Postnatale Betreuung (Wochenbett): NICE-Leitlinie NG194
📋Auf einen Blick
- •Vor der Entlassung müssen die Blasenfunktion der Mutter (erste Miktion) und der Mekoniumabgang des Kindes (<24h) überprüft werden.
- •Die erste postnatale Hebammenvisite sollte innerhalb von 36 Stunden nach der Entlassung oder Hausgeburt stattfinden.
- •Mütterliche Warnzeichen wie plötzliche starke Blutungen, Fieber oder schwere Kopfschmerzen erfordern eine sofortige ärztliche Abklärung.
- •Bed-Sharing (Co-Sleeping) ist bei niedrigem Geburtsgewicht oder elterlichem Konsum von Alkohol, Tabak oder Drogen streng kontraindiziert.
- •Eine effektive Mahlzeit (Stillen oder Flasche) muss vor der Verlegung in die häusliche Betreuung beobachtet worden sein.
Hintergrund
Die postnatale Phase (Wochenbett) erfordert eine individualisierte Betreuung. Besondere Aufmerksamkeit gilt der erhöhten maternalen und neonatalen Mortalität bei Frauen aus ethnischen Minderheiten (z. B. schwarze oder asiatische Frauen) sowie bei Familien aus sozial benachteiligten Gebieten. Diese Gruppen benötigen möglicherweise eine engmaschigere Überwachung.
Entlassung und Übergabe
Vor der Verlegung aus der Geburtsklinik in die ambulante Betreuung (oder bevor die Hebamme nach einer Hausgeburt geht) müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
- Mutter: Beurteilung der allgemeinen Gesundheit und der Blasenfunktion (Messung des Volumens der ersten Miktion nach der Geburt).
- Neugeborenes: Körperliche Untersuchung. Hat das Kind innerhalb von 24 Stunden kein Mekonium abgesetzt, muss ärztlicher Rat eingeholt werden.
- Ernährung: Es muss ein Plan zur Nahrungsaufnahme vorliegen und mindestens eine effektive Mahlzeit (Stillen oder Flasche) beobachtet worden sein.
Die erste postnatale Visite durch eine Hebamme sollte innerhalb von 36 Stunden nach der Entlassung oder Hausgeburt (in der Regel als Hausbesuch) stattfinden. Der erste Besuch durch den Health Visitor (Gesundheitspfleger) sollte zwischen dem 7. und 14. Tag erfolgen.
Postnatale Betreuung der Mutter
Bei jedem Kontakt müssen das psychische und physische Wohlbefinden der Mutter beurteilt werden.
| Bereich | Fokus der Untersuchung / Beratung |
|---|---|
| Allgemein | Fatigue, Ernährung, Bewegung, Kontrazeption, Beckenbodentraining |
| Physisch | Vaginale Blutung (Lochien), Wundheilung (Perineum/Sectionarbe), Blasen-/Darmfunktion, Brustentzündung, Thrombosezeichen |
| Psychisch | Emotionale Stabilität, postnatale Depression, Geburtserlebnis |
Warnzeichen (Red Flags) der Mutter
Mütter müssen darüber aufgeklärt werden, bei folgenden Symptomen umgehend ärztliche Hilfe aufzusuchen:
- Plötzliche, sehr starke oder zunehmende vaginale Blutung (Verdacht auf Plazentareste oder Endometritis)
- Abdominale, pelvine oder perineale Schmerzen, Fieber, Schüttelfrost oder übelriechender Ausfluss (Infektion)
- Beinschwellung/-schmerz oder Atemnot (Thromboembolie)
- Brustschmerzen (kardiale Probleme oder Lungenembolie)
- Anhaltende oder schwere Kopfschmerzen (Präeklampsie, postpunktioneller Kopfschmerz)
Perineale Gesundheit
Zur Vorbeugung von Infektionen wird eine gute Hygiene empfohlen (tägliches Duschen des Perineums, häufiger Vorlagenwechsel, Händewaschen). Bei Wunddehiszenz (Aufklaffen der Naht) muss eine dringliche Überweisung (am selben Tag) in eine spezialisierte geburtshilfliche Abteilung erfolgen.
Postnatale Betreuung des Neugeborenen
Eine vollständige körperliche Untersuchung des Neugeborenen muss innerhalb von 72 Stunden sowie nach 6 bis 8 Wochen erfolgen. Gewicht und Kopfumfang werden in der ersten Woche und um die 8. Woche gemessen.
Warnzeichen (Red Flags) beim Neugeborenen
Bei folgenden Symptomen muss eine sofortige Notfallvorstellung (ggf. über den Rettungsdienst) erfolgen:
| Kategorie | Warnzeichen |
|---|---|
| Allgemein | Blass, aschfahl, marmoriert oder zyanotisch; fehlende Ansprechbarkeit |
| Atmung | Stöhnen, Atemfrequenz >60/min, Einziehungen |
| Neurologisch | Schwaches, schrilles oder kontinuierliches Schreien; vorgewölbte Fontanelle; Nackensteifigkeit; Krampfanfälle; fokale Ausfälle |
| Gastrointestinal | Diarrhö mit Dehydratation; galliges (grün/gelb-grünes) Erbrechen; häufiges, schwallartiges Erbrechen |
| Temperatur | ≥ 38°C oder < 36°C |
Sicheres Schlafen und Bed-Sharing
Eltern sollten über sichere Schlafpraktiken aufgeklärt werden (festes, flaches Bett, Rückenlage, keine Kissen/Decken in Gesichtsnähe).
Strikte Kontraindikationen für Bed-Sharing (Co-Sleeping):
- Niedriges Geburtsgewicht (< 2.500 g)
- Ein Elternteil hat ≥ 2 Einheiten Alkohol getrunken
- Ein Elternteil raucht
- Ein Elternteil hat sedierende Medikamente oder Drogen eingenommen
Ernährung des Neugeborenen
Die Entscheidung der Eltern zur Ernährungsform ist zu respektieren und individuell zu unterstützen.
Stillen
- Unterstützung: Face-to-Face-Beratung ist essenziell.
- Beurteilung: Eine Stillmahlzeit sollte innerhalb der ersten 24 Stunden und mindestens eine weitere in der ersten Woche beobachtet werden.
- Supplementierung: Stillenden Müttern wird die Einnahme von Vitamin D empfohlen.
Formulanahrung
- Im ersten Lebensjahr sollte ausschließlich Anfangsnahrung (First infant formula) verwendet werden.
- Eltern müssen in der sicheren Zubereitung und Sterilisation der Flaschen unterwiesen werden.
- "Prop feeding" (das Abstützen der Flasche ohne Halten durch die Eltern) ist gefährlich und strikt zu unterlassen.
Laktationshemmung (Abstillen)
Wird nicht gestillt, sollte die Laktation primär durch konservative Maßnahmen unterdrückt werden:
- Vermeidung von Bruststimulation
- Tragen eines stützenden BHs
- Verwendung von Eispacks zur Kühlung
- Sparsamer Einsatz von Schmerzmitteln
- Medikamentöse Unterdrückung ist möglich, Vor- und Nachteile müssen jedoch abgewogen werden.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie vor der Entlassung zwingend auf die erste Miktion der Mutter und den Mekoniumabgang des Neugeborenen innerhalb der ersten 24 Stunden. Überprüfen Sie zudem mindestens eine effektive Nahrungsaufnahme.