Shared Decision Making (SDM): NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Shared Decision Making (SDM) erfordert eine organisatorische Verankerung durch Führungskräfte und geschulte Champions.
- •Die Risikokommunikation sollte stets mit absoluten Risiken, natürlichen Häufigkeiten (z. B. 10 von 100) und einheitlichen Nennern erfolgen.
- •Gespräche sollten durch Techniken wie das Three-Talk-Model, 'Chunk and Check' und 'Teach Back' strukturiert werden.
- •Patientenentscheidungshilfen (Patient Decision Aids) ergänzen das Arzt-Patienten-Gespräch, ersetzen es jedoch nicht.
Hintergrund
Shared Decision Making (SDM) ist ein kollaborativer Prozess, bei dem Patient und Behandler gemeinsam Entscheidungen über die medizinische Versorgung treffen. Dies umfasst sowohl akute Behandlungen als auch die vorausschauende Versorgungsplanung (Advance Care Planning). Die aktuelle NICE-Leitlinie liefert evidenzbasierte Empfehlungen zur Implementierung von SDM auf organisatorischer und praktischer Ebene.
Organisatorische Verankerung
Um SDM erfolgreich im Klinik- oder Praxisalltag zu etablieren, bedarf es einer strukturierten Führung und Schulung:
- Führungsebene: Benennung einer verantwortlichen Führungskraft (z. B. Vorstandsmitglied) sowie idealerweise eines "Patient Director" aus dem Kreis der Patienten.
- Champions: Ernennung von klinischen und patientenseitigen "Champions", die SDM in der Organisation vorantreiben.
- Schulung: Integration von SDM in die Einarbeitung und Weiterbildung. Empfohlen werden praxisnahe Formate wie Rollenspiele und "Train-the-Trainer"-Workshops.
Praktische Umsetzung im Behandlungsverlauf
SDM ist keine isolierte Intervention, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der vor, während und nach dem Arztkontakt stattfindet.
| Phase | Maßnahmen | Bemerkung |
|---|---|---|
| Vor dem Gespräch | Vorbereitungsmaterialien (z. B. Flyer, Apps) anbieten; Begleitpersonen einladen | Fokus auf Werte, Erwartungen und Fragen des Patienten |
| Während des Gesprächs | Agenda setzen; Optionen (inkl. "Nichts tun") abwägen; Zeit für Fragen einräumen | Nutzung strukturierter Kommunikationsmodelle |
| Nach dem Gespräch | Zusammenfassung mitgeben; Kontakt für Rückfragen nennen | Arztbriefe direkt an den Patienten adressieren (Kopie an Mitbehandler) |
Kommunikationsmodelle und Techniken
Die Leitlinie empfiehlt spezifische Techniken, um den Informationsaustausch zu optimieren und das Verständnis zu sichern:
| Technik | Beschreibung | Ziel |
|---|---|---|
| Three-Talk-Model | 1. Choice Talk (Optionen aufzeigen), 2. Option Talk (Risiken/Nutzen abwägen), 3. Decision Talk (Entscheidung treffen) | Strukturierte und patientenzentrierte Entscheidungsfindung |
| Chunk and Check | Informationen in kleinen, überschaubaren "Häppchen" vermitteln | Kognitive Überforderung vermeiden |
| Teach Back | Der Patient erklärt das Verstandene in eigenen Worten | Direkte Überprüfung des Verständnisses |
Risikokommunikation
Die Vermittlung von Risiken, Nutzen und Konsequenzen muss personalisiert und verständlich erfolgen. Die Leitlinie gibt hierfür klare Vorgaben:
| Empfohlen | Nicht empfohlen | Beispiel / Erläuterung |
|---|---|---|
| Absolute Risiken | Relative Risiken | "Das Risiko steigt von 1 auf 2 von 1.000" (statt "Das Risiko verdoppelt sich") |
| Natürliche Häufigkeiten | Prozentangaben | "10 von 100" (statt "10 %") |
| Einheitlicher Nenner | Wechselnde Nenner | "7 von 100 vs. 20 von 100" (statt "1 von 14 vs. 1 von 5") |
| Definierter Zeitraum | Unklare Zeitbezüge | "Wenn 100 Personen 1 Jahr lang behandelt werden..." |
| Duales Framing | Einseitiges Framing | "97 von 100 erfolgreich, 3 von 100 nicht erfolgreich" |
Zudem können visuelle Hilfsmittel wie Piktogramme oder Icon-Arrays das Verständnis numerischer Daten deutlich verbessern.
Patientenentscheidungshilfen (Patient Decision Aids)
Entscheidungshilfen sind ein wichtiger Bestandteil des SDM-Toolkits. Sie ersetzen jedoch nicht das ärztliche Gespräch.
- Es dürfen nur qualitätsgesicherte und evidenzbasierte Entscheidungshilfen verwendet werden.
- Behandler müssen mit dem jeweiligen Tool vertraut sein, bevor sie es einsetzen.
- Organisationen sollten sicherstellen, dass Entscheidungshilfen in verschiedenen Formaten (z. B. gedruckt, digital, mehrsprachig) leicht zugänglich sind.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie bei der Aufklärung immer natürliche Häufigkeiten mit einem einheitlichen Nenner (z. B. '7 von 100' und '20 von 100') und vermeiden Sie relative Risiken oder Prozentangaben, um Missverständnisse zu reduzieren.