Reanimation 2021: ERC-Leitlinien Update (DGK)
📋Auf einen Blick
- •Die Laienreanimationsquote in Deutschland liegt bei 40,4 % und ist ein zentraler Ansatzpunkt zur Überlebensverbesserung.
- •Thoraxkompressionen erfolgen mit 5-6 cm Tiefe, einer Frequenz von 100-120/min und minimalen Unterbrechungen (Verhältnis 30:2).
- •Adrenalin (1 mg) wird bei nicht-schockbaren Rhythmen sofort, bei schockbaren Rhythmen nach dem 3. Schock gegeben.
- •Amiodaron und Lidocain gelten als gleichwertige Antiarrhythmika bei therapierefraktärem Kammerflimmern.
- •Die neurologische Prognosestellung nach ROSC darf frühestens nach 72 Stunden im multimodalen Ansatz erfolgen.
Hintergrund
Der Kreislaufstillstand ist die dritthäufigste Todesursache in Europa. In Deutschland liegt die Inzidenz des außerklinischen Kreislaufstillstands (OHCA) bei 57,8 pro 100.000 Einwohner. Die Laienreanimationsquote beträgt in Deutschland lediglich 40,4 % (europäischer Durchschnitt: 58 %). Zur Verbesserung des Überlebens fordern die Leitlinien die Etablierung der "BIG FIVE": Laienausbildung, First-Responder-Systeme, Schülerausbildung, Cardiac-Arrest-Zentren und Telefonreanimation.
Basic Life Support (BLS)
Die Basismaßnahmen folgen dem Prinzip Prüfen – Rufen – Drücken:
- Prüfen: Reaktion und Atmung überprüfen. Die Pulskontrolle durch Laien ist obsolet.
- Rufen: Notruf 112 absetzen (ggf. Telefonreanimation nutzen).
- Drücken: Sofortiger Beginn der Thoraxkompressionen.
Qualitätskriterien der Thoraxkompression:
- Druckpunkt: Mitte der Brust
- Drucktiefe: 5–6 cm
- Frequenz: 100–120 pro Minute
- Verhältnis: 30 Kompressionen zu 2 Beatmungen (30:2)
- Minimale Unterbrechungen
Ein automatisierter externer Defibrillator (AED) soll so früh wie möglich eingesetzt werden.
Advanced Life Support (ALS)
Priorität haben qualitativ hochwertige Thoraxkompressionen und eine frühzeitige Defibrillation.
- Defibrillation: Mindestens 150 Joule (biphasisch). Pausen für Rhythmusanalyse und Schockabgabe auf maximal 5 Sekunden begrenzen.
- Atemwegsmanagement: Stufenweises Vorgehen. Die endotracheale Intubation soll nur von Anwendern mit hoher Erfolgsrate (>95 %) durchgeführt werden.
- Ultraschall (POCUS): Zur Diagnostik reversibler Ursachen durch erfahrene Anwender, ohne die Kompressionen zu unterbrechen.
Medikamentöse Therapie
| Medikament | Dosis | Indikation | Zeitpunkt |
|---|---|---|---|
| Adrenalin | 1 mg i.v./i.o. | Nicht-schockbarer Rhythmus (PEA/Asystolie) | Schnellstmöglich, Wiederholung alle 3-5 min |
| Adrenalin | 1 mg i.v./i.o. | Schockbarer Rhythmus (VF/pVT) | Nach dem 3. Schock, Wiederholung alle 3-5 min |
| Amiodaron | 300 mg i.v./i.o. | Therapierefraktäres VF/pVT | Nach dem 3. Schock (ggf. 150 mg nach 5. Schock) |
| Lidocain | 100 mg i.v./i.o. | Alternative zu Amiodaron bei VF/pVT | Nach dem 3. Schock (ggf. 50 mg nach 5. Schock) |
Reversible Ursachen (4 H's und HITS)
Das Erkennen und Behandeln reversibler Ursachen ist essenziell:
| Ursache | Diagnostik | Akutbehandlung |
|---|---|---|
| Hypoxie | SpO2, Atemfrequenz | Sauerstoffgabe, effektive Beatmung |
| Hypovolämie | Sonographie (VCI), E-FAST | Volumensubstitution, Blutungskontrolle |
| Hypo-/Hyperkaliämie | Blutgasanalyse | Calciumchlorid, Natriumbikarbonat, Dialyse |
| Hypo-/Hyperthermie | Temperaturmessung | Wiedererwärmung (z.B. ECLS) |
| Herzbeuteltamponade | Echokardiographie | Perikardpunktion, Thorakotomie |
| Intoxikation | Fremdanamnese | Antidote, eCPR |
| Thrombose (koronar/pulmonal) | EKG, Echokardiographie | Herzkatheter (PCI), Lyse |
| Spannungspneumothorax | Sonographie, Klinik | Entlastung (Minithorakotomie/Punktion) |
Extrakorporale CPR (eCPR)
Die eCPR kann als Rescue-Therapie bei ausgewählten Patienten erwogen werden, wenn konventionelle Maßnahmen versagen. Voraussetzungen sind:
- Beobachteter Kreislaufstillstand mit effektiver Laien-CPR
- Low-Flow-Zeit < 60 Minuten
- Jüngere Patienten (< 65-70 Jahre) ohne schwere Komorbiditäten
- Vorliegen einer reversiblen Ursache
Postreanimationsbehandlung
Nach Rückkehr des Spontankreislaufs (ROSC) erfolgt die Stabilisierung nach dem ABC-Konzept:
- Atmung: SpO2-Zielwert 94–98 %, Normokapnie, lungenprotektive Beatmung.
- Kreislauf: Systolischer Blutdruck > 100 mmHg (MAP ≥ 65 mmHg), Normovolämie.
- Herzkatheter: Bei ST-Hebungen (STEMI) im EKG sofortige Koronarangiographie. Bei Patienten ohne ST-Hebungen kann eine verzögerte Angiographie erwogen werden.
- Temperaturmanagement (TTM): Konstante Zieltemperatur von 32–36 °C für mindestens 24 Stunden, gefolgt von strikter Fiebervermeidung (≤ 37,7 °C) für 72 Stunden.
Neurologische Prognosestellung
Die Prognosestellung darf frühestens 72 Stunden nach ROSC erfolgen. Sie erfordert zwingend einen multimodalen Ansatz:
- Klinisch-neurologische Untersuchung (z.B. GCS-Motorik ≤ 3)
- Neurophysiologie (EEG, SSEP)
- Biomarker (Neuronenspezifische Enolase, NSE)
- Bildgebung (CCT/MRT)
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie die Kapnographie (etCO2) nicht nur zur Tubuslagekontrolle, sondern auch als Monitoring der CPR-Qualität. Ein plötzlicher Anstieg (>10 mmHg) kann auf einen ROSC hindeuten.