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Akute Verätzung am Auge: S1-Leitlinie (AWMF/DOG)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die sofortige und ausgiebige Spülung (bevorzugt mit Leitungswasser) bis zum neutralen pH-Wert ist die wichtigste Akutmaßnahme.
  • Die Schweregradeinteilung erfolgt nach der Reim- oder Dua-Klassifikation (Limbus- und Bindehautbeteiligung).
  • Kortisonhaltige Augentropfen sollen eingesetzt werden, um Entzündungen und Gewebeverlust zu stoppen – ausdrücklich auch bei Epitheldefekten.
  • Bei Flusssäure-Verätzungen muss systemisch an eine lebensbedrohliche Hypokalzämie gedacht werden (internistische Mitbetreuung).
  • Schwere Verätzungen erfordern eine stationäre Aufnahme und ggf. chirurgische Interventionen wie eine Amnionmembrantransplantation oder Tenonplastik.
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Hintergrund

Verätzungen und Verbrennungen des Auges sind ophthalmologische Notfälle, die meist durch Chemikalien (Säuren, Laugen) verursacht werden. Laugenverätzungen sind häufiger und oft gefährlicher, da sie lipolytisch wirken, Zellmembranen verseifen und rasch in tiefe Gewebeschichten penetrieren. Säuren führen hingegen zur Koagulation von Proteinen, was kurzzeitig als Barriere gegen tieferes Eindringen wirkt. Eine Ausnahme bildet Flusssäure, die extrem schnell penetriert und schwerste Schäden verursacht.

Klassifikation

Zur Beurteilung des Schweregrades und der Prognose werden die Reim- und die Dua-Klassifikation empfohlen. Die Dua-Klassifikation hat sich bei schweren Verätzungen als prognostisch überlegen erwiesen.

Reim-Klassifikation

GradBefundPrognose / Heilung
IErosio, HyperämieRegeneration
IIErosio, Ischämie <1/3Konjunktivalisation
IIIErosio, Ischämie 1/3 bis >1/2Vernarbung, Neovaskularisation
IVTiefe Hornhauttrübung, Ischämie, NekrosenEinschmelzung, Katarakt, Glaukom

Dua-Klassifikation

GradLimbusbeteiligungKonjunktivale SchädigungPrognose
I0 Zeitstunden0%Sehr gut
II<3 Zeitstunden<30%Gut
III3-6 Zeitstunden30-50%Gut
IV6-9 Zeitstunden50-75%Gut bis mäßig
V9-12 Zeitstunden75-100%Mäßig bis schlecht
VI12 Zeitstunden (komplett)100%Sehr schlecht

Diagnostik

Die augenärztliche Erstuntersuchung soll folgende Schritte umfassen:

  • Spaltlampenuntersuchung inkl. Fluoreszeinanfärbung (Weiß- und Kobaltblaulicht).
  • Dokumentation von Ausmaß, Tiefe und Limbusischämie.
  • Sehschärfenprüfung.
  • Messung des Augeninnendrucks (auch bei Epitheldefekt).
  • Beurteilung des Augenhintergrundes und der Tränenwege.

Akuttherapie und Spülung

Die wichtigste Maßnahme ist die sofortige Limitierung der Einwirkdauer:

  • Sofortige Spülung: Soll intensiv und bis zum Erreichen eines neutralen pH-Wertes erfolgen, initial bevorzugt mit Leitungswasser.
  • Schmerztherapie: Vor der Spülung sollte eine topische Anästhesie erfolgen, um den Patientenkomfort zu erhöhen.
  • Ektropionieren: Bei jeder Verätzung (besonders bei Feststoffen wie Kalk) soll doppelt ektropioniert werden, um die Fornices zu inspizieren und Partikel mechanisch zu entfernen.
  • Verband: Es soll nicht mit einem geschlossenen Verband behandelt werden.

Medikamentöse Therapie

Ziel ist die schnelle Re-Epithelialisierung und Entzündungskontrolle. Augentropfen sollten bevorzugt phosphatfrei und unkonserviert sein.

WirkstoffgruppeIndikation / BemerkungEmpfehlung
Kortison-AugentropfenReduktion der Entzündung und Prävention von Gewebeverlust. Auch bei Epitheldefekten! Dosierung bis zu stündlich.Soll
Topische AntibiotikaProphylaxe von Superinfektionen bei Epitheldefekt.Sollte
BenetzungstropfenFörderung der Epithelialisierung.Sollte
Ascorbinsäure (Vit C)Tropfen (10%) oder oral (1-2g bis 4x/Tag) zur Förderung der Kollagensynthese.Kann
Doxyzyklin / MakrolideOral bei Hornhauteinschmelzung zur Hemmung von Kollagenasen.Kann
ZykloplegikaZur Schmerzreduktion und Vermeidung von Synechien.Kann

Chirurgische Therapie

Bei schwereren Verläufen kommen operative Verfahren zum Einsatz:

  • Amnionmembrantransplantation (AMT): Kann bei mittelgradigen Verätzungen (Tag 2-3) erfolgen, um Schmerzen zu lindern und den Epithelschluss zu fördern.
  • Tenonplastik: Kann bei schwerer Verätzung mit Limbusischämie zur Wiederherstellung der Vaskularisierung durchgeführt werden.
  • Limbusstammzelltransplantation: Bei Limbusstammzellinsuffizienz. Autologe Verfahren (SLET/CLAU) zeigen höhere Erfolgsraten als CLET und sind Mittel der ersten Wahl.
  • Keratoprothese (Boston-KPro I): Option im späten Narbenstadium bei beidseitiger Erblindung, erfordert jedoch engmaschiges Glaukommanagement.

Nachsorge und Komplikationen

Leichte Verätzungen werden ambulant, schwere sollen stationär behandelt werden. Langzeitkomplikationen umfassen häufig ein Sekundärglaukom (15-55% der schweren Fälle), das Trockene Auge (durch Zerstörung der Becherzellen) sowie Vernarbungen der Lider (Symblepharon, Entropium).

💡Praxis-Tipp

Spülen Sie bei einer akuten Verätzung sofort und ausgiebig, idealerweise nach Gabe von topischen Lokalanästhetika zur Schmerzlinderung. Ektropionieren Sie die Lider stets doppelt, um versteckte Partikel (z.B. Kalk) in den Umschlagfalten zu finden und zu entfernen.

Häufig gestellte Fragen

Initial sollte sofort und ausgiebig mit Leitungswasser gespült werden, bis der pH-Wert neutral ist. Alternativ können dekontaminierende Lösungen verwendet werden.
Ja, kortisonhaltige Augentropfen sollen laut Leitlinie ausdrücklich auch bei Epitheldefekten eingesetzt werden, um die Entzündungsreaktion zu reduzieren und weiteren Gewebeverlust zu verhindern.
Flusssäure penetriert extrem tief. Es muss mit Hexafluorine oder Leitungswasser/Kalziumglukonat gespült werden. Zudem besteht Lebensgefahr durch eine systemische Hypokalzämie, weshalb eine internistische Mitbetreuung zwingend ist.
Bei mittelgradigen Verätzungen kann eine AMT am 2. bis 3. Tag erfolgen, um den Epithelschluss zu beschleunigen, die Narbenbildung zu reduzieren und Schmerzen zu lindern.
Nein, laut Leitlinie soll bei Verätzungen nicht mit einem geschlossenen Verband behandelt werden.

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