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Sepsis bei Kindern: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die SIRS-Diagnose erfordert mindestens 2 von 4 Kriterien, wobei zwingend die Temperatur oder die Leukozytenzahl abweichend sein muss.
  • Eine kalkulierte intravenöse Antibiotikatherapie muss als infektiologischer Notfall innerhalb von 1 Stunde nach Symptombeginn erfolgen.
  • Blutkulturen (mindestens 1-2) sollen vor der Antibiotikagabe abgenommen werden, dürfen diese aber keinesfalls verzögern.
  • Die initiale Volumentherapie erfolgt mit 20 ml/kg balancierten Kristalloiden als Bolus über 5-10 Minuten.
  • Glukokortikoide sind nicht routinemäßig indiziert, sondern nur bei nachgewiesenem Hypokortisolismus, Purpura fulminans oder therapierefraktärem Schock.
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Hintergrund

Die Sepsis im Kindesalter ist ein lebensbedrohliches klinisches Syndrom, das durch eine multisystemische Entzündungsreaktion (SIRS) auf eine Infektion gekennzeichnet ist. Die frühzeitige Erkennung und sofortige Therapieeinleitung sind entscheidend für die Prognose und das Überleben der pädiatrischen Patienten.

Diagnostik und SIRS-Kriterien

Für die Diagnose eines SIRS oder einer Sepsis bei Kindern jenseits der Neonatalperiode müssen mindestens 2 von 4 Kriterien erfüllt sein. Zwingend muss dabei eine abnormale Körpertemperatur oder eine pathologische Leukozytenzahl vorliegen.

KriteriumMögliche Befunde (ODER)
Temperatur> 38,5 °C oder < 36,0 °C
Herzfrequenz> 2 SD über Altersnorm (Tachykardie) oder < 2 SD unter Altersnorm (Bradykardie bei < 1 Jahr)
Atemfrequenz> 2 SD über Altersnorm oder Beatmung aus akutem Anlass
LeukozytenÜber oder unter Altersnorm oder > 10 % unreife Neutrophile

Eine schwere Sepsis liegt vor, wenn zusätzlich mindestens ein Organversagen auftritt:

OrgansystemKriterien für Organversagen
Herz-KreislaufBlutdruck < 5. Perzentile, Katecholaminbedarf oder 2 Kriterien: BE < -5 mmol/L, Laktat > 4 mmol/L, Oligurie < 1 ml/kg/h, Rekapillarisierungszeit > 2 Sek.
AtmungPaO2/FiO2 < 300 oder nichtelektive Beatmung
NervensystemGlasgow Coma Scale (GCS) ≤ 11 oder akuter Krampfanfall
BlutThrombozyten < 100/nl oder INR > 2
NiereKreatinin > 2x Altersnorm
LeberBilirubin ≥ 4 mg/dl oder ALT > 2x Altersnorm

Mikrobiologische Diagnostik

  • Blutkulturen: Mindestens eine, idealerweise zwei Blutkulturen an unterschiedlichen Entnahmestellen abnehmen.
  • Volumen: Mindestens 1 ml pro Flasche, bei größeren Kindern 3-10 ml.
  • Zeitpunkt: Vor Beginn der Antibiotikatherapie, diese darf dadurch jedoch nicht verzögert werden.
  • ZVK: Bei liegendem zentralen Venenkatheter sollte mindestens eine Blutkultur aus diesem entnommen werden.

Antibiotikatherapie

Der Verdacht auf eine Sepsis ist ein infektiologischer Notfall. Die antimikrobielle Therapie muss innerhalb von 1 Stunde nach Auftreten der ersten Symptome intravenös oder intraossär erfolgen. Initial wird hochdosiert und breit kalkuliert behandelt, nach 48-72 Stunden soll eine Deeskalation anhand der mikrobiologischen Befunde geprüft werden.

Klinische SituationEmpfohlene Antibiotika (Initialtherapie)
Ambulant erworben (ohne Grunderkrankung)Cefotaxim oder Ceftriaxon (± Aminoglykosid) ODER Piperacillin-Tazobactam
Ambulant erworben (abdomineller Fokus)Ceftriaxon + Metronidazol ODER Piperacillin-Tazobactam ODER Meropenem
Ambulant erworben (V.a. Urosepsis)Cefotaxim oder Ceftriaxon + Aminoglykosid ODER Piperacillin-Tazobactam
Nosokomial erworben / ImmunsuppressionPiperacillin-Tazobactam + Aminoglykosid ODER Meropenem (ggf. + Vancomycin/Teicoplanin)

Hämodynamische Therapie

Ziel ist die rasche Wiederherstellung der Mikrozirkulation und Organperfusion (Zielparameter: Rekapillarisierungszeit < 2 Sek., ScvO2 ≥ 70 %, Urinproduktion > 1 ml/kg/h).

  • Volumentherapie: Primäre Gabe von 20 ml/kg balancierter kristalloider Lösung über 5-10 Minuten. Weitere Boli bis zur Normalisierung der Vitalparameter.
  • Auswahl der Lösung: Auf unbalancierte Lösungen (wie 0,9 % NaCl) sollte wegen der Gefahr einer hyperchlorämischen Azidose verzichtet werden.
  • Katecholamine: Einsatz erst unter ausreichender Kreislauffüllung.
    • Kalter Schock (niedriges Herzzeitvolumen, hoher Widerstand): Dopamin oder Adrenalin.
    • Warmer Schock (hyperdynamer Kreislauf, niedriger Blutdruck): Noradrenalin.

Adjuvante Therapie

  • Glukokortikoide: Keine routinemäßige Gabe. Indiziert nur bei absolutem Hypokortisolismus, Purpura fulminans oder therapierefraktärem Schock (Hydrocortison 50 mg/m2/24 h).
  • Blutzuckerkontrolle: Spiegel von 150 mg/dl sollten nicht überschritten werden, ggf. Insulintherapie unter engmaschiger Kontrolle.
  • Immunglobuline: Derzeit keine generelle Empfehlung für den Einsatz bei schwerer Sepsis.

💡Praxis-Tipp

Verabreichen Sie bei der Volumentherapie im septischen Schock balancierte Vollelektrolytlösungen statt 0,9% NaCl, um eine hyperchlorämische Azidose bei wiederholten Bolusgaben (20 ml/kg) zu vermeiden.

Häufig gestellte Fragen

Die intravenöse oder intraossäre Antibiotikagabe muss zwingend innerhalb von 1 Stunde nach Symptombeginn erfolgen.
Es wird ein initialer Bolus von 20 ml/kg balancierter kristalloider Lösung über 5-10 Minuten empfohlen, der bei Bedarf wiederholt wird.
Nein, routinemäßig nicht. Sie werden nur bei nachgewiesenem Hypokortisolismus, Purpura fulminans oder therapierefraktärem Schock (Hydrocortison) eingesetzt.
Es müssen mindestens 2 von 4 SIRS-Kriterien erfüllt sein, wobei zwingend eine abnormale Körpertemperatur oder eine pathologische Leukozytenzahl vorliegen muss.
Nein. Blutkulturen sollen zwar idealerweise vor der ersten Antibiotikagabe abgenommen werden, dies darf den Therapiebeginn aber keinesfalls verzögern.

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