Koronarangiografie: Stationäre Indikation (DGK/MDK)
📋Auf einen Blick
- •Die Entscheidung zur stationären Aufnahme folgt dem Ex-ante-Prinzip (Wissensstand bei Aufnahme).
- •Medizinische Kriterien für eine primäre stationäre Aufnahme umfassen u.a. NYHA III/IV, LVEF ≤ 35% oder GFR < 60 ml/min mit Hydratationspflicht.
- •Ein Wechsel von ambulant zu stationär ist gerechtfertigt bei simultaner PCI, Kontrastmittelreaktionen oder Zugangskomplikationen.
- •Eine verlängerte Überwachung ist indiziert bei Gefäßkomplikationen, periprozeduralem Infarkt oder Kreatinin-Anstieg ≥ 0,3 mg/dl.
Hintergrund
Die kathetergestützte Diagnostik und Therapie macht einen relevanten Teil kardiologischer Krankenhausbehandlungen aus. Um Konflikte zwischen Krankenhäusern und dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) bezüglich primärer Fehlbelegung (nicht zwingend erforderliche stationäre Aufnahme) und sekundärer Fehlbelegung (unangemessen lange Verweildauer) zu reduzieren, hat die DGK gemeinsam mit dem MDK objektive Kriterien definiert.
Grundsätzlich gilt bei der Begutachtung das Ex-ante-Prinzip: Maßgeblich ist der Informationsstand des aufnehmenden Arztes zum Zeitpunkt der Aufnahme.
Soziale und sozialmedizinische Kriterien
Soziale Aspekte begründen eine stationäre Aufnahme nur, wenn sie direkten Einfluss auf die medizinische Behandlung haben und nicht anders behebbar sind.
| Kriterium | Beispiele / Bemerkung |
|---|---|
| Fehlende Kommunikation | Patient lebt allein und kann kein Telefon erreichen |
| Fehlende Transportmöglichkeit | Schlechte Erreichbarkeit für Notfallhilfe |
| Mangelnde Einsichtsfähigkeit | Neuro-kognitive Einschränkungen |
| Fehlende Versorgung | Keine häusliche Betreuung, schwere Behinderung, Frailty |
Medizinische Kriterien für eine primäre stationäre Aufnahme
Folgende Vorerkrankungen und Risikofaktoren können eine vollstationäre Durchführung der Koronarangiografie rechtfertigen:
| Organsystem / Erkrankung | Spezifische Kriterien und erforderliche Maßnahmen |
|---|---|
| Kardiovaskulär | ≥ drittgradige Klappenvitien, NYHA III/IV, LVEF ≤ 35% |
| Rhythmusstörungen | Symptomatisch/prognostisch bedeutsam mit ≥ 12h Monitorüberwachung |
| Pulmonale Hypertonie | Invasiv mPAP ≥ 25 mmHg oder echokardiografisch sPAP > 50 mmHg |
| Niereninsuffizienz | GFR < 60 ml/min/1,73 m² mit i.v. Hydratation (12h vor/nach KM) und Laborkontrolle |
| Arterielle Hypertonie | Unzureichend kontrolliert (> 180/110 mmHg) mit postinterventioneller Überwachung |
| Neurologie | Zerebrovaskuläres Ereignis (TIA, Insult, Blutung) in den letzten 30 Tagen |
| Stoffwechsel | Insulinpflichtiger Diabetes mit rezidivierenden Hypoglykämien oder BZ > 250 mg/dl |
| Sonstige | Bekannte Kontrastmittelallergie (Prophylaxe-Indikation), Blutungsdiathesen |
Prozedurassoziierte Kriterien für eine stationäre Aufnahme
| Sachverhalt | Bedingung / Maßnahme |
|---|---|
| Antikoagulation | Fortgesetzte therapeutische Medikation (VKA, DOAC, i.v. Heparin), die nicht pausiert werden kann |
| Gefäßzugang | Bekannt erschwerter Zugang (z.B. peripherer Bypass) ohne Alternative |
| Alter | Kinder und Jugendliche < 18 Jahre |
Wechsel von ambulanter zu stationärer Behandlung
Treten während oder nach einer ambulant geplanten Untersuchung Komplikationen auf, ist ein Wechsel in die vollstationäre Versorgung indiziert:
| Komplikation / Befund | Kriterien für stationäre Übernahme |
|---|---|
| Intervention | Durchführung einer gleichzeitigen PCI in derselben Sitzung |
| Gefäßzugang | Komplikationen (Mehrfachpunktion, Hämatom, beidseitige Punktion) mit Immobilisation > 6h |
| Kardial | Neu aufgetretene Ischämie (Angina, EKG, Troponin), dekompensierte Herzinsuffizienz |
| Hämodynamik | Symptomatische Hypotonie (< 100 mmHg systolisch für > 2h) mit i.v. Volumengabe |
| Kontrastmittel | Allergische Reaktion oder KM-Menge > 300 ml (erfordert Hydratation und Laborkontrolle) |
Kriterien für eine vorzeitige Aufnahme (Sekundäre Fehlbelegung)
Eine Aufnahme einen oder mehrere Tage vor dem Eingriff ist unter anderem gerechtfertigt bei:
- Umstellung der Antikoagulation: Bridging von oraler Antikoagulation auf i.v. Heparin/Thrombinantagonisten.
- Niereninsuffizienz: GFR < 60 ml/min/1,73 m² zur Durchführung der 12-stündigen präinterventionellen i.v. Hydratation.
- Herzinsuffizienz: Behandlung einer dekompensierten oder schweren Herzinsuffizienz (NYHA ≥ III).
Kriterien für eine verlängerte Überwachung
Eine Überwachung über den Folgetag hinaus ist medizinisch indiziert bei:
| Komplikationsart | Spezifische Kriterien |
|---|---|
| Gefäßkomplikationen | Relevante Nachblutung (transfusions-/OP-pflichtig), Dissektion, Aneurysma spurium, retroperitoneale Blutung |
| Kardiale Komplikationen | Perikarderguss, koronare Thromben, Reanimation, periprozeduraler STEMI/NSTEMI |
| Rhythmusstörungen | Neu aufgetreten, erfordern ≥ 36h Monitorüberwachung |
| Nierenfunktion | GFR < 45 ml/min (Hydratation > 24h) oder Kreatinin-Anstieg ≥ 0,3 mg/dl am Folgetag |
| Antikoagulation | Postinterventionelles Bridging von i.v. auf orale Antikoagulation |
💡Praxis-Tipp
Dokumentieren Sie bei stationärer Aufnahme aufgrund von Komorbiditäten (z.B. Niereninsuffizienz) zwingend die daraus resultierenden therapeutischen Konsequenzen (z.B. i.v. Hydratation 12h vor und nach Kontrastmittelgabe), da die Diagnose allein für den MDK oft nicht ausreicht.