Sepsis & Septischer Schock: S3-Leitlinie 2025 (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Sepsis ist definiert als lebensbedrohliche Organdysfunktion (SOFA-Anstieg ≥ 2) durch eine Infektion.
- •Laktatmessung und Blutkulturen (mind. 2 Sets) müssen vor Beginn der antiinfektiven Therapie erfolgen.
- •Intravenöse Antiinfektiva sollen bei septischem Schock innerhalb von 1 Stunde, bei Sepsis innerhalb von 3 Stunden verabreicht werden.
- •Initiale Volumentherapie mit 30 ml/kg Kristalloiden in den ersten 3 Stunden; Ziel-MAP liegt bei ≥ 65 mmHg.
- •Vasopressoren (Noradrenalin) können initial periphervenös verabreicht werden, um Zeitverzug zu vermeiden.
Hintergrund
Die Sepsis ist ein medizinischer Notfall und erfordert eine unverzügliche Diagnostik und Therapie. Die S3-Leitlinie (Update 2025) aktualisiert die Empfehlungen basierend auf den Sepsis-3-Kriterien.
| Begriff | Definition | Kriterien |
|---|---|---|
| Sepsis | Akut lebensbedrohliche Organdysfunktion durch inadäquate Wirtsantwort auf eine Infektion. | Anstieg des SOFA-Scores um ≥ 2 Punkte. |
| Septischer Schock | Untergruppe der Sepsis mit zellulären/metabolischen Anomalien und signifikant erhöhter Mortalität. | Persistierende Hypotension trotz adäquater Volumentherapie, Vasopressorbedarf für MAP ≥ 65 mmHg UND Laktat > 2 mmol/l. |
Screening und Diagnostik
Krankenhäuser sollen ein Sepsis-Screening für Hochrisikopatienten etablieren. Bei Verdacht auf Sepsis wird die Messung des Laktats im Blut (Empfehlungsgrad: stark) empfohlen.
- Vor Beginn der Antibiotikatherapie mindestens 2 Blutkultur-Sets entnehmen.
- Weitere Proben (Urin, Atemwegssekret, etc.) gewinnen, sofern dies die Therapie nicht verzögert.
- Ein einzelnes Screening-Tool (wie qSOFA) reicht oft nicht aus; Kombinationen (z. B. SIRS + qSOFA oder NEWS2) werden vorgeschlagen.
Initiale hämodynamische Stabilisierung
Die Therapie muss unverzüglich beginnen.
| Maßnahme | Empfehlung / Zielwert | Bemerkung |
|---|---|---|
| Volumentherapie | 30 ml/kg kristalloide Lösung in den ersten 3 Stunden | Bei Sepsis-induzierter Hypoperfusion oder Schock. |
| Ziel-Blutdruck | MAP ≥ 65 mmHg | Starke Empfehlung. Höhere Werte zeigen keinen Überlebensvorteil. |
| Vasopressoren | Frühzeitige Gabe, auch periphervenös | Um den MAP schnell auf ≥ 65 mmHg anzuheben, nicht auf ZVK-Anlage warten. |
Steuerung der Flüssigkeitstherapie
Nach dem initialen Bolus soll die weitere Flüssigkeitsgabe streng evaluiert werden:
- Steuerung durch dynamische Variablen (z. B. Schlagvolumenvariation, passiver Beinhebeversuch) anstelle von statischen.
- Nutzung der Rekapillarisierungszeit und Laktat-Clearance zur Beurteilung der Gewebeperfusion.
- Echokardiographie zur Beurteilung von Herzfunktion und Volumenstatus.
- Keine Gelatine verwenden. Albumin kann additiv zu Kristalloiden gegeben werden, wenn große Mengen benötigt werden.
Antimikrobielle Therapie
Der Zeitpunkt der Antiinfektiva-Gabe ist prognostisch entscheidend:
- Septischer Schock: Intravenöse Antiinfektiva idealerweise innerhalb von 1 Stunde (Empfehlungsgrad: stark).
- Sepsis ohne Schock: Nach zeitnaher Diagnostik Gabe innerhalb von 3 Stunden (Expertenkonsens).
- Wahl der Therapie: Breitspektrum-Therapie, die alle wesentlichen Bakterien erfasst.
- Applikationsform: Beta-Laktam-Antibiotika sollen als prolongierte oder kontinuierliche Infusion (nach initialem Bolus) verabreicht werden (Empfehlungsgrad: stark).
- Kombinationstherapie: Keine routinemäßige "double gram-negative coverage" bei niedrigem Risiko für multiresistente Erreger.
Weitere intensivmedizinische Maßnahmen
Beatmung (ARDS bei Sepsis)
- Tidalvolumen: ca. 6 ml/kg IBW (4-8 ml/kg IBW).
- Inspiratorische Druckdifferenz: ≤ 14 cmH2O.
- Oxygenierung: Ziel-SpO2 von 92-96 % bzw. paO2 70-90 mmHg.
- Bauchlagerung: Mindestens 12 Stunden, vorzugsweise 16 Stunden (Empfehlungsgrad: stark).
- Rekrutierungsmanöver: Keine prolongierten Manöver (> 60 s).
Nierenersatztherapie & Stoffwechsel
- Unverzüglicher Start bei lebensbedrohlichen Veränderungen (Säure-Basen, Elektrolyte, Überwässerung).
- Dosis: 20-25 ml/kg/h für kontinuierliche Verfahren.
- Blutzucker: Insulintherapie ab Werten ≥ 180 mg/dl (≥ 10 mmol/l).
- Stressulkusprophylaxe: Mit Protonenpumpeninhibitoren bei Vorliegen von Risikofaktoren.
Adjuvante Therapien
| Therapie | Empfehlung | Indikation / Bemerkung |
|---|---|---|
| Kortikosteroide | Hydrocortison (200 mg/d) +/- Fludrocortison | Bei anhaltendem Vasopressorbedarf (Noradrenalin ≥ 0,25 µg/kg/min für > 4h). |
| Thromboseprophylaxe | Niedermolekulares Heparin (NMH) | Starke Empfehlung zur VTE-Prophylaxe. |
| Blutreinigung | Nicht empfohlen | Keine unselektiven Adsorptionsverfahren einsetzen. |
| Vitamin C | Nicht empfohlen | Hochdosiertes Vitamin C soll nicht verwendet werden. |
Nachsorge
Sepsis-Überlebende haben ein hohes Risiko für das Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS). Im Entlassbericht muss auf diese Möglichkeit hingewiesen werden, und Patienten sollen über Selbsthilfegruppen informiert werden.
💡Praxis-Tipp
Warten Sie bei einem septischen Schock nicht auf die Anlage eines zentralvenösen Katheters (ZVK). Beginnen Sie die Vasopressortherapie (Noradrenalin) frühzeitig über einen großlumigen peripheren Zugang, um den Ziel-MAP von ≥ 65 mmHg schnellstmöglich zu erreichen.