Mikrobiologische Risikobewertung: Leitlinie (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Die Risikoanalyse von Lebensmitteln besteht aus Risikobewertung, Risikomanagement und Risikokommunikation.
- •Die Risikobewertung umfasst vier Schritte: Gefahrenidentifikation, Expositionsabschätzung, Gefahrencharakterisierung und Risikocharakterisierung.
- •Risikobewertungen können qualitativ, semi-quantitativ oder quantitativ durchgeführt werden.
- •Die Ergebnisse müssen transparent dokumentiert werden und Unsicherheiten sowie Variabilitäten ausweisen.
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie zur mikrobiologischen Risikobewertung von Lebensmitteln (MRA 36) bietet ein strukturiertes Rahmenwerk zur Beurteilung mikrobiologischer Gefahren. Sie fasst frühere Dokumente zusammen und dient als Grundlage für wissenschaftsbasierte Entscheidungen im Rahmen der Lebensmittelsicherheit.
Rahmenwerk der Risikoanalyse
Die Risikoanalyse ist ein strukturierter Prozess, der aus drei untrennbar miteinander verbundenen Komponenten besteht:
- Risikobewertung (Risk Assessment): Ein wissenschaftsbasierter Prozess zur Ermittlung von Gesundheitsrisiken.
- Risikomanagement (Risk Management): Ein von der Bewertung getrennter Prozess zur Abwägung politischer Alternativen und Auswahl geeigneter Präventions- und Kontrollmaßnahmen.
- Risikokommunikation (Risk Communication): Der interaktive Austausch von Informationen und Meinungen zwischen allen beteiligten Interessengruppen.
Komponenten der Risikobewertung
Die eigentliche Risikobewertung (Risk Assessment) wird in vier systematische Schritte unterteilt:
| Schritt | Bezeichnung | Beschreibung |
|---|---|---|
| 1 | Gefahrenidentifikation | Qualitative Identifizierung mikrobieller Gefahren (z. B. Infektionserreger oder Toxine) in Lebensmitteln. |
| 2 | Expositionsabschätzung | Qualitative und/oder quantitative Bewertung der wahrscheinlichen Aufnahme der mikrobiellen Gefahr über spezifische Lebensmittel. |
| 3 | Gefahrencharakterisierung | Beschreibung der gesundheitlichen Auswirkungen nach Aufnahme (inkl. Dosis-Wirkungs-Beziehung). |
| 4 | Risikocharakterisierung | Integration der vorherigen Schritte zu einer Risikoschätzung (Wahrscheinlichkeit und Schweregrad der Auswirkungen). |
Arten der Risikobewertung
Je nach Fragestellung, Datenlage und Ressourcen können unterschiedliche methodische Ansätze gewählt werden:
| Ansatz | Eigenschaften | Indikation |
|---|---|---|
| Qualitativ | Deskriptive oder kategoriale Behandlung von Informationen. | Erste Evaluierung eines Problems; wenn Daten für mathematische Modelle fehlen. |
| Semi-quantitativ | Bewertung von Risiken mittels Punktesystemen (Scores). | Wenn eine konsistentere Methode als die qualitative benötigt wird, aber präzise Daten fehlen. |
| Quantitativ | Numerische Risikoschätzungen mittels mathematischer Modelle. | Wenn detaillierte Daten (z. B. Dosis-Wirkungs-Modelle) und Ressourcen vorhanden sind. |
Kernaussagen zur Durchführung
- Zweck und Geltungsbereich (Scope) müssen vor Beginn der Risikobewertung klar definiert werden.
- Die Risikobewertung sollte die reale Welt so genau wie möglich abbilden und die gesamte Bandbreite möglicher Ergebnisse widerspiegeln.
- Best-Case- und Worst-Case-Szenarien können als Filtertechniken eingesetzt werden, um zu entscheiden, ob ein Risiko weitere Analysen erfordert.
- Unsicherheit und Variabilität müssen in der finalen Risikoschätzung zwingend ausgewiesen und diskutiert werden.
- Die Ergebnisse müssen transparent und objektiv präsentiert werden, sodass auch Personen ohne mathematischen Hintergrund die Kernaussagen verstehen können.
💡Praxis-Tipp
Definieren Sie vor Beginn einer Risikobewertung immer klar den Zweck und den Geltungsbereich (Scope) in enger Abstimmung mit dem Risikomanagement, um irrelevante Datenerhebungen zu vermeiden.