Leitlinie Patellafraktur: Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Indikation zur konservativen Therapie besteht bei erhaltener aktiver Streck-Hebefähigkeit und einer Dislokation/Stufenbildung von unter 2 mm.
- •Bei Trümmerfrakturen wird ein CT empfohlen, da das Frakturausmaß im konventionellen Röntgen oft unterschätzt wird.
- •Ziel der operativen Therapie ist eine übungsstabile Osteosynthese (z. B. Zuggurtung, winkelstabile Platte) zur frühfunktionellen Nachbehandlung.
- •Die primäre oder sekundäre Patellektomie gilt als absolute Ausnahme und Rettungsoperation.
Hintergrund
Die Patellafraktur macht circa 1 % aller Skelettverletzungen aus. Der Häufigkeitsgipfel liegt zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Ursächlich sind meist direkte Traumata (z. B. Anprall am Armaturenbrett) oder seltener indirekte Traumata (plötzliche Beugung bei voll kontrahiertem Musculus quadriceps femoris).
Diagnostik
Die Basisdiagnostik umfasst die klinische Untersuchung (Tasten einer Delle, Prüfung der aktiven Streckfähigkeit) und Röntgenaufnahmen.
| Diagnostikum | Indikation / Bemerkung |
|---|---|
| Röntgen (2 Ebenen) | Standard-Basisdiagnostik |
| CT-Untersuchung | Bei multifragmentären Frakturen oder Trümmerfrakturen (Frakturausmaß wird im Röntgen oft unterschätzt) |
| Sonographie | Fakultativ (Frakturnachweis, Beurteilung des Streckapparates und Erguss) |
| MRT | Nur ausnahmsweise (Ausschluss Stressfrakturen, Knorpelschäden); nicht zur primären Frakturdiagnostik |
Klassifikation
Die Einteilung erfolgt standardmäßig nach der AO-Klassifikation (Patella = 34):
| Typ | Beschreibung | Subtypen |
|---|---|---|
| A | Extraartikulär | A1: Avulsionsfraktur (proximal, distal, lateral, medial) |
| B | Partiell intraartikulär / sagittale Fraktur | B1: längs lateral, B2: längs medial |
| C | Komplett intraartikulär / frontale bzw. coronare Fraktur | C1: quer, C2: quer mit Keil, C3: komplexe Trümmerfraktur |
Therapieentscheidung
Die Wahl zwischen konservativer und operativer Therapie hängt maßgeblich von der Dislokation und der Funktion des Streckapparates ab.
| Therapieform | Indikation |
|---|---|
| Konservativ | Erhaltene aktive Streck-Hebefähigkeit UND keine relevante Dislokation (< 2 mm) oder Gelenkstufe (< 2 mm) |
| Operativ | Fehlende Streck-Hebefähigkeit, Dislokation ≥ 2 mm, Gelenkstufe ≥ 2 mm, offene Frakturen |
Operative Therapie
Ziel ist eine übungsstabile Osteosynthese zur Ermöglichung einer frühfunktionellen Nachbehandlung.
- Zuggurtungs-Osteosynthese: Häufiges Verfahren (2 axiale Kirschner-Drähte + ventraler Zuggurtungsdraht in 8-er Tour). Ein intraoperatives Durchbewegen zum Vorspannen wird empfohlen.
- Schraubenosteosynthese: Ein perkutanes Vorgehen führt zu besseren Resultaten.
- Anteriore Plattenosteosynthese: Winkelstabile Plattensysteme sind biomechanisch überlegen. Bei distaler Polbeteiligung wird eine Hakenplatte empfohlen.
- Patellektomie: Die primäre oder frühsekundäre (Teil-)Patellektomie ist eine absolute Ausnahme und gilt als Rettungsoperation. Ein Rekonstruktionsversuch sollte immer angestrebt werden.
💡Praxis-Tipp
Prüfen Sie klinisch immer die aktive Streck-Hebefähigkeit des Beines – sie ist das wichtigste Kriterium für die Entscheidung zwischen konservativer und operativer Therapie. Unterschätzen Sie zudem Trümmerfrakturen im Röntgen nicht und veranlassen Sie großzügig ein CT.