Kardiopulmonale Reanimation: DGK-Leitlinie 2021
📋Auf einen Blick
- •Thoraxkompressionen haben höchste Priorität: Frequenz 100-120/min, Drucktiefe 5-6 cm, Verhältnis 30:2.
- •Bei Kammerflimmern/pVT erfolgt ein Schock, gefolgt von 2 Minuten durchgehender CPR.
- •Adrenalin (1 mg) wird bei Asystolie/PEA sofort, bei defibrillierbarem Rhythmus nach dem 3. Schock gegeben.
- •Atemwegssicherung mittels Intubation nur bei hoher Expertise (>95 % Erfolgsrate), Kapnographie ist Standard.
- •Post-Reanimationsbehandlung umfasst gezieltes Temperaturmanagement (32-36 °C für 24h) und sofortige PCI bei STEMI.
Hintergrund
Die kardiopulmonale Reanimation (CPR) ist die entscheidende Maßnahme beim plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand. Die Überlebenskette umfasst das rasche Erkennen, den Notruf (112), frühe Basismaßnahmen (BLS), frühe Defibrillation, erweiterte Maßnahmen (ALS) und die Post-Reanimationsbehandlung.
Basismaßnahmen (Basic Life Support, BLS)
Die sofortige Herzdruckmassage sichert einen minimalen Blutfluss zu Herz und Gehirn.
- Prüfen: Bewusstsein (Ansprechen, Schütteln) und Atmung (Schnappatmung ist keine normale Atmung!).
- Rufen: Notruf 112 absetzen, AED holen lassen.
- Drücken: Thoraxkompression und Beatmung im Verhältnis 30:2.
- Druckpunkt: Untere Hälfte des Brustbeins.
- Frequenz: 100-120/min.
- Tiefe: 5-6 cm (mindestens 5 cm beim Erwachsenen).
- Entlastung: Brustbein nach jeder Kompression vollständig entlasten.
- Defibrillation (AED): Sobald verfügbar, AED anschließen und Sprachanweisungen folgen. Unterbrechungen der Kompression minimieren.
Erweiterte Maßnahmen (Advanced Life Support, ALS)
Der ALS-Algorithmus unterscheidet zwischen defibrillierbaren und nicht-defibrillierbaren Rhythmen. Hochwertige Thoraxkompressionen und frühe Defibrillation haben höchste Priorität.
| Rhythmus | Erste Maßnahme | Medikamente |
|---|---|---|
| Defibrillierbar (Kammerflimmern, pulslose VT) | 1 Schock (120-360 J biphasisch), danach sofort 2 Min. CPR | Adrenalin 1 mg + Amiodaron 300 mg nach dem 3. erfolglosen Schock |
| Nicht-defibrillierbar (Asystolie, PEA) | Sofort 2 Min. CPR | Adrenalin 1 mg sofort, dann alle 3-5 Min. |
Atemwegssicherung und Beatmung
- Endotracheale Intubation: Nur durch sehr erfahrene Anwender (>95 % Erfolgsrate).
- Alternativen: Larynxmaske, Larynxtubus, I-Gel oder Maskenbeatmung mit Guedeltubus.
- Kapnographie (etCO2): Standard zur Lagekontrolle und Überwachung der CPR-Qualität.
- Beatmung: Bei gesichertem Atemweg kontinuierliche Thoraxkompression mit 10 Beatmungen/min (Atemzugvolumen 6-7 ml/kg, ca. 500 ml).
Medikamente in der Reanimation
| Wirkstoff | Dosierung | Indikation |
|---|---|---|
| Adrenalin | 1 mg i.v./i.o. (alle 3-5 Min.) | Asystolie/PEA (sofort), VF/pVT (nach 3. Schock) |
| Amiodaron | 300 mg i.v./i.o. (ggf. +150 mg) | VF/pVT nach dem 3. erfolglosen Schock |
| Lidocain | 100 mg (dann 50 mg) i.v./i.o. | Alternative zu Amiodaron bei VF/pVT |
| Magnesiumsulfat | 2 g (über 1-2 Min.) | Verdacht auf Torsades-de-Pointes-Tachykardie |
Versorgung nach erfolgreicher Reanimation (ROSC)
Die Post-Reanimationsbehandlung hat entscheidenden Einfluss auf das neurologische Outcome.
- Atemwege/Beatmung: Normokapnie anstreben, O2-Sättigung von 94-98 % (Hyperoxie vermeiden).
- Kreislauf: Normotension (systolisch > 65 mmHg) anstreben, 12-Kanal-EKG ableiten.
- Koronarangiographie: Sofortige PCI bei STEMI. Bei NSTEMI individualisierte Entscheidung.
- Temperaturmanagement (TTM): Bei komatösen Patienten 32-36 °C für mindestens 24 Stunden, danach strikte Fiebervermeidung für mindestens 72 Stunden.
- Blutzucker: Zielwert 100-150 mg/dl.
- Prognoseabschätzung: Multimodaler Ansatz, frühestens 72 Stunden nach ROSC (bzw. nach Wiedererreichen der Normothermie).
Peri-Arrest-Arrhythmien
Bei Herzrhythmusstörungen mit klinischer Instabilität (Schock, Synkope, Ischämie, Herzinsuffizienz) muss sofort gehandelt werden.
Bradykardie
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Atropin 0,5 mg i.v. | Wiederholung bis max. 3 mg |
| 2 | Adrenalin (2-10 µg/min) oder Isoprenalin | Bei unzureichendem Ansprechen auf Atropin |
| 3 | Schrittmacher (transkutan/transvenös) | Bei hohem Asystolie-Risiko (AV-Block IIb/III) |
Tachykardie
- Instabile Patienten: Sofortige elektrische Kardioversion (bis zu 3 Schocks).
- Stabile Patienten (breiter QRS >120 ms): Verdacht auf ventrikuläre Tachykardie -> Amiodaron 300 mg i.v.
- Stabile Patienten (schmaler QRS <120 ms): Vagusmanöver, dann Adenosin (6 mg, ggf. 12 mg/18 mg). Bei Vorhofflimmern Frequenzkontrolle (Betablocker/Calciumantagonist).
Reanimation unter besonderen Umständen
- Lungenembolie: Bei Verdacht oder Nachweis Thrombolyse erwägen. Reanimation für mindestens 60-90 Minuten fortsetzen.
- Spannungspneumothorax: Sofortige Nadeldekompression oder Thorakostomie.
- Herzbeuteltamponade: Ultraschallgesteuerte Perikardpunktion.
- Herzkatheterlabor/Herzchirurgie: Bei VF/pVT sofort bis zu 3 aufeinanderfolgende Schocks vor Beginn der Herzdruckmassage.
💡Praxis-Tipp
Unterbrechen Sie die Thoraxkompressionen für Rhythmusanalysen oder Atemwegssicherung so kurz wie möglich. Bei mangelnder Intubationserfahrung ist die Maskenbeatmung oder eine supraglottische Atemwegshilfe zu bevorzugen.