Typ-2-Diabetes: NVL-Leitlinie (AWMF/BÄK/KBV)
📋Auf einen Blick
- •Die Prävalenz des bekannten Diabetes liegt bei 8,9 %, mit einem starken Alters- und Bildungsgradienten.
- •Menschen mit Typ-2-Diabetes haben eine 1,54-fach erhöhte Mortalität und leiden häufig an kardiovaskulären Begleiterkrankungen.
- •Individuelle Therapieziele sollen gemeinsam vereinbart, priorisiert und regelmäßig evaluiert werden.
- •Gesundheitsbezogene Entscheidungen sollen nach dem Konzept der partizipativen Entscheidungsfindung (PEF) getroffen werden.
- •Die Risikokommunikation muss verständlich erfolgen, idealerweise in absoluten Zahlen und mit einheitlichen Bezugsgrößen.
Hintergrund
Die Prävalenz des bekannten Diabetes mellitus liegt in Deutschland bei 8,9 %. Die Erkrankungshäufigkeit steigt mit zunehmendem Alter stark an und erreicht bei den über 80-Jährigen ihr Maximum (Frauen 17,9 %, Männer 22,3 %). Zudem besteht ein deutlicher Bildungsgradient: Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status weisen eine doppelt so hohe Lebenszeitprävalenz auf wie Menschen mit hohem Status. Die altersadjustierte Sterberate ist bei Menschen mit Diabetes ab 30 Jahren 1,54-fach höher als bei Personen ohne Diabetes. Etwa 2,0 % der Bevölkerung haben einen bislang unerkannten Diabetes.
Komorbiditäten und Folgeerkrankungen
Menschen mit Typ-2-Diabetes sind häufig von spezifischen Folgeerkrankungen und kardiovaskulären Begleiterkrankungen betroffen. Die Prävalenz steigt mit zunehmendem Alter und Erkrankungsdauer.
| Folge-/Begleiterkrankung | Prävalenz (Schätzungen) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Diabetische Neuropathie | 13,5 % - 28,6 % | Steigt im Alter auf bis zu 41,6 % (>75 Jahre) |
| Diabetisches Fußsyndrom | 6,2 % - 9,6 % | Altersabhängiger Anstieg |
| Diabetische Nephropathie | 15,1 % | Steigt bei >90-Jährigen auf über 30 % |
| Diabetische Retinopathie | 7,3 % - 21,7 % | Prävalenz in den letzten Jahrzehnten gesunken |
| Depressive Störungen | 15,4 % | Risiko mehr als doppelt so hoch wie ohne Diabetes |
| Kardiovaskuläre Erkrankungen | 17,0 % - 46,2 % | Häufig KHK, Herzinsuffizienz und Schlaganfall |
Therapieziele
Die Wahl der angemessenen Behandlung setzt voraus, dass realistische Ziele festgelegt werden, die der Lebenssituation der Patienten entsprechen.
- ⇑⇑ Starke Empfehlung: Menschen mit Typ-2-Diabetes und ihre Ärztin/ihr Arzt sollen initial und wiederholt im Erkrankungsverlauf gemeinsam individuelle Therapieziele vereinbaren und priorisieren.
- ⇑⇑ Starke Empfehlung: Individuell vereinbarte Therapieziele sollen regelmäßig evaluiert und angepasst werden.
- ⇑⇑ Starke Empfehlung: Die Therapieziele und deren Evaluation sollen nachvollziehbar dokumentiert werden.
Therapieziele lassen sich in drei Kategorien einteilen:
| Ziel-Kategorie | Beispiele |
|---|---|
| Übergeordnete Lebensziele | Erhalt der Lebensqualität, Teilhabe am Leben, Unabhängigkeit, Verhinderung vorzeitiger Mortalität |
| Funktionsbezogene Ziele | Sehkraft erhalten, Tätigkeiten alleine verrichten (Gehstrecke), Arbeitsplatz erhalten, Nebenwirkungen minimieren |
| Krankheitsbezogene Ziele | Schmerzen lindern, bessere Stoffwechsel-Kontrolle, Folgeschäden vermeiden |
Partizipative Entscheidungsfindung (PEF)
- ⇑⇑ Starke Empfehlung: Bei anstehenden gesundheitsbezogenen Entscheidungen soll die Gesprächsführung entsprechend dem Konzept der partizipativen Entscheidungsfindung (PEF) erfolgen.
Die PEF ist ein Interaktionsprozess mit dem Ziel, unter gleichberechtigter aktiver Beteiligung von Patient und Arzt auf Basis geteilter Information zu einer gemeinsam verantworteten Übereinkunft zu kommen.
Risikokommunikation
- ⇑⇑ Starke Empfehlung: Bei der Aufklärung über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten sollen die unterschiedlichen Optionen mit ihren Vor- und Nachteilen umfassend und in verständlicher Form dargestellt werden.
| Grundsatz | Umsetzung in der Praxis |
|---|---|
| Patientenrelevante Endpunkte | Nutzen/Schaden anhand von Mortalität, Herzinsuffizienz, Nierenschädigung etc. vermitteln |
| Fairer Vergleich | Darstellung aller indizierten Handlungsoptionen (z. B. SGLT2-Hemmer vs. GLP-1-RA) |
| Absolute Risikomaße | Vermittlung in absoluten Ereignishäufigkeiten (z. B. 16 von 1000 Menschen) |
| Relationen beachten | Nutzen und Schaden mit denselben Bezugsgrößen darstellen |
| Umgang mit Unsicherheit | Auf Evidenzlücken und Unsicherheiten hinweisen |
Kontextfaktoren
- ⇑⇑ Starke Empfehlung: Bei der Vereinbarung von Therapiezielen und der Evaluation der Strategie sollen person- und umweltbezogene Kontextfaktoren sowie Auswirkungen auf die Teilhabe berücksichtigt werden.
Personbezogene Faktoren umfassen Alter, Geschlecht, Lebensstil, Gesundheitsstatus und Bewältigungsstile. Umweltbezogene Faktoren beinhalten das häusliche Umfeld, den Arbeitsplatz sowie soziale und staatliche Strukturen.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei der Aufklärung über Therapieoptionen absolute Zahlen mit einheitlichen Bezugsgrößen (z. B. '16 von 1000 Patienten'), um Nutzen und Risiken für den Patienten verständlich und vergleichbar zu machen.