Diabetes und Migration: DDG-Praxisempfehlung 2025
Hintergrund
Die DDG-Praxisempfehlung 2025 befasst sich mit der Diagnostik und Therapie von Menschen mit Diabetes mellitus aus anderen Sprach- und Kulturräumen. In Deutschland haben etwa 27,5 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.
Laut Leitlinie weisen Migranten häufig ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes auf und erkranken im Durchschnitt fünf bis zehn Jahre früher als die einheimische Bevölkerung. Zudem wird eine höhere Prävalenz für Gestationsdiabetes beobachtet.
Die Leitlinie betont die Wichtigkeit, biopsychosoziale Einflussfaktoren in der Anamnese zu berücksichtigen. Dazu zählen unter anderem die Herkunft, der Bildungsgrad, religiöse Einstellungen sowie familiäre Strukturen.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für die Betreuung von Menschen mit Migrationshintergrund:
Diagnostik
Die Leitlinie weist darauf hin, dass der HbA1c-Wert bei eingewanderten Personen durch verschiedene Faktoren verfälscht werden kann.
Hämatologische Veränderungen wie Hämoglobinopathien oder ein Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel können die Messung beeinflussen. Zudem führt ein häufig vorkommender Eisenmangel laut Leitlinie zu falsch hohen HbA1c-Werten.
Pharmakologische Therapie
Es wird beschrieben, dass die Wirksamkeit von Antidiabetika je nach ethnischer Herkunft variieren kann. Die Leitlinie nennt folgende Kernaussagen zur Wirksamkeit:
-
Metformin und Insulin-Glargin wirken bei asiatischen Populationen vermindert.
-
DPP-4-Hemmer und GLP-1-Analoga zeigen bei Menschen aus Asien eine stärkere blutzuckersenkende Wirkung.
-
SGLT-2-Hemmer und GIP/GLP-1-Rezeptoragonisten (Tirzepatid) wirken bei unterschiedlichen ethnischen Gruppen konsistent gut.
Kommunikation und Schulung
Für eine erfolgreiche Therapie wird die Hinzuziehung von Fachdolmetschern oder Sprach- und Kulturmittlern empfohlen. Kinder sind als Übersetzer in der Regel ungeeignet.
Übersetzungs-Apps können in einfachen Situationen unterstützen, ersetzen jedoch keine professionellen Dolmetscher bei komplexen Gesprächen. Es wird der Einsatz von Piktogrammen und Demonstrationsutensilien in der Schulung empfohlen.
Schwangerschaft und Gestationsdiabetes
Bei Frauen mit Migrationshintergrund tritt ein Gestationsdiabetes (GDM) überdurchschnittlich häufig auf. Eine präkonzeptionelle Betreuung und kultursensible Aufklärung senken das Komplikationsrisiko.
Die Leitlinie empfiehlt, den Vitamin-D-Status insbesondere bei Frauen aus Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten sowie dem indisch-asiatischen Raum zu bestimmen. Zudem wird auf die präventive Wirkung des Stillens hingewiesen.
Dosierung
Die Leitlinie gibt spezifische Empfehlungen zur Dosisanpassung von Antidiabetika während des Fastenmonats Ramadan.
Orale Antidiabetika im Ramadan
| Medikamentenklasse | Anpassung erforderlich | Einnahmezeitpunkt und Dosierung |
|---|---|---|
| Metformin | Ja | Verteilung auf Iftar (Fastenbrechen) und Sahur (Fastenbeginn). |
| Acarbose | Nein | Einnahme zu Iftar und Sahur. |
| Sulfonylharnstoffe | Ja | Morgendliche Dosis zu Iftar, abendliche Dosis zu Sahur. Bei Einmalgabe zu Iftar (ggf. 25 % Reduktion). |
| Glitazone | Nein | Einnahme zu Iftar oder Sahur. |
| DPP-4-Hemmer | Nein | Einnahme zu Iftar. |
| GLP-1-RA / GIP/GLP-1-RA | Nein | Einnahme zu Iftar oder Sahur. |
| SGLT-2-Hemmer | Nein | Mittagsdosis auslassen. Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr nach Iftar achten. |
Insulintherapie im Ramadan
| Therapieform | Anpassung | Dosierungsempfehlung |
|---|---|---|
| Basal unterstützte orale Therapie (BOT) | Dosisreduktion 15–30 % | Einmalige Gabe: Dosis zu Iftar um 15–30 % reduzieren und zu Sahur um 50 % reduzieren. |
| Mischinsuline | Ja | Morgendliche Dosis auf Iftar verschieben, abendliche Dosis auf Sahur verschieben. Sahurdosis um 25–50 % reduzieren. |
| Insulinpumpe | Ja | Basalrate 3–4 Stunden vor Iftar um 20–40 % reduzieren, kurz nach Iftar um 0–30 % erhöhen. |
Kontraindikationen
Die Leitlinie warnt vor der Weiterverordnung von Glibenclamid während des Ramadan; es sollte vorzugsweise auf Glimepirid oder Gliclazid gewechselt werden.
Zudem wird vor der Gefahr einer euglykämischen diabetischen Ketoazidose bei der Einnahme von SGLT-2-Hemmern während des Fastens gewarnt, insbesondere bei Insulinmangel.
Ein sofortiger Fastenabbruch wird dringend empfohlen, wenn der Glukosewert unter 3,9 mmol/l (70 mg/dl) fällt, über 16,7 mmol/l (300 mg/dl) steigt oder Symptome einer Hypoglykämie auftreten.
💡Praxis-Tipp
Ein häufiger Fallstrick in der Diagnostik ist die Fehlinterpretation des HbA1c-Wertes bei Patienten mit Migrationshintergrund. Die Leitlinie weist darauf hin, dass ein unerkannter Eisenmangel zu falsch hohen HbA1c-Werten führen kann, während Hämoglobinopathien den Wert ebenfalls verfälschen. Es wird empfohlen, diese Faktoren bei diskrepanten Befunden differenzialdiagnostisch zu berücksichtigen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie gibt es ethnische Unterschiede in der Wirksamkeit. So zeigen beispielsweise DPP-4-Hemmer und GLP-1-Analoga bei asiatischen Patienten eine stärkere blutzuckersenkende Wirkung, während Metformin vermindert wirken kann.
Die Praxisempfehlung stuft Kinder als Übersetzer im medizinischen Kontext in der Regel als ungeeignet ein. Es wird der Einsatz von professionellen Fachdolmetschern oder Sprach- und Kulturmittlern empfohlen.
Gemäß der Leitlinie sollte die Einnahme von Metformin während des Fastenmonats auf die Mahlzeiten Iftar (nach Sonnenuntergang) und Sahur (vor Sonnenaufgang) verteilt werden.
Die Leitlinie empfiehlt einen sofortigen Fastenabbruch bei einem Glukosewert unter 3,9 mmol/l (70 mg/dl) oder über 16,7 mmol/l (300 mg/dl). Auch beim Auftreten von Hypoglykämie-Symptomen oder akuten Erkrankungen sollte das Fasten beendet werden.
Frauen mit Migrationshintergrund haben laut Leitlinie ein überdurchschnittlich hohes Risiko für einen Gestationsdiabetes. Es wird eine frühzeitige präkonzeptionelle Betreuung sowie die Überprüfung des Vitamin-D-Status bei bestimmten Risikogruppen empfohlen.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: DDG: PE_Diabetes_und_Migration_2025.pdf pdf (DDG, 2025). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.