Soziale Phobie: NICE-Leitlinie zu Diagnostik & Therapie
📋Auf einen Blick
- •Die individuelle kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die Therapie der ersten Wahl bei Erwachsenen.
- •Bei medikamentöser Therapie werden primär die SSRI Escitalopram oder Sertralin empfohlen.
- •Für Kinder und Jugendliche wird KVT (Einzel- oder Gruppensetting) empfohlen, jedoch keine routinemäßige Medikation.
- •Das Screening bei Erwachsenen erfolgt idealerweise mit dem 3-Item Mini-Social Phobia Inventory (Mini-SPIN).
- •Chirurgische Eingriffe (Sympathektomie) oder Botulinumtoxin gegen Schwitzen werden nicht empfohlen.
Hintergrund
Die soziale Phobie (Social Anxiety Disorder) gehört zu den häufigsten Angststörungen. Sie ist gekennzeichnet durch eine anhaltende Angst vor sozialen Situationen oder Leistungssituationen, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung steht. Häufige Komorbiditäten sind Depressionen und Substanzmissbrauch. Die Erkrankung beginnt oft früh (medianes Alter 13 Jahre) und ist sehr hartnäckig, wobei Patienten oft erst nach 15 bis 20 Jahren Hilfe suchen.
Diagnostik und Screening
Die Leitlinie empfiehlt ein gezieltes Screening bei Verdacht auf eine soziale Phobie. Bei Erwachsenen sollte ein umfassendes Assessment erfolgen, wenn der Mini-SPIN-Score ≥ 6 beträgt oder Screening-Fragen positiv beantwortet werden.
| Zielgruppe | Empfohlene Assessment-Tools |
|---|---|
| Erwachsene (Screening) | 3-Item Mini-Social Phobia Inventory (Mini-SPIN) |
| Erwachsene (Verlauf) | Social Phobia Inventory (SPIN), Liebowitz Social Anxiety Scale (LSAS) |
| Kinder | LSAS (Child-Version), SPAI-C, SCAS, SCARED |
| Jugendliche | SPIN, LSAS, MASC, RCADS |
Therapie bei Erwachsenen
Die Behandlung sollte stufenweise erfolgen. Die individuelle kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die Therapie der ersten Wahl.
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Individuelle KVT | Nach Clark/Wells- oder Heimberg-Modell (14-15 Sitzungen) |
| 2 | KVT-basierte Selbsthilfe | Bei Ablehnung einer regulären KVT |
| 3 | SSRI (Escitalopram, Sertralin) | Bei Wunsch nach Medikation oder unzureichendem KVT-Ansprechen |
| 4 | Alternative SSRI/SNRI | Fluvoxamin, Paroxetin oder Venlafaxin bei Non-Response auf erste SSRI |
| 5 | MAO-Hemmer | Phenelzin oder Moclobemid bei weiterer Therapieresistenz |
- Gruppen-KVT wird nicht routinemäßig gegenüber der Einzel-KVT bevorzugt, da sie klinisch und ökonomisch unterlegen ist.
- Bei komorbider Depression muss geprüft werden, welche Erkrankung primär ist. Bestand die soziale Phobie zuerst und wäre der Patient ohne diese nicht depressiv, sollte primär die soziale Phobie behandelt werden (sofern die Schwere der Depression dies zulässt).
Therapie bei Kindern und Jugendlichen
Bei Kindern und Jugendlichen steht die psychologische Intervention im Vordergrund. Das familiäre und schulische Umfeld muss berücksichtigt werden.
- Empfohlen: Individuelle oder gruppenbasierte KVT (8-12 Sitzungen).
- Einbezug der Eltern ist besonders bei jüngeren Kindern essenziell (Psychoedukation und Skill-Training).
- Nicht empfohlen: Routinemäßige medikamentöse Therapie.
Nicht empfohlene Interventionen
Folgende Therapien sollten bei sozialer Phobie nicht routinemäßig eingesetzt werden:
| Intervention | Grund / Bemerkung |
|---|---|
| Antikonvulsiva, Trizyklika, Benzodiazepine, Antipsychotika | Keine routinemäßige Empfehlung bei Erwachsenen |
| Achtsamkeitsbasierte Verfahren | Keine ausreichende Evidenz |
| Johanniskraut | Fehlende Evidenz, Interaktionsrisiko |
| Botulinumtoxin (gegen Schwitzen) | Keine Evidenz, potenziell schädlich |
| Endoskopische thorakale Sympathektomie | Keine Evidenz, potenziell schädlich |
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei Verdacht auf eine soziale Phobie den 3-Item Mini-SPIN zur schnellen Orientierung. Bieten Sie Patienten alternative Kontaktwege (E-Mail, Textnachricht) an, da telefonische Terminvereinbarungen oft eine große Hürde darstellen.