Angst- und Panikstörungen: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Therapie der generalisierten Angststörung (GAS) und Panikstörung erfolgt nach einem mehrstufigen Stepped-Care-Modell.
- •SSRI (z. B. Sertralin) sind die medikamentöse Erste-Wahl-Therapie; Benzodiazepine sollen nicht routinemäßig eingesetzt werden.
- •Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) und Pharmakotherapie sind auf Stufe 3 gleichwertige Behandlungsoptionen.
- •Bei Patienten unter 30 Jahren unter SSRI/SNRI muss im ersten Behandlungsmonat wöchentlich auf Suizidalität gemonitort werden.
Hintergrund
Die generalisierte Angststörung (GAS) und die Panikstörung sind häufige Erkrankungen, die oft mit erheblichen Funktionseinschränkungen und Komorbiditäten (z. B. Depressionen, Substanzmissbrauch) einhergehen. Die NICE-Leitlinie empfiehlt für beide Störungsbilder ein Stufenmodell (Stepped-Care-Modell), um Patienten stets die am wenigsten invasive, aber effektivste Intervention zuerst anzubieten.
Stufenschema: Generalisierte Angststörung (GAS)
| Stufe | Fokus / Schweregrad | Intervention |
|---|---|---|
| 1 | Alle bekannten/vermuteten Fälle | Diagnostik (z. B. GAD-2), Aufklärung, aktives Monitoring |
| 2 | Diagnostizierte GAS ohne Besserung nach Stufe 1 | Niedrigschwellige psychologische Interventionen (angeleitete/unangeleitete Selbsthilfe, Psychoedukationsgruppen) |
| 3 | Inadäquates Ansprechen auf Stufe 2 oder deutliche Einschränkung | Hochintensive psychologische Intervention (CBT oder angewandte Entspannung) ODER Pharmakotherapie |
| 4 | Komplexe, therapieresistente GAS, hohes Risiko (z. B. Selbstverletzung) | Hochspezialisierte Behandlung, komplexe Medikation, multiprofessionelle Teams, stationäre Pflege |
Pharmakotherapie der GAS
Wenn sich der Patient auf Stufe 3 für eine medikamentöse Therapie entscheidet, gelten folgende Empfehlungen:
| Wirkstoffklasse | Präferenz / Bemerkung | Indikation / Evidenz |
|---|---|---|
| SSRI | Erste Wahl (z. B. Sertralin) | Bei unzureichendem Ansprechen auf Stufe 2 |
| SNRI | Alternative bei SSRI-Unverträglichkeit | Auf Entzugssyndrome und Toxizität achten (v. a. Venlafaxin) |
| Pregabalin | Wenn SSRI/SNRI nicht toleriert werden | Missbrauchspotenzial beachten (Betäubungsmittel) |
Wichtige Warnhinweise zur Medikation:
- Keine Benzodiazepine zur Behandlung der GAS (Ausnahme: kurzfristig in akuten Krisensituationen).
- Keine Antipsychotika in der Primärversorgung.
- Bei Patienten unter 30 Jahren unter SSRI/SNRI: Wöchentliches Monitoring im ersten Monat wegen erhöhter Suizidalität und Selbstverletzungsgefahr.
- Erhöhtes Blutungsrisiko unter SSRI beachten (ggf. Gastroprotektion bei gleichzeitiger NSAR-Gabe).
- Bei Ansprechen sollte die Medikation für mindestens 1 Jahr fortgeführt werden, um Rückfälle zu vermeiden.
Stufenschema: Panikstörung
| Stufe | Fokus | Intervention |
|---|---|---|
| 1 | Erkennung und Diagnose | Strukturierte Anamnese, Ausschluss körperlicher Ursachen |
| 2 | Primärversorgung (leicht bis mittel) | Unangeleitete oder angeleitete Selbsthilfe, Supportgruppen, Sport |
| 3 | Überprüfung / Alternative Therapie (mittel bis schwer) | Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ODER Antidepressiva |
| 4 | Überweisung an Spezialisten | Wenn 2 Interventionen (Psychotherapie/Medikation) erfolglos waren |
| 5 | Spezialisierte psychiatrische Versorgung | Ganzheitliches Re-Assessment, komplexe CBT, Tagesklinik |
Management von Panikattacken in der Notaufnahme
Patienten, die mit einer Panikattacke in der Notaufnahme (A&E) vorstellig werden, bedürfen eines spezifischen Managements:
- Minimal notwendige Diagnostik zum Ausschluss akuter physischer Probleme durchführen.
- Keine stationäre medizinische oder psychiatrische Aufnahme veranlassen.
- Überweisung an die Primärversorgung zur weiteren Behandlung.
- Aushändigung von schriftlichen Informationen über Panikattacken und lokale Hilfsangebote.
Psychologische Interventionen
Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ist ein zentraler Baustein der Behandlung:
- GAS: In der Regel 12 bis 15 wöchentliche Sitzungen à 1 Stunde. Alternativ kann die angewandte Entspannung (Applied Relaxation) angeboten werden.
- Panikstörung: Optimaler Umfang sind 7 bis 14 Stunden insgesamt, meist als wöchentliche Sitzungen (1-2 Stunden) über maximal 4 Monate.
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie keine Benzodiazepine zur Langzeittherapie. Klären Sie Patienten vor Beginn einer SSRI-Therapie unbedingt über eine mögliche anfängliche Symptomverschlechterung (Agitation, Angst) auf, um die Adhärenz zu sichern.