Kniegelenkluxation: Leitlinie (AWMF/DGU)
📋Auf einen Blick
- •Kniegelenkluxationen werden in über 50 % der Fälle primär übersehen, oft bedingt durch Spontanrepositionen.
- •Eine Gefäßdiagnostik wird auch bei normalem Pulsstatus dringend empfohlen, da in ca. 9 % okkulte Intimaläsionen vorliegen.
- •Die konservative Therapie führt meist zu schlechten Ergebnissen; eine operative Stabilisierung ist in der Regel notwendig.
- •Bei stark adipösen Patienten (BMI > 40) können bereits Bagatelltraumata (Ultra-low-velocity) zu schweren Luxationen mit neurovaskulären Schäden führen.
Hintergrund
Die Kniegelenkluxation ist mit 0,02 % aller muskuloskelettalen Verletzungen sehr selten. Da es häufig zu Spontanrepositionen kommt, werden über 50 % der Verletzungen primär übersehen, insbesondere bei polytraumatisierten Patienten. Der Verletzungsmechanismus wird in drei Kategorien unterteilt:
- High velocity injuries (50 %): Verkehrsunfälle, Sturz aus großer Höhe, Polytrauma.
- Low velocity injuries (33 %): Sportverletzungen, Stürze aus geringer Höhe.
- Ultra low velocity injuries (12 %): Einfache Stürze bei meist stark übergewichtigen Patienten (BMI > 40), jedoch mit hoher Energieeinwirkung und hohem Risiko für Gefäß- und Nervenverletzungen.
Typische Begleitverletzungen sind Läsionen der A. und V. poplitea (3-5 %) sowie des N. peroneus (26 %).
Klassifikation
Die Einteilung erfolgt standardmäßig nach der Schenck-Klassifikation, welche die verletzten Bandstrukturen berücksichtigt:
| Typ | Verletzte Strukturen | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | VKB oder HKB + Kollateralband | Begleitende mediale oder laterale Verletzung |
| 2 | VKB + HKB | Beide Kreuzbänder rupturiert |
| 3 | VKB + HKB + 1 Kollateralband | Typ 3 medial oder Typ 3 lateral |
| 4 | VKB + HKB + beide Kollateralbänder | Schwerste Bandverletzung |
| 5 | Luxationsfraktur | Kombiniert mit Gelenkfraktur |
Zusätze: C = begleitende Gefäßverletzung, N = begleitende Nervenverletzung.
Diagnostik
Neben der klinischen Untersuchung (Inspektion, Palpation, Stabilitätsprüfung) und dem Nativröntgen in zwei Ebenen ist die MRT zur Erkennung von Band-, Meniskus- und Knorpelschäden indiziert.
Gefäßdiagnostik: Auch bei normalem Pulsstatus haben ca. 9 % der Patienten angiographisch nachweisbare arterielle Intimaläsionen. Daher wird eine Gefäßdiagnostik (Dopplersonographie, CT-Angiografie, MR-Angiografie) ausdrücklich empfohlen.
Klinische Erstversorgung
Die Erstversorgung umfasst Immobilisation, adäquate Analgesie, lokale Kühlung und Thromboseprophylaxe.
Die primäre Indikation zur Anlage eines Fixateur externe besteht bei:
- Ultra-low-velocity Knieluxationen
- Gefäßläsionen und -rekonstruktion
- Offenen Verletzungen
Wichtig: Eine engmaschige Kompartmentüberwachung ist essenziell. Ein Kompartmentsyndrom kann durch einen peripheren Schmerzkatheter maskiert und übersehen werden.
Therapie
Konservative Therapie
Die konservative Therapie nach Kniegelenkluxation vom Typ 2 bis 5 nach Schenck führt meist zu schlechten klinischen Ergebnissen und ist nur bei Kontraindikationen zur Operation (z. B. schweres Polytrauma) indiziert.
Operative Therapie
Eine operative Stabilisierung der verletzten Bandstrukturen ist in der Regel notwendig.
| Indikation | Dringlichkeit | Maßnahme |
|---|---|---|
| Arterielle Gefäßverletzung | Notfall | Gefäßchirurgische Intervention, Fixateur externe |
| Irreponible Gelenkstellung | Notfall | Offene Reposition |
| Drohendes Kompartmentsyndrom | Notfall | Fasziotomie |
| Bandinstabilität (Schenck 2-5) | Frühzeitig (< 3 Wochen) | Bandnaht oder Bandplastik (ein- oder zweizeitig) |
Die frühe operative Behandlung (innerhalb der ersten 3 Wochen) zeigt signifikant bessere funktionelle Ergebnisse als eine Versorgung im chronischen Stadium.
Prognose
Die Prognose hängt maßgeblich von Begleitverletzungen ab. Eine begleitende Gefäßverletzung verschlechtert die Prognose signifikant. Bei inkomplettem Ausfall des N. peroneus kommt es in 87 % der Fälle zu einer kompletten Regeneration. Nach einer Kniegelenkluxation ist das Risiko für die Entwicklung einer posttraumatischen Gonarthrose deutlich erhöht.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie nach jeder Kniegelenkluxation zwingend eine Gefäßdiagnostik (z. B. CT-Angiografie) durch – auch wenn die Fußpulse gut tastbar sind. Achten Sie bei adipösen Patienten besonders auf Bagatelltraumata, da diese oft mit schweren neurovaskulären Schäden einhergehen.