Lepra: Kontaktpersonennachverfolgung und PEP-Indikation
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie (2020) adressiert die Stagnation bei der Reduktion von Lepra-Neuerkrankungen. Da die passive Fallfindung und die multidrug therapy (MDT) allein nicht ausreichen, um die Übertragungsketten vollständig zu unterbrechen, rückt die aktive Fallsuche in den Fokus.
Studien belegen, dass Kontaktpersonen von Lepra-Patienten ein signifikant erhöhtes Risiko haben, selbst an Morbus Hansen zu erkranken. Dies betrifft insbesondere Haushaltsmitglieder, aber auch Nachbarn und enge soziale Kontakte.
Um das Risiko einer Erkrankung bei diesen Personen zu minimieren, wird die Postexpositionsprophylaxe (PEP) eingesetzt. Die einmalige Gabe von Rifampicin (Single-Dose Rifampicin, SDR) hat sich als wirksame und sichere Methode erwiesen, um die Entstehung neuer Lepra-Fälle um etwa 60 Prozent zu reduzieren.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für die Praxis:
Identifikation und Beratung des Indexfalls
Jeder neu diagnostizierte Lepra-Patient wird als Indexfall betrachtet. Es wird empfohlen, den Patienten umfassend über die Heilbarkeit der Erkrankung und die Notwendigkeit der Kontaktpersonennachverfolgung aufzuklären.
Vor der Kontaktaufnahme mit dem Umfeld muss zwingend das Einverständnis des Indexfalls zur Offenlegung seiner Diagnose eingeholt werden. Verweigert der Patient die Zustimmung, darf laut Leitlinie keine individuelle Kontaktverfolgung stattfinden.
Ermittlung der Kontaktpersonen
Als Kontaktperson gilt, wer im vergangenen Jahr für mindestens drei Monate mehr als 20 Stunden pro Woche Kontakt zum unbehandelten Indexfall hatte. Die Leitlinie unterteilt diese in drei Gruppen:
-
Haushaltskontakte (teilen sich Wohnraum oder Küche)
-
Nachbarschaftskontakte (angrenzende Häuser oder im Umkreis von 100 Metern)
-
Soziale Kontakte (Arbeitsplatz, Schule, Freizeit)
In hochendemischen, abgegrenzten Gebieten kann ein bevölkerungsweiter Ansatz (Blanket Approach) erwogen werden. Hierbei wird die gesamte Population als potenziell exponiert betrachtet.
Screening der Kontaktpersonen
Vor der Gabe einer Prophylaxe wird eine vollständige körperliche Untersuchung der Kontaktpersonen bei gutem Licht empfohlen. Ziel ist es, aktive Lepra-Läsionen (hypopigmentierte Flecken, Sensibilitätsverlust) auszuschließen.
Zudem fordert die Leitlinie ein klinisches Screening auf Tuberkulose-Symptome, Leber- und Nierenerkrankungen sowie eine mögliche Schwangerschaft. Bei Verdacht auf eine dieser Kontraindikationen ist eine weiterführende Diagnostik einzuleiten.
Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Die Leitlinie empfiehlt die Gabe einer Einzeldosis Rifampicin (SDR) für alle asymptomatischen Kontaktpersonen. Diese sollte idealerweise erst verabreicht werden, nachdem der Indexfall für mindestens vier Wochen therapiert wurde, um eine weitere Ansteckung auszuschließen.
Vor der Verabreichung muss das Einverständnis der Kontaktperson (bei Kindern der Erziehungsberechtigten) eingeholt werden. Es wird betont, dass die Prophylaxe nicht bei Personen angewendet werden darf, die in den letzten zwei Jahren bereits Rifampicin erhalten haben.
Dosierung
Die Dosierung der Rifampicin-Einzeldosis (SDR) richtet sich nach Alter und Körpergewicht:
| Alter / Körpergewicht | Rifampicin-Einzeldosis |
|---|---|
| ≥ 15 Jahre | 600 mg |
| 10-14 Jahre | 450 mg |
| Kinder 6-9 Jahre (Gewicht ≥ 20 kg) | 300 mg |
| Kinder 6-9 Jahre (Gewicht < 20 kg) | 150 mg |
| Kinder 2-5 Jahre | 10-15 mg/kg |
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende absolute Kontraindikationen für die Postexpositionsprophylaxe mit Rifampicin:
-
Vorhandensein von Zeichen oder Symptomen einer aktiven Lepra
-
Vorhandensein von Zeichen oder Symptomen einer Tuberkulose (oder bestätigte TB)
-
Bekannte Leber- oder Nierenerkrankungen
-
Schwangerschaft (die PEP kann nach der Entbindung nachgeholt werden)
-
Einnahme von Rifampicin in den vergangenen zwei Jahren (z.B. wegen TB, Lepra oder als frühere Prophylaxe)
-
Bekannte Allergie gegen Rifampicin
-
Alter unter 2 Jahren
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont die Wichtigkeit der Aufklärung über die Nebenwirkungen von Rifampicin. Es wird dringend geraten, Kontaktpersonen vorab darüber zu informieren, dass sich Urin, Speichel, Schweiß und Tränenflüssigkeit vorübergehend rot färben können, da dies andernfalls zu großer Beunruhigung führt.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie gelten Personen als Kontaktpersonen, die im letzten Jahr für mindestens drei Monate mehr als 20 Stunden pro Woche Kontakt zum unbehandelten Indexfall hatten. Dies umfasst Haushaltsmitglieder, Nachbarn und enge soziale Kontakte.
Die Leitlinie gibt an, dass eine Einzeldosis Rifampicin das Risiko, an Lepra zu erkranken, um etwa 57 bis 60 Prozent senkt. Die Wirksamkeit ist gut belegt und die Maßnahme gilt als kosteneffektiv.
Es wird streng davon abgeraten. Die Leitlinie fordert den klinischen Ausschluss einer aktiven Tuberkulose vor der Gabe der Prophylaxe, um eine unzureichende Monotherapie und mögliche Resistenzbildungen zu vermeiden.
Es wird empfohlen, die Prophylaxe erst zu verabreichen, nachdem der Indexfall für mindestens vier Wochen behandelt wurde. Dadurch wird sichergestellt, dass der Indexfall nicht mehr infektiös ist.
Bei diesem Ansatz wird laut Leitlinie die gesamte Bevölkerung eines definierten, hochendemischen Gebiets (z.B. ein Dorf oder eine Insel) prophylaktisch behandelt. Eine individuelle Zuordnung zu einem Indexfall ist dabei nicht erforderlich.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: Leprosy/Hansen disease: contact tracing and post-exposure prophylaxis: technical guidance (WHO, 2020). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
Interruption of transmission and elimination of leprosy disease – Technical guidance
WHO guideline on contact tracing
Monitoring enhanced global leprosy strategy
Tuberculosis prevention and care among refugees and other populations in humanitarian settings: an interagency field guide
Technical Guidance on leprosy/Hansen disease case-based management system (based on DHIS2)
ClariMed durchsucht alle medizinischen Leitlinien
AWMF, NVL, NICE, WHO, ESC, KDIGO - Quellenzitiert, kostenlos. Speichern Sie Ihren Verlauf auf allen Geräten mit einem kostenlosen Konto.
Kostenloses Konto erstellen