Insektizid-Raumsprühen: Risikobewertung und Toxizität
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie (2018) beschreibt ein generisches Modell zur Risikobewertung für das Raumsprühen von Insektiziden in Innen- und Außenbereichen. Diese Methode wird primär zur Kontrolle von fliegenden Krankheitsüberträgern wie Mücken bei Ausbrüchen vektorübertragener Krankheiten eingesetzt.
Das Modell zielt darauf ab, die Risikobewertung für die öffentliche Gesundheit zu harmonisieren. Es berücksichtigt sowohl die menschliche Gesundheit als auch ökologische Aspekte.
Die Bewertung umfasst verschiedene Expositionsgruppen, darunter Sprühanwender, Bewohner behandelter Häuser und unbeteiligte Dritte. Dabei werden sowohl Leitlinien-konforme Szenarien als auch Szenarien mit unzureichenden Schutzmaßnahmen betrachtet.
Empfehlungen
Gefahrenbewertung (Hazard Assessment)
Laut Leitlinie basiert die Identifikation von Gefahren auf der Sammlung und Analyse toxikologischer und humaner Daten. Es wird empfohlen, bestehende Risikobewertungen aus dem Pflanzenschutz als Ausgangspunkt zu nutzen.
Die Leitlinie betont die Wichtigkeit der Bestimmung von Dosis-Wirkungs-Beziehungen.
Folgende Werte werden für die Festlegung tolerierbarer Expositionsgrenzen herangezogen:
-
NOAEL (No-Observed-Adverse-Effect-Level)
-
LOAEL (Lowest-Observed-Adverse-Effect-Level)
-
Benchmark-Dosis-Modelle als alternative Methode
Expositionsbewertung (Exposure Assessment)
Die Expositionsbewertung muss alle relevanten Aufnahmewege wie Inhalation, Verschlucken und Hautkontakt berücksichtigen. Für die Berechnung werden standardisierte anthropometrische und physiologische Parameter herangezogen.
Es wird unterschieden zwischen einem Guideline-Szenario mit korrekter Schutzausrüstung und einem Lax-Standard-Szenario ohne ausreichenden Schutz.
Umweltrisikobewertung
Die Leitlinie fordert eine Bewertung der Umweltrisiken, insbesondere für Nichtzielorganismen. Das Risiko wird durch den Vergleich von Exposition und Toxizität charakterisiert.
Folgende Umweltkompartimente müssen laut Leitlinie bewertet werden:
-
Luft (Abdrift und Verflüchtigung)
-
Boden (Ablagerung und Abbau)
-
Oberflächenwasser und aquatische Sedimente
Für die Abschätzung der Verflüchtigung von Pestiziden in den ersten 24 Stunden nach der Anwendung definiert die Leitlinie folgende Standardwerte basierend auf der relativen Flüchtigkeit:
| Relative Flüchtigkeit | Henry-Konstante bei 20 °C | Dampfdruck (Pa) bei 20 °C | Max. täglicher Verlust Boden (%) | Max. täglicher Verlust Pflanzen (%) |
|---|---|---|---|---|
| Hoch | > 10^-3 | > 10^-1 | 50 | 50 |
| Mittel | 10^-6 – 10^-3 | 10^-3 – 10^-1 | 10 | 25 |
| Niedrig | < 10^-6 | < 10^-3 | 1 | 10 |
Kontraindikationen
Die Leitlinie formuliert klare Warnhinweise bezüglich hochgefährlicher Pestizide.
Wirkstoffe, die die GHS-Kriterien der Kategorien 1A und 1B für Karzinogenität, Mutagenität oder Reproduktionstoxizität erfüllen, gelten als hochgefährlich.
Es wird empfohlen, solche Pestizide nicht für das Raumsprühen zu registrieren oder zu verwenden, es sei denn, es besteht ein eindeutiger Bedarf und es gibt keine Alternativen.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie hebt hervor, dass die dermale Absorption bei der Exposition gegenüber Insektiziden oft bedeutsamer ist als die Inhalation. Es wird betont, dass bei fehlenden spezifischen Daten zur dermalen Absorption konservative Standardwerte (z.B. 10 % für Pyrethroide) verwendet werden sollten. Zudem wird darauf hingewiesen, dass unzureichende Schutzausrüstung die systemische Dosis des Anwenders drastisch erhöhen kann.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie umfassen die Standardanforderungen Toxikokinetik-Studien, Tests zur akuten Toxizität, Reizungs- und Sensibilisierungsstudien sowie Studien zur Toxizität bei wiederholter Gabe. Zusätzlich werden oft Tests auf Genotoxizität, Karzinogenität und Reproduktionstoxizität gefordert.
Die Leitlinie berücksichtigt bei Kleinkindern (12-24 Monate) spezifische Verhaltensmuster wie die Hand-zu-Mund-Aktivität. Es wird berechnet, wie viel Insektizid von kontaminierten Oberflächen auf die Hände gelangt und anschließend über den Speichel extrahiert und verschluckt wird.
Das Guideline-Szenario geht davon aus, dass alle Anweisungen auf dem Produktetikett und die WHO-Richtlinien befolgt werden, einschließlich des Tragens persönlicher Schutzausrüstung. Das Lax-Standard-Szenario berücksichtigt die Realität, dass oft keine Schutzausrüstung außer leichter Kleidung getragen wird.
Das Risiko wird durch das Expositions-Toxizitäts-Verhältnis (ETR) charakterisiert. Dabei wird die berechnete Insektizidkonzentration im Oberflächenwasser mit den niedrigsten gemeldeten Toxizitätswerten für Algen, Wirbellose und Fische verglichen.
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Quelle: Generic risk assessment model for indoor and outdoor space spraying of insecticides — Second Edition (WHO, 2018). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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