Contact Tracing Leitlinie (WHO 2024)
📋Auf einen Blick
- •Die WHO empfiehlt eine intensivierte Identifikation von Kontaktpersonen durch geschultes Personal (bedingte Empfehlung).
- •Ein aktives Follow-up von Kontaktpersonen wird gegenüber einem passiven Follow-up bevorzugt.
- •Die Integration von Testungen in die Kontaktverfolgung wird empfohlen, um infizierte von nicht-infizierten Personen zu unterscheiden.
- •Die Definition einer Kontaktperson muss Erreger, Übertragungsweg, Expositionsdauer und Distanz berücksichtigen.
Hintergrund
Die vorliegende WHO-Leitlinie (Dezember 2024) bietet krankheitsübergreifende Empfehlungen zur Kontaktverfolgung (Contact Tracing) bei Ausbrüchen von Infektionskrankheiten. Ziel ist es, Infektionsketten zu unterbrechen, Risikopopulationen zu informieren und epidemiologische Dynamiken frühzeitig zu verstehen.
Definitionen und Konzepte
Die Leitlinie etabliert standardisierte Begrifflichkeiten für das Ausbruchsmanagement:
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Kontakt | Exposition gegenüber einer Infektionskrankheit durch Interaktion mit einer infizierten Person oder kontaminierten Umgebung. |
| Kontaktperson | Person, die direkt oder indirekt einem Erreger ausgesetzt war. Das Risiko hängt von Übertragungsweg, Dauer, Distanz und Suszeptibilität ab. |
| Hochrisiko-Kontaktperson | Person mit erhöhter Wahrscheinlichkeit, infektiös zu werden, schwer zu erkranken oder andere anzustecken (z. B. aufgrund von Alter oder Komorbiditäten). |
| Contact Tracing | Systematischer Prozess der Identifizierung, Bewertung, Betreuung und Unterstützung von Kontaktpersonen. |
Schritte der Kontaktverfolgung
Die Implementierung einer Contact-Tracing-Strategie umfasst mehrere Kernschritte:
- Identifikation: Ermittlung von Kontaktpersonen, meist ausgehend von der Falluntersuchung (Case Investigation).
- Benachrichtigung: Information der Kontaktperson über Exposition, Krankheitssymptome und Verhaltensregeln.
- Follow-up und Monitoring: Überwachung auf erste Krankheitszeichen bis zum Ende der Inkubationszeit.
- Unterstützung: Bereitstellung von Ressourcen und Schutzmaßnahmen zur Minimierung sozialer und wirtschaftlicher Folgen.
Empfehlungen der WHO
Basierend auf dem GRADE-Ansatz spricht die WHO folgende bedingte Empfehlungen (bei sehr niedriger Evidenzqualität) aus:
| Maßnahme | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Identifikation | Intensivierte Identifikation wird gegenüber nicht-intensivierter bevorzugt. | Beinhaltet detaillierte Untersuchungen durch Fachpersonal (z. B. kognitive Interviews, Hausbesuche). |
| Follow-up | Aktives Follow-up wird gegenüber passivem Follow-up bevorzugt. | Direkte Interaktion durch Gesundheitspersonal (Anrufe, Besuche) statt reiner Selbstmeldung. |
| Testung | Integration von Testungen in das Contact Tracing wird empfohlen. | Hilfreich zur Unterscheidung infizierter von nicht-infizierter Kontakte, besonders bei asymptomatischen Verläufen. |
Hinweis: Zur Nutzung von finanziellen oder nicht-finanziellen Transferleistungen (Anreizen) wurde keine Empfehlung ausgesprochen, da die Evidenz keine eindeutige Praxisoption stützt.
Leistungsindikatoren (Performance Indicators)
Zur Messung der Effektivität des Contact Tracings können verschiedene Indikatoren herangezogen werden:
| Indikator | Berechnung | Ziel |
|---|---|---|
| Zeit bis zur Benachrichtigung | Zeitpunkt der Benachrichtigung minus Zeitpunkt der Fallidentifikation | Möglichst gegen 0 |
| Anteil benachrichtigter Kontakte | Benachrichtigte Kontakte / Alle bekannten Kontakte | Tendenz zu 1 (100%) |
| Anteil der Fälle unter bekannten Kontakten | Bekannte Kontakte, die zum Fall wurden / Alle bekannten Kontakte | Tendenz zu 1 (hohe Spezifität) |
| Attack Rate (Sekundärkontakte) | Fälle unter Kontakten von Kontakten / Alle bekannten Kontakte von Kontakten | Tendenz zu 0 |
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie eine intensivierte, persönliche Befragung durch geschultes Personal zur Kontaktpersonenermittlung, da dies nachweislich mehr Kontakte pro Indexfall identifiziert als rein passive Methoden.