Antivirale Prophylaxe bei Krebs: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Die medikamentöse Prophylaxe schützt immunsupprimierte Krebspatienten vor der Reaktivierung von HSV-1, HSV-2 und VZV.
- •Ein routinemäßiges PCR-Screening auf Herpesviren-Reaktivierung wird nicht empfohlen, da die Seroprävalenz bei ca. 90 % liegt.
- •Aciclovir ist die am besten untersuchte Substanz zur Prophylaxe, alternativ kann Valaciclovir eingesetzt werden.
- •Trotz verfügbarer VZV-Impfung (Shingrix) sollte bei Hochrisikopatienten nicht auf die medikamentöse Prophylaxe verzichtet werden.
- •Die Indikation zur Prophylaxe richtet sich spezifisch nach der Grunderkrankung und der durchgeführten Tumortherapie.
Hintergrund
Die Mehrzahl der Viruserkrankungen bei Patienten mit soliden Tumoren oder hämatologischen Neoplasien entsteht durch die Reaktivierung latenter Infektionen. Das Risiko steigt mit der Intensität und Dauer der T-Zell-Suppression. Die häufigsten Erreger sind Herpes-simplex-Viren (HSV-1 und HSV-2), das Varizella-Zoster-Virus (VZV) und das Hepatitis-B-Virus (HBV).
Klinisches Bild
Reaktivierungen können asymptomatisch verlaufen oder zu schweren, teils lebensbedrohlichen Organmanifestationen führen, insbesondere bei starker Immunsuppression.
| Erreger | Häufige Manifestationen | Manifestationen bei schwerer Immunsuppression |
|---|---|---|
| HSV-1 | Herpes labialis, Stomatitis | Ösophagitis, Hepatitis, Colitis, Pneumonitis, Enzephalitis, Keratitis |
| HSV-2 | Herpes genitalis | Hepatitis, Meningitis, Enzephalitis |
| VZV | Herpes zoster, Zoster sine herpete | Disseminierter Zoster, Hepatitis, Pankreatitis, Pneumonitis, Meningoenzephalitis, zerebrale Vaskulopathie, Keratitis, Uveitis, Retinitis |
Diagnostik
Die Seroprävalenz für HSV und VZV liegt bei Erwachsenen aufgrund hoher Primärinfektionsraten in der Kindheit bei etwa 90 %. Daher ist eine antivirale Prophylaxe in der Regel auch ohne vorherige serologische Testung adäquat.
- Eine serologische Untersuchung (HSV-IgG, VZV-IgG) kann eine frühere Infektion bestätigen.
- Es gibt keine Indikation für ein regelmäßiges Screening mittels PCR auf Reaktivierungen von HSV-1, HSV-2 oder VZV.
Medikamentöse Prophylaxe
Obwohl für VZV eine Impfprophylaxe (Shingrix) existiert, sind die Daten zur Dauer des Impfschutzes bei hämatologischen Neoplasien unzureichend. Bei Hochrisikopatienten kann daher nicht auf eine medikamentöse Prophylaxe verzichtet werden.
| Wirkstoff | Indikation | Übliche Dosierung | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Aciclovir | HSV-1 / HSV-2 | 400 mg p.o. 2x tgl. | Am besten untersucht. Höchstdosis an Nierenfunktion anpassen! |
| Aciclovir | VZV | 400 mg p.o. 1x bis 3x tgl. | Höchstdosis an Nierenfunktion anpassen! |
| Valaciclovir | HSV / VZV | 250 mg oder 500 mg p.o. 2x tgl. | Geringere Studien-Evidenz, aber klinisch etabliert. Höchstdosis an Nierenfunktion anpassen! |
Indikationen nach Grunderkrankung
Die Indikation zur Prophylaxe richtet sich nach der Grunderkrankung und der spezifischen Therapie.
| Entität / Therapie | Prophylaxe gegen | Empfehlungsgrad (SoR) | Evidenzqualität (QoE) |
|---|---|---|---|
| Solide Tumore | HSV-1, HSV-2, VZV | D | III |
| Ausnahme: Kopf-Hals-Tumor + Radiochemotherapie | HSV-1, HSV-2 | - | - |
| Ausnahme: Prednisolon >10 mg/d für >14 Tage | VZV | - | - |
| AML, ALL (intensive Chemotherapie) | HSV-1, HSV-2, VZV | B | IIr |
| MPN (Ruxolitinib) | HSV-1, HSV-2 | C | IIu |
| MPN (Ruxolitinib) | VZV | B | IIru |
| Malignes Lymphom, CLL (Immunochemotherapie) | HSV-1, HSV-2, VZV | B | IIu |
| Malignes Lymphom, CLL (Idelalisib) | HSV-1, HSV-2, VZV | B | III (Zusätzlich obligate CMV-Prophylaxe!) |
| Malignes Lymphom, CLL (BTK-/BCL2-Inhibitoren) | VZV | C | III |
| Multiples Myelom (Proteasominhibitoren) | VZV | A | IIt |
| Multiples Myelom (Lenalidomid, Daratumumab) | VZV | C | IIt |
(Hinweis: Bei der Therapie mit Idelalisib besteht eine obligate Prophylaxe-Indikation gegen CMV. Dies gilt ausdrücklich nicht für die Behandlung mit BTK-/BCL2-Inhibitoren.)
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf ein routinemäßiges PCR-Screening auf HSV- oder VZV-Reaktivierungen. Denken Sie bei der Verordnung von Aciclovir oder Valaciclovir stets an die Dosisanpassung bei eingeschränkter Nierenfunktion.