Peripartale psychische Erkrankungen: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Valproat ist bei Frauen im gebärfähigen Alter ohne strenges Schwangerschaftsverhütungsprogramm absolut kontraindiziert.
- •Psychopharmaka sollten in der Schwangerschaft idealerweise als Monotherapie und in der niedrigsten wirksamen Dosis eingesetzt werden.
- •Ein systematisches Screening auf Depressionen (z.B. EPDS, PHQ-9) und Angststörungen (GAD-2, GAD-7) wird bei allen Schwangeren empfohlen.
- •Bei schweren psychischen Erkrankungen (z.B. Bipolare Störung, Postpartale Psychose) ist eine frühzeitige Überweisung an spezialisierte perinatale Zentren indiziert.
- •Stillen wird grundsätzlich empfohlen, außer bei Einnahme von Carbamazepin, Clozapin oder Lithium.
Hintergrund
Psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft und der Postpartalzeit (bis zu einem Jahr nach der Geburt) erfordern eine sorgfältige klinische Abwägung. Die NICE-Leitlinie betont, dass unbehandelte psychische Erkrankungen erhebliche Risiken für die Mutter, den Fötus und das Neugeborene bergen. Eine integrierte und multidisziplinäre Versorgung ist essenziell.
Diagnostik und Screening
Die Prävalenz von Depressionen und Angststörungen wird in der Peripartalzeit häufig unterschätzt. Ein systematisches Screening wird bei Erstkontakt und im weiteren Verlauf empfohlen:
| Tool | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| 2-Fragen-Test | Depression | Initiales Screening nach Stimmung und Interessenverlust |
| EPDS / PHQ-9 | Depression | Zur weiteren Abklärung bei positivem Initial-Screening |
| GAD-2 | Angststörungen | Initiales Screening (Nervosität, unkontrollierbare Sorgen) |
| GAD-7 | Angststörungen | Zur Vertiefung bei einem GAD-2 Score ≥ 3 |
Bei Verdacht auf eine schwere psychische Erkrankung (z. B. Bipolare Störung, Schizophrenie, Postpartale Psychose) muss eine sofortige Überweisung an eine spezialisierte perinatale psychiatrische Einrichtung erfolgen.
Medikamentöse Therapie
Vor dem Einsatz von Psychopharmaka ist die höhere Schwelle für pharmakologische Interventionen in der Schwangerschaft zu beachten. Psychologische Interventionen (z. B. kognitive Verhaltenstherapie) sind bei leichten bis mittelschweren Erkrankungen oft die erste Wahl.
Wenn Medikamente eingesetzt werden, gelten folgende Prinzipien:
- Niedrigste effektive Dosis wählen.
- Monotherapie bevorzugen.
- Dosisanpassungen im Verlauf der Schwangerschaft einplanen.
Spezifische Wirkstoffgruppen
| Wirkstoffgruppe | Empfehlung / Risiko | Bemerkung |
|---|---|---|
| Valproat | Kontraindiziert | Hohes Risiko für Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen. Nur zulässig, wenn Alternativen fehlen und ein strenges Verhütungsprogramm vorliegt. |
| Lithium | Strenge Indikation | Risiko für fetale Herzfehler. Engmaschiges Monitoring erforderlich. |
| SSRI / SNRI | Individuelle Abwägung | Risiko für postpartale Hämorrhagie und neonatales Adaptationssyndrom. |
| Antipsychotika | Individuelle Abwägung | Risiko für Gestationsdiabetes und Gewichtszunahme. Depot-Präparate meiden. |
| Benzodiazepine | Nur kurzzeitig | Nur bei schwerer Angst oder Agitation indiziert. |
| Carbamazepin | Nicht empfohlen | Risiko für Fehlbildungen und Interaktionen. |
Management unter Lithium-Therapie
Für schwangere Patientinnen, die zwingend auf Lithium angewiesen sind, gibt die Leitlinie ein klares Stufenschema zur Überwachung vor:
- Reguläre Schwangerschaft: Plasma-Lithium-Spiegel alle 4 Wochen kontrollieren.
- Ab der 36. SSW: Wöchentliche Spiegelkontrollen.
- Unter der Geburt: Lithium pausieren, auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten.
- Postpartal: Spiegelkontrolle 12 Stunden nach der letzten Dosis.
Postpartale Phase und Stillzeit
Nach der Geburt muss die Medikation bei Frauen mit schweren psychischen Erkrankungen umgehend reevaluiert werden. Neugeborene, die in utero Psychopharmaka ausgesetzt waren, benötigen ein vollständiges neonatales Assessment.
Stillen wird grundsätzlich empfohlen und gefördert. Ausnahmen bilden folgende Medikamente, bei denen vom Stillen abgeraten wird:
- Carbamazepin
- Clozapin
- Lithium
💡Praxis-Tipp
Überprüfen Sie bei allen Frauen im gebärfähigen Alter mit psychischen Erkrankungen den Verhütungsstatus. Setzen Sie Valproat niemals ohne ein strenges Schwangerschaftsverhütungsprogramm ein.