GORD bei Kindern: NICE-Leitlinie zu Reflux
📋Auf einen Blick
- •Müheloses Aufstoßen (GOR) ist bei Säuglingen physiologisch, betrifft mindestens 40 % und sistiert bei 90 % bis zum 1. Lebensjahr.
- •Ein routinemäßiger Einsatz von PPI oder H2-Rezeptor-Antagonisten bei isoliertem Aufstoßen wird nicht empfohlen.
- •Bei formulagenährten Säuglingen mit Leidensdruck gilt ein Stufenschema: Fütterungsanpassung, Andickung, dann Alginate.
- •Warnsignale (Red Flags) wie galliges Erbrechen, Hämatemesis oder ein später Symptombeginn (>6 Monate) erfordern eine sofortige Abklärung.
- •Prokinetika (Metoclopramid, Domperidon) sollen wegen schwerer Nebenwirkungen nur in strengen Ausnahmefällen durch Spezialisten verordnet werden.
Hintergrund
Der gastroösophageale Reflux (GOR) ist ein normaler physiologischer Prozess, der bei gesunden Säuglingen, Kindern und Jugendlichen auftritt. Bei Säuglingen ist müheloses Aufstoßen sehr häufig (mindestens 40 % sind betroffen), beginnt meist vor der 8. Lebenswoche und löst sich bei 90 % der betroffenen Säuglinge bis zum ersten Lebensjahr von selbst.
Von einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (GORD) spricht man, wenn der Reflux zu Symptomen führt, die stark genug sind, um eine medizinische Behandlung zu rechtfertigen, oder Komplikationen (z. B. Refluxösophagitis, rezidivierende Aspirationspneumonien) verursacht.
Warnsignale (Red Flags)
Bei Erbrechen oder Regurgitation muss auf Warnsignale geachtet werden, die auf andere, potenziell schwerwiegende Erkrankungen hinweisen.
| Symptom / Befund | Mögliche Diagnose | Empfohlene Maßnahme |
|---|---|---|
| Galliges Erbrechen (grün/gelb-grün) | Darmobstruktion | Dringende pädiatrisch-chirurgische Überweisung |
| Projektilartiges Erbrechen (< 2 Monate) | Hypertrophe Pylorusstenose | Pädiatrisch-chirurgische Überweisung |
| Hämatemesis (Blut im Erbrochenen) | Blutung im oberen Gastrointestinaltrakt | Fachärztliche Überweisung |
| Später Beginn (> 6 Monate) oder Persistenz (> 1 Jahr) | Harnwegsinfekt oder andere Ursachen | Urindiagnostik, fachärztliche Überweisung |
| Blut im Stuhl | Kuhmilchproteinallergie, Gastroenteritis | Stuhldiagnostik, fachärztliche Überweisung |
| Vorgewölbte Fontanelle / Makrozephalie | Erhöhter Hirndruck (z. B. Meningitis, Hydrozephalus) | Fachärztliche Überweisung |
Diagnostik
Eine routinemäßige Untersuchung oder Behandlung auf GOR wird nicht empfohlen, wenn ein Säugling oder Kind ohne sichtbares Aufstoßen nur eines der folgenden Symptome zeigt: unerklärliche Fütterungsschwierigkeiten, unruhiges Verhalten, Gedeihstörung, chronischer Husten, Heiserkeit oder eine einzelne Pneumonie.
- Kontrastmittelbreischluck: Nicht zur Diagnose oder Schweregradbeurteilung von GORD einsetzen. Indiziert bei Verdacht auf anatomische Ursachen (z. B. galliges Erbrechen, Dysphagie).
- Endoskopie mit Biopsie: Indiziert bei Hämatemesis, Melaena, Dysphagie, ausbleibender Besserung nach dem 1. Lebensjahr, Gedeihstörung, unerklärlicher Anämie oder Verdacht auf Sandifer-Syndrom.
- pH-Metrie (ggf. mit Impedanz): Erwägen bei rezidivierenden Aspirationspneumonien, unerklärlichen Apnoen, nicht-epileptischen anfallsartigen Ereignissen oder vor einer Fundoplicatio.
Therapie bei Säuglingen
Die wichtigste Maßnahme bei unkompliziertem GOR ist die Aufklärung und Beruhigung der Eltern. Eine positionelle Therapie (Hochlagerung) bei schlafenden Säuglingen wird nicht empfohlen, da Säuglinge zur Prävention des plötzlichen Kindstods (SIDS) auf dem Rücken schlafen sollten.
Stufenschema für formulagenährte Säuglinge
Bei formulagenährten Säuglingen mit häufigem Aufstoßen und deutlichem Leidensdruck gilt folgendes Stufenschema:
| Stufe | Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Fütterungshistorie prüfen | Volumen reduzieren, falls für das Gewicht übermäßig. |
| 2 | Mahlzeiten anpassen | Kleinere, häufigere Mahlzeiten (Tagesgesamtmenge beibehalten). |
| 3 | Nahrung andicken | Versuch mit angedickter Formula (z. B. mit Reis- oder Maisstärke, Johannisbrotkernmehl). |
| 4 | Alginat-Therapie | Wenn Stufe 3 erfolglos: Andickung absetzen und Alginat für 1-2 Wochen testen. Bei Erfolg fortführen und periodisch Pausen einlegen. |
Hinweis für gestillte Säuglinge: Hier sollte zunächst eine professionelle Stillberatung erfolgen. Bei anhaltendem Leidensdruck kann direkt ein 1- bis 2-wöchiger Versuch mit Alginaten erwogen werden.
Medikamentöse Therapie
| Wirkstoffklasse | Indikation | Wichtige Hinweise |
|---|---|---|
| PPI / H2-Rezeptor-Antagonisten | Endoskopisch gesicherte Refluxösophagitis; 4-wöchiger Versuch bei persistierendem Sodbrennen oder bei Säuglingen mit Aufstoßen + Gedeihstörung/Fütterungsproblemen. | Nicht bei isoliertem, sichtbarem Aufstoßen ohne weitere Komplikationen einsetzen. |
| Prokinetika (Metoclopramid, Domperidon, Erythromycin) | Nur wenn der Nutzen die Risiken überwiegt, andere Therapien versagt haben UND fachärztliche Zustimmung vorliegt. | Nicht für Kinder zugelassen. Strenge Indikationsstellung wegen kardialer und neurologischer Nebenwirkungen. |
Chirurgische Intervention
Eine Fundoplicatio kann bei schwerer, therapierefraktärer GORD erwogen werden, insbesondere wenn die medizinische Behandlung erfolglos war oder Fütterungsregime (z. B. kontinuierliche Sondenernährung) unpraktisch sind. Vorab muss zwingend eine obere GI-Endoskopie mit Biopsien erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei schlafenden Säuglingen auf eine Hochlagerung zur Refluxbehandlung, da dies dem SIDS-Präventionsgebot (Rückenlage) widerspricht.