postpartal
Sectio caesarea50-100 mg Hydrocortison i.v. bei NarkoseeinleitungWeitere 50 mg Dosis 6h nach der Geburt

Hinweis: Frauen, die nur inhalative oder topische Steroide anwenden, benötigen keine zusätzliche Hydrocortison-Gabe.

Gerinnungsstörungen und Thrombozytopenie

Bei Frauen mit Immunthrombozytopenie (ITP) oder Gestations-Thrombozytopenie richtet sich die Geburtsplanung und die Möglichkeit einer Regionalanästhesie nach der Thrombozytenzahl:

Maternale ThrombozytenzahlManagement der Regionalanästhesie
> 80 x 10^9/lBehandlung wie bei gesunden Frauen
50 bis 80 x 10^9/lIndividuelle Entscheidung (Klinik, Präferenz, Expertise)
< 50 x 10^9/lRegionalanästhesie unter den meisten Umständen vermeiden

Bei bekannter ITP muss das Neugeborene als blutungsgefährdet betrachtet werden. Fetalblutentnahmen, Kopfschwartenelektroden und Saugglockenentbindungen sind zu vermeiden.

Nierenerkrankungen

Bei chronischer Nierenerkrankung (CKD) oder akuter Nierenschädigung (AKI) ist das Flüssigkeitsmanagement essenziell.

  • Mindestens alle 4 Stunden müssen Blutdruck, Atemfrequenz, Flüssigkeitsbilanz (Einfuhr/Ausfuhr) und Sauerstoffsättigung kontrolliert werden.
  • Nephrotoxische Medikamente (z.B. NSAR) sind in der intrapartalen Phase kontraindiziert.

Adipositas (BMI > 30)

Bei Frauen mit einem BMI > 30 kg/m² (beim Booking) muss im dritten Trimenon eine Risikobewertung erfolgen.

  • Bei unklarem kindlichen Vorliegen zu Beginn der aktiven Wehen sollte ein Ultraschall erwogen werden.
  • Kreißsäle müssen über Betten mit einer sicheren Arbeitslast von 250 kg sowie über entsprechend dimensioniertes Equipment (Blutdruckmanschetten, OP-Tische) verfügen.

Sepsis sub partu

Bei Verdacht auf Sepsis unter der Geburt ist eine sofortige multidisziplinäre Überprüfung erforderlich.

  • Diagnostik: Blutkulturen und mikrobiologische Abstriche vor Antibiotikagabe entnehmen.
  • Therapie: Breitspektrum-Antibiose intravenös nach lokalen Leitlinien.
  • Anästhesie: Bei Sepsis mit Organdysfunktion (z.B. Hypotonie, Oligurie) darf eine Regionalanästhesie nur mit äußerster Vorsicht und unter Einbeziehung eines erfahrenen Anästhesisten erfolgen.
  • Fetalmonitoring: Kontinuierliche CTG-Überwachung wird empfohlen. Fetalblutanalysen können bei Sepsis falsch-beruhigende Ergebnisse liefern und sollten nur nach Rücksprache mit einem Oberarzt erfolgen.

💡Praxis-Tipp

Geben Sie Asthmatikerinnen bei postpartalen Blutungen niemals Carboprost (Prostaglandin F2 alpha), da dies lebensbedrohliche Bronchospasmen auslösen kann. Nutzen Sie stattdessen Prostaglandin E1.

Häufig gestellte Fragen

Ergometrin ist bei Aortopathie (z.B. Marfan-Syndrom) kontraindiziert, da es durch Blutdrucksteigerung eine Aortendissektion oder Ruptur auslösen kann.
Warfarin sollte bis 36+0 SSW auf niedermolekulares Heparin (NMH) umgestellt werden. Therapeutisches NMH muss 24 Stunden vor einer geplanten Sectio pausiert werden.
Bei vaginaler Geburt werden 50 mg Hydrocortison i.v. oder i.m. alle 6 Stunden empfohlen (bis 6 Stunden postpartal). Bei einer Sectio 50-100 mg zur Narkoseeinleitung.
Bei einer Thrombozytenzahl von unter 50 x 10^9/l sollte eine Regionalanästhesie in den meisten Fällen vermieden werden.
Nein, nephrotoxische Medikamente wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) sind in der intrapartalen Phase bei Nierenerkrankungen kontraindiziert.

Verwandte Leitlinien