Akute Verätzung am Auge: S1-Leitlinie (AWMF/DOG)
📋Auf einen Blick
- •Die sofortige und ausgiebige Spülung (bevorzugt mit Leitungswasser) bis zum neutralen pH-Wert ist die wichtigste Akutmaßnahme.
- •Die Schweregradeinteilung erfolgt nach der Reim- oder Dua-Klassifikation (Limbus- und Bindehautbeteiligung).
- •Kortisonhaltige Augentropfen sollen eingesetzt werden, um Entzündungen und Gewebeverlust zu stoppen – ausdrücklich auch bei Epitheldefekten.
- •Bei Flusssäure-Verätzungen muss systemisch an eine lebensbedrohliche Hypokalzämie gedacht werden (internistische Mitbetreuung).
- •Schwere Verätzungen erfordern eine stationäre Aufnahme und ggf. chirurgische Interventionen wie eine Amnionmembrantransplantation oder Tenonplastik.
Hintergrund
Verätzungen und Verbrennungen des Auges sind ophthalmologische Notfälle, die meist durch Chemikalien (Säuren, Laugen) verursacht werden. Laugenverätzungen sind häufiger und oft gefährlicher, da sie lipolytisch wirken, Zellmembranen verseifen und rasch in tiefe Gewebeschichten penetrieren. Säuren führen hingegen zur Koagulation von Proteinen, was kurzzeitig als Barriere gegen tieferes Eindringen wirkt. Eine Ausnahme bildet Flusssäure, die extrem schnell penetriert und schwerste Schäden verursacht.
Klassifikation
Zur Beurteilung des Schweregrades und der Prognose werden die Reim- und die Dua-Klassifikation empfohlen. Die Dua-Klassifikation hat sich bei schweren Verätzungen als prognostisch überlegen erwiesen.
Reim-Klassifikation
| Grad | Befund | Prognose / Heilung |
|---|---|---|
| I | Erosio, Hyperämie | Regeneration |
| II | Erosio, Ischämie <1/3 | Konjunktivalisation |
| III | Erosio, Ischämie 1/3 bis >1/2 | Vernarbung, Neovaskularisation |
| IV | Tiefe Hornhauttrübung, Ischämie, Nekrosen | Einschmelzung, Katarakt, Glaukom |
Dua-Klassifikation
| Grad | Limbusbeteiligung | Konjunktivale Schädigung | Prognose |
|---|---|---|---|
| I | 0 Zeitstunden | 0% | Sehr gut |
| II | <3 Zeitstunden | <30% | Gut |
| III | 3-6 Zeitstunden | 30-50% | Gut |
| IV | 6-9 Zeitstunden | 50-75% | Gut bis mäßig |
| V | 9-12 Zeitstunden | 75-100% | Mäßig bis schlecht |
| VI | 12 Zeitstunden (komplett) | 100% | Sehr schlecht |
Diagnostik
Die augenärztliche Erstuntersuchung soll folgende Schritte umfassen:
- Spaltlampenuntersuchung inkl. Fluoreszeinanfärbung (Weiß- und Kobaltblaulicht).
- Dokumentation von Ausmaß, Tiefe und Limbusischämie.
- Sehschärfenprüfung.
- Messung des Augeninnendrucks (auch bei Epitheldefekt).
- Beurteilung des Augenhintergrundes und der Tränenwege.
Akuttherapie und Spülung
Die wichtigste Maßnahme ist die sofortige Limitierung der Einwirkdauer:
- Sofortige Spülung: Soll intensiv und bis zum Erreichen eines neutralen pH-Wertes erfolgen, initial bevorzugt mit Leitungswasser.
- Schmerztherapie: Vor der Spülung sollte eine topische Anästhesie erfolgen, um den Patientenkomfort zu erhöhen.
- Ektropionieren: Bei jeder Verätzung (besonders bei Feststoffen wie Kalk) soll doppelt ektropioniert werden, um die Fornices zu inspizieren und Partikel mechanisch zu entfernen.
- Verband: Es soll nicht mit einem geschlossenen Verband behandelt werden.
Medikamentöse Therapie
Ziel ist die schnelle Re-Epithelialisierung und Entzündungskontrolle. Augentropfen sollten bevorzugt phosphatfrei und unkonserviert sein.
| Wirkstoffgruppe | Indikation / Bemerkung | Empfehlung |
|---|---|---|
| Kortison-Augentropfen | Reduktion der Entzündung und Prävention von Gewebeverlust. Auch bei Epitheldefekten! Dosierung bis zu stündlich. | Soll |
| Topische Antibiotika | Prophylaxe von Superinfektionen bei Epitheldefekt. | Sollte |
| Benetzungstropfen | Förderung der Epithelialisierung. | Sollte |
| Ascorbinsäure (Vit C) | Tropfen (10%) oder oral (1-2g bis 4x/Tag) zur Förderung der Kollagensynthese. | Kann |
| Doxyzyklin / Makrolide | Oral bei Hornhauteinschmelzung zur Hemmung von Kollagenasen. | Kann |
| Zykloplegika | Zur Schmerzreduktion und Vermeidung von Synechien. | Kann |
Chirurgische Therapie
Bei schwereren Verläufen kommen operative Verfahren zum Einsatz:
- Amnionmembrantransplantation (AMT): Kann bei mittelgradigen Verätzungen (Tag 2-3) erfolgen, um Schmerzen zu lindern und den Epithelschluss zu fördern.
- Tenonplastik: Kann bei schwerer Verätzung mit Limbusischämie zur Wiederherstellung der Vaskularisierung durchgeführt werden.
- Limbusstammzelltransplantation: Bei Limbusstammzellinsuffizienz. Autologe Verfahren (SLET/CLAU) zeigen höhere Erfolgsraten als CLET und sind Mittel der ersten Wahl.
- Keratoprothese (Boston-KPro I): Option im späten Narbenstadium bei beidseitiger Erblindung, erfordert jedoch engmaschiges Glaukommanagement.
Nachsorge und Komplikationen
Leichte Verätzungen werden ambulant, schwere sollen stationär behandelt werden. Langzeitkomplikationen umfassen häufig ein Sekundärglaukom (15-55% der schweren Fälle), das Trockene Auge (durch Zerstörung der Becherzellen) sowie Vernarbungen der Lider (Symblepharon, Entropium).
💡Praxis-Tipp
Spülen Sie bei einer akuten Verätzung sofort und ausgiebig, idealerweise nach Gabe von topischen Lokalanästhetika zur Schmerzlinderung. Ektropionieren Sie die Lider stets doppelt, um versteckte Partikel (z.B. Kalk) in den Umschlagfalten zu finden und zu entfernen.