Sepsis bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die SIRS-Diagnose erfordert mindestens 2 von 4 Kriterien, wobei zwingend die Temperatur oder die Leukozytenzahl abweichend sein muss.
- •Eine kalkulierte intravenöse Antibiotikatherapie muss als infektiologischer Notfall innerhalb von 1 Stunde nach Symptombeginn erfolgen.
- •Blutkulturen (mindestens 1-2) sollen vor der Antibiotikagabe abgenommen werden, dürfen diese aber keinesfalls verzögern.
- •Die initiale Volumentherapie erfolgt mit 20 ml/kg balancierten Kristalloiden als Bolus über 5-10 Minuten.
- •Glukokortikoide sind nicht routinemäßig indiziert, sondern nur bei nachgewiesenem Hypokortisolismus, Purpura fulminans oder therapierefraktärem Schock.
Hintergrund
Die Sepsis im Kindesalter ist ein lebensbedrohliches klinisches Syndrom, das durch eine multisystemische Entzündungsreaktion (SIRS) auf eine Infektion gekennzeichnet ist. Die frühzeitige Erkennung und sofortige Therapieeinleitung sind entscheidend für die Prognose und das Überleben der pädiatrischen Patienten.
Diagnostik und SIRS-Kriterien
Für die Diagnose eines SIRS oder einer Sepsis bei Kindern jenseits der Neonatalperiode müssen mindestens 2 von 4 Kriterien erfüllt sein. Zwingend muss dabei eine abnormale Körpertemperatur oder eine pathologische Leukozytenzahl vorliegen.
| Kriterium | Mögliche Befunde (ODER) |
|---|---|
| Temperatur | > 38,5 °C oder < 36,0 °C |
| Herzfrequenz | > 2 SD über Altersnorm (Tachykardie) oder < 2 SD unter Altersnorm (Bradykardie bei < 1 Jahr) |
| Atemfrequenz | > 2 SD über Altersnorm oder Beatmung aus akutem Anlass |
| Leukozyten | Über oder unter Altersnorm oder > 10 % unreife Neutrophile |
Eine schwere Sepsis liegt vor, wenn zusätzlich mindestens ein Organversagen auftritt:
| Organsystem | Kriterien für Organversagen |
|---|---|
| Herz-Kreislauf | Blutdruck < 5. Perzentile, Katecholaminbedarf oder 2 Kriterien: BE < -5 mmol/L, Laktat > 4 mmol/L, Oligurie < 1 ml/kg/h, Rekapillarisierungszeit > 2 Sek. |
| Atmung | PaO2/FiO2 < 300 oder nichtelektive Beatmung |
| Nervensystem | Glasgow Coma Scale (GCS) ≤ 11 oder akuter Krampfanfall |
| Blut | Thrombozyten < 100/nl oder INR > 2 |
| Niere | Kreatinin > 2x Altersnorm |
| Leber | Bilirubin ≥ 4 mg/dl oder ALT > 2x Altersnorm |
Mikrobiologische Diagnostik
- Blutkulturen: Mindestens eine, idealerweise zwei Blutkulturen an unterschiedlichen Entnahmestellen abnehmen.
- Volumen: Mindestens 1 ml pro Flasche, bei größeren Kindern 3-10 ml.
- Zeitpunkt: Vor Beginn der Antibiotikatherapie, diese darf dadurch jedoch nicht verzögert werden.
- ZVK: Bei liegendem zentralen Venenkatheter sollte mindestens eine Blutkultur aus diesem entnommen werden.
Antibiotikatherapie
Der Verdacht auf eine Sepsis ist ein infektiologischer Notfall. Die antimikrobielle Therapie muss innerhalb von 1 Stunde nach Auftreten der ersten Symptome intravenös oder intraossär erfolgen. Initial wird hochdosiert und breit kalkuliert behandelt, nach 48-72 Stunden soll eine Deeskalation anhand der mikrobiologischen Befunde geprüft werden.
| Klinische Situation | Empfohlene Antibiotika (Initialtherapie) |
|---|---|
| Ambulant erworben (ohne Grunderkrankung) | Cefotaxim oder Ceftriaxon (± Aminoglykosid) ODER Piperacillin-Tazobactam |
| Ambulant erworben (abdomineller Fokus) | Ceftriaxon + Metronidazol ODER Piperacillin-Tazobactam ODER Meropenem |
| Ambulant erworben (V.a. Urosepsis) | Cefotaxim oder Ceftriaxon + Aminoglykosid ODER Piperacillin-Tazobactam |
| Nosokomial erworben / Immunsuppression | Piperacillin-Tazobactam + Aminoglykosid ODER Meropenem (ggf. + Vancomycin/Teicoplanin) |
Hämodynamische Therapie
Ziel ist die rasche Wiederherstellung der Mikrozirkulation und Organperfusion (Zielparameter: Rekapillarisierungszeit < 2 Sek., ScvO2 ≥ 70 %, Urinproduktion > 1 ml/kg/h).
- Volumentherapie: Primäre Gabe von 20 ml/kg balancierter kristalloider Lösung über 5-10 Minuten. Weitere Boli bis zur Normalisierung der Vitalparameter.
- Auswahl der Lösung: Auf unbalancierte Lösungen (wie 0,9 % NaCl) sollte wegen der Gefahr einer hyperchlorämischen Azidose verzichtet werden.
- Katecholamine: Einsatz erst unter ausreichender Kreislauffüllung.
- Kalter Schock (niedriges Herzzeitvolumen, hoher Widerstand): Dopamin oder Adrenalin.
- Warmer Schock (hyperdynamer Kreislauf, niedriger Blutdruck): Noradrenalin.
Adjuvante Therapie
- Glukokortikoide: Keine routinemäßige Gabe. Indiziert nur bei absolutem Hypokortisolismus, Purpura fulminans oder therapierefraktärem Schock (Hydrocortison 50 mg/m2/24 h).
- Blutzuckerkontrolle: Spiegel von 150 mg/dl sollten nicht überschritten werden, ggf. Insulintherapie unter engmaschiger Kontrolle.
- Immunglobuline: Derzeit keine generelle Empfehlung für den Einsatz bei schwerer Sepsis.
💡Praxis-Tipp
Verabreichen Sie bei der Volumentherapie im septischen Schock balancierte Vollelektrolytlösungen statt 0,9% NaCl, um eine hyperchlorämische Azidose bei wiederholten Bolusgaben (20 ml/kg) zu vermeiden.