Arterielle Hypertonie: ESC/DGK-Leitlinie 2024
📋Auf einen Blick
- •Neue Blutdruckkategorien: 'nicht erhöht' (< 120/70 mmHg), 'erhöht' (120-139/70-89 mmHg) und 'Hypertonie' (≥ 140/90 mmHg).
- •Die Diagnose soll bevorzugt durch praxisunabhängige Messungen (Langzeit- oder Heimmessung) gestellt werden.
- •Bei 'erhöhtem Blutdruck' erfolgt die Therapieentscheidung risikoadaptiert basierend auf dem kardiovaskulären Gesamtrisiko.
- •Medikamentöse Therapie soll primär als Single-Pill-Kombination (Zwei- oder Dreifachkombination in niedriger Dosis) gestartet werden.
- •Der primäre Zielblutdruck liegt für die meisten Patienten unter 85 Jahren bei 120–129/70–79 mmHg.
Hintergrund
Die arterielle Hypertonie bleibt weltweit einer der führenden Risikofaktoren für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Die ESC-Leitlinie 2024, kommentiert durch die DGK, bringt wesentliche Neuerungen im klinischen Management, um die kardiovaskuläre Prävention zu verbessern. Im Fokus stehen eine strengere Blutdruckklassifikation, die Aufwertung der häuslichen Blutdruckmessung und ein risikoadaptierter Therapieansatz.
Diagnostik und Blutdruckmessung
Zur Diagnosestellung wird generell die praxisunabhängige Blutdruckmessung (Out-of-office) mittels 24-h-Langzeitblutdruckmessung (ABPM) oder häuslicher Blutdruckmessung (HBPM) empfohlen. Dies verbessert die Detektion von Weißkittel- und maskierter Hypertonie.
- Häusliche Messung: Nach 5 Minuten Ruhe, 2 Messungen im Abstand von 1-2 Minuten, 2-mal täglich (morgens und abends) an idealerweise 7 Tagen.
- Screening auf sekundäre Hypertonie: Bei allen Erwachsenen mit bestätigter Hypertonie (≥ 140/90 mmHg) wird vor Therapiebeginn ein Screening auf primären Hyperaldosteronismus mittels Aldosteron-Renin-Quotient empfohlen.
Blutdruckklassifikation
Die Kategorien "optimal", "normal" und die Schweregrade I-III wurden verlassen. Stattdessen gilt eine neue, vereinfachte Einteilung:
| Kategorie | Praxisblutdruck (mmHg) | Selbstmessung (mmHg) |
|---|---|---|
| Nicht erhöhter Blutdruck | < 120/70 | < 120/70 |
| Erhöhter Blutdruck | 120-139 / 70-89 | 120-134 / 70-84 |
| Hypertonie | ≥ 140/90 | ≥ 135/85 |
Therapiebeginn nach Risikostratifizierung
Die Indikation zur Therapie richtet sich nach der Blutdruckkategorie und dem kardiovaskulären Gesamtrisiko (ermittelt z.B. über SCORE2, SCORE2-OP oder SCORE2-Diabetes).
| Blutdruckkategorie | Kardiovaskuläres Risiko | Therapieempfehlung |
|---|---|---|
| Hypertonie (≥ 140/90) | Unabhängig vom Risiko | Sofortiger Beginn von Lebensstilinterventionen UND medikamentöser Therapie |
| Erhöhter Blutdruck (120-139 / 70-89) | 10-Jahres-CVD-Risiko ≥ 10 % oder Hochrisiko-Erkrankung | Lebensstilinterventionen für 3 Monate; falls Blutdruck weiterhin ≥ 130/80 mmHg: medikamentöse Therapie |
| Erhöhter Blutdruck (120-139 / 70-89) | 10-Jahres-CVD-Risiko < 10 % | Ausschließlich Lebensstilinterventionen und jährliche Kontrollen |
Nichtmedikamentöse Therapie
Neben dem etablierten aeroben Ausdauertraining gibt es neue Empfehlungen zur Lebensstilanpassung:
- Krafttraining: Dynamisches oder isometrisches Widerstandstraining (z.B. Planks, Wall Sits) wird ausdrücklich zur Blutdrucksenkung empfohlen.
- Kaliumzufuhr: Erhöhung um 0,5–1,0 g/Tag (z.B. durch kaliumreiches Salz oder Lebensmittel wie Bananen/Spinat) bei hoher Natriumaufnahme und fehlender fortgeschrittener Niereninsuffizienz.
- Zuckerreduktion: Beschränkung auf maximal 10 % der gesamten Energieaufnahme.
Medikamentöse Therapie
Ziel ist eine effektive Blutdrucksenkung bei gleichzeitig hoher Therapieadhärenz. Der Einnahmezeitpunkt (morgens vs. abends) kann nach Patientenpräferenz gewählt werden, da die TIME-Studie keine Unterschiede im Outcome zeigte.
- Zielblutdruck: Für die meisten Patienten bis 85 Jahre wird ein Korridor von 120–129/70–79 mmHg empfohlen, sofern toleriert (ALARA-Prinzip: "as low as reasonably achievable").
- Kombinationstherapie: Bevorzugter Einsatz von Single-Pill-Kombinationen (SPC).
- Therapiestart: Beginn mit niedrig dosierten Zwei- oder Dreifachkombinationen (RAS-Blocker + Calciumkanalblocker und/oder Diuretikum) anstelle der Ausdosierung einer Monotherapie.
Therapieresistente Hypertonie
Bei unzureichender Blutdruckkontrolle trotz Dreifachkombination:
- Medikamentös: Der Mineralokortikoidrezeptorantagonist (MRA) Spironolacton bleibt Mittel der Wahl. Alternativ Betablocker oder Reservemedikamente.
- Interventionell: Die renale Denervation kann nach gemeinsamer Nutzen-Risiko-Abwägung in spezialisierten Zentren erwogen werden (nicht bei eGFR < 40 ml/min/1,73 m² oder sekundärer Hypertonie).
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie zur initialen medikamentösen Therapie bevorzugt niedrig dosierte Single-Pill-Kombinationen (Zwei- oder Dreifachkombinationen), um die Tablettenlast zu senken und die Therapieadhärenz Ihrer Patienten zu maximieren.