Lepra-Management-System (DHIS2): WHO-Leitlinie 2025
📋Auf einen Blick
- •Das DHIS2-System ermöglicht die fallbasierte digitale Erfassung, Kontaktverfolgung und das Management von Lepra-Patienten.
- •Lepra-Fälle werden klinisch in Paucibazillär (PB) und Multibazillär (MB) klassifiziert.
- •Die Beurteilung der Nervenfunktion und die Berechnung des EHF-Scores (Eye-Hand-Foot) sind zentrale Bestandteile der Verlaufsbeobachtung.
- •Enge Kontaktpersonen ohne Kontraindikationen können eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) mit Single-Dose-Rifampicin erhalten.
Hintergrund
Das Global Leprosy Programme (GLP) der WHO hat ein fallbasiertes Management-System auf Basis von DHIS2 eingeführt. Ziel ist die effektive Überwachung und Kontrolle von Lepra (Morbus Hansen) durch einen strukturierten Ansatz, der Geolokalisation, Fallmanagement, Kontaktverfolgung und die Überwachung von Behandlungsabbrüchen oder unerwünschten Ereignissen umfasst.
Klinische Klassifikation
Die Einteilung der Lepra-Fälle erfolgt anhand der Läsionen, der Nervenbeteiligung und des bakteriologischen Befunds:
| Klassifikation | Kriterien |
|---|---|
| Paucibazillär (PB) | 1 bis 5 Hautläsionen und kein Nachweis von Bazillen im Hautabstrich. |
| Multibazillär (MB) | >5 Hautläsionen oder Nervenbeteiligung (reine Neuritis oder Hautläsionen plus Neuritis) oder positiver Nachweis von Bazillen im Hautabstrich (unabhängig von der Anzahl der Läsionen). |
Diagnostik und Beurteilung von Behinderungen
Die Diagnostik stützt sich auf Anamnese, klinische Untersuchung, Spalthautabstrich (Slit Skin Smear) und Hautbiopsien. Ein zentraler Bestandteil ist die Nervenfunktionsprüfung zur Ermittlung des EHF-Scores (Eye-Hand-Foot) und des WHO-Behinderungsgrades.
| WHO-Behinderungsgrad | Definition (Augen, Hände, Füße) |
|---|---|
| Grad 0 | Keine sichtbaren Deformitäten oder Schäden, keine schwere Sehbehinderung. |
| Grad 1 | Sensibilitätsverlust, aber keine sichtbaren Deformitäten. |
| Grad 2 (Hände/Füße) | Sichtbare Deformität oder Schädigung vorhanden. |
| Grad 2 (Augen) | Schwere Sehbehinderung (Visus < 6/60; Fingerzählen auf 6 Meter nicht möglich), Lagophthalmus, Iridozyklitis, Hornhauttrübungen. |
Therapie und Reaktionsmanagement
Die Behandlung erfolgt primär durch eine Multidrug-Therapie (MDT). Bei PB-Fällen umfasst ein vollständiger Kurs 6 Dosen innerhalb von 9 Monaten, bei MB-Fällen 12 Dosen innerhalb von 18 Monaten.
Im Verlauf können Lepra-Reaktionen (Typ 1 / Reversal-Reaktion, Typ 2 / Erythema nodosum leprosum, Neuritis) auftreten. Zur medikamentösen Behandlung dieser Reaktionen werden eingesetzt:
- Prednisolon
- Clofazimin
- Thalidomid
Kontaktverfolgung und Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Kontaktpersonen sind definiert als Personen, die sich über einen längeren Zeitraum in unmittelbarer Nähe eines unbehandelten Lepra-Patienten (Indexfall) aufhalten (typischerweise ≥ 20 Stunden pro Woche für mindestens 3 Monate im Jahr).
Enge Kontaktpersonen (> 2 Jahre alt) sind für eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) mit Single-Dose-Rifampicin (SDR) qualifiziert, sofern keine Ausschlusskriterien vorliegen.
| Ausschlusskriterien für PEP (SDR) |
|---|
| Mögliche Anzeichen/Symptome von Lepra |
| Mögliche Anzeichen/Symptome oder bestätigte Tuberkulose (TB) |
| Anamnese von Leber- oder Nierenerkrankungen |
| Schwangerschaft (SDR kann nach der Entbindung gegeben werden) |
| Rifampicin-Einnahme in den letzten 2 Jahren (z.B. wegen TB, Lepra oder als Prophylaxe) |
| Bekannte Allergie gegen Rifampicin |
| Weigerung, SDR einzunehmen |
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei jedem Follow-up-Termin eine Nervenfunktionsprüfung durch und dokumentieren Sie den WHO-Behinderungsgrad (Grad 0-2) für Augen, Hände und Füße, um den EHF-Score präzise zu berechnen. Prüfen Sie enge Kontaktpersonen systematisch auf PEP-Ausschlusskriterien wie eine Rifampicin-Gabe in den letzten zwei Jahren.