Gesundheitsversorgung von Kindern: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Kinder und Jugendliche sollen altersgerecht in medizinische Entscheidungen einbezogen werden (Shared Decision Making).
- •Ab 16 Jahren wird eine Einwilligungsfähigkeit vermutet; bei unter 16-Jährigen muss die individuelle Reife (Gillick-Kompetenz) geprüft werden.
- •Die Kommunikation muss individuell angepasst werden, inklusive nonverbaler Methoden und der Möglichkeit zu vertraulichen Gesprächen ohne Eltern.
- •Die klinische Umgebung sollte familienzentriert, altersgerecht und angstlindernd gestaltet sein (z. B. durch therapeutisches Spiel).
- •Der Zugang zu unabhängigen Fürsprechern (Advocates) muss gemäß gesetzlichen Vorgaben gewährleistet sein.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG204 befasst sich mit der Optimierung der Patientenerfahrung von Babys, Kindern und Jugendlichen (bis 17 Jahre) im Gesundheitssystem. Ziel ist es, eine altersgerechte, sichere und familienzentrierte Versorgung zu gewährleisten, die die individuellen Bedürfnisse und Rechte der jungen Patienten in den Mittelpunkt stellt.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Einwilligung
Die Einbeziehung in medizinische Entscheidungen muss an Alter, Entwicklungsstand und Verständnis angepasst werden. Die Beurteilung der Kompetenz ist keine einmalige Entscheidung, sondern muss regelmäßig neu bewertet werden.
| Altersgruppe | Regelung zur Einwilligung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Ab 16 Jahren | Grundsätzliche Einwilligungsfähigkeit | Es wird vermutet, dass Jugendliche ab 16 Jahren die Kapazität zur eigenen Entscheidungsfindung besitzen, sofern nicht anders beurteilt. |
| Unter 16 Jahren | Gillick-Kompetenz | Kinder können einwilligen, wenn eine ärztliche Beurteilung ergibt, dass sie über ausreichende Reife und Einsichtsfähigkeit für die spezifische Entscheidung verfügen. |
| Babys und Kleinkinder | Elterliche Verantwortung | Eltern oder Betreuer treffen Entscheidungen im besten Interesse des Kindes und sind als primäre Fürsprecher einzubeziehen. |
Kommunikation und Informationsvermittlung
Eine gelungene Kommunikation ist die Basis für eine positive Patientenerfahrung. Das Gesundheitspersonal sollte:
- Sich stets vorstellen und nach der bevorzugten Anrede (inkl. Pronomen) fragen.
- Eine freundliche, kultursensible und nicht-wertende Haltung einnehmen.
- Individuelle Kommunikationswege nutzen (z. B. nonverbal, Bildtafeln, Gebärdensprache) und bei Bedarf mehr Zeit einplanen.
- Das Verständnis überprüfen, indem Patienten gebeten werden, Informationen in eigenen Worten zu wiederholen.
- Kindern die Möglichkeit geben, ohne Anwesenheit der Eltern mit dem Personal zu sprechen.
- Darauf achten, dass Schutzkleidung (z. B. Masken, Visiere) auf Kinder beängstigend wirken kann, da Mimik verdeckt wird.
Shared Decision Making (Gemeinsame Entscheidungsfindung)
Kinder und Jugendliche haben das Recht, an Entscheidungen über ihre Gesundheit beteiligt zu werden.
- Frühzeitige Einbindung: Patienten sollen auch bei Entscheidungen ohne direkten medizinischen Einfluss (z. B. Farbe des Gipses, Saft vs. Tablette) einbezogen werden.
- Risiken und Nutzen: Informationen müssen verständlich aufbereitet sein. Es ist zu respektieren, wenn ein Kind keine detaillierten Risikoinformationen wünscht oder eine Pause im Gespräch benötigt.
- Unabhängige Fürsprecher (Advocates): Gemäß gesetzlichen Vorgaben muss berechtigten Kindern der Zugang zu einem unabhängigen Fürsprecher ermöglicht werden, der sie bei Entscheidungen unterstützt.
Optimierung der Patientenerfahrung und Umgebung
Die klinische Umgebung muss den physischen, emotionalen und entwicklungsbedingten Bedürfnissen entsprechen.
| Bereich | Empfehlungen | Ziel |
|---|---|---|
| Schmerz und Angst | Ehrliche Aufklärung, therapeutisches Spiel, Ablenkungstechniken. Keine Verharmlosung von Schmerzen. | Reduktion von behandlungsbedingten Ängsten. |
| Ernährung | Kulturell und diätetisch angemessene Auswahl, flexible Snack-Zeiten, Stillmöglichkeiten. | Förderung der Genesung und des Wohlbefindens. |
| Räumlichkeiten | Familienzentriert (Übernachtungsmöglichkeit für Eltern), altersgerechte Spielbereiche, nachts ruhig. | Wahrung von Privatsphäre, Würde und Sicherheit. |
| Alltag und Bildung | Kostenloses WLAN, Koordination mit Schulen, Ermöglichung von Hobbys und sozialen Kontakten. | Aufrechterhaltung der Normalität trotz Erkrankung. |
💡Praxis-Tipp
Fragen Sie Kinder und Jugendliche direkt, wie sie angesprochen werden möchten und ob sie einen Teil des Gesprächs ohne ihre Eltern führen wollen. Überprüfen Sie das Verständnis, indem Sie die Patienten bitten, wichtige Informationen in eigenen Worten zu wiederholen.