Gedächtnisstörungen bei neurologischen Erkrankungen (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Demenz-Screenings (z. B. MMST) sind zur Erfassung leichter bis mittelschwerer Gedächtnisstörungen nicht geeignet.
- •Bei leichten bis mittelschweren Defiziten wird ein spezifisches kognitives Training (mindestens 10 Sitzungen) empfohlen.
- •Bei schwerer Amnesie liegt der therapeutische Fokus auf Kompensationsstrategien und fehlerarmem Lernen (Spaced Retrieval).
- •Elektronische Erinnerungshilfen (z. B. Smartphones) sollen unabhängig vom Schweregrad in die Therapie einbezogen werden.
Hintergrund
Gedächtnisstörungen nach erworbenen Hirnschädigungen (z. B. Schädel-Hirn-Trauma, Schlaganfall, Multiple Sklerose, Enzephalitiden) erfordern eine differenzierte Diagnostik und Therapie. Die Einschränkungen können von leichten Defiziten bis hin zur schweren globalen Amnesie reichen und beeinträchtigen die Alltagsaktivitäten und Teilhabe der Patienten oft erheblich.
Diagnostik
Die Untersuchung von Gedächtnisfunktionen darf nicht isoliert erfolgen, sondern muss in eine umfassende neuropsychologische Testung eingebunden sein (inklusive Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen und Affekt).
Wichtig: Screening-Verfahren, die für den Ausschluss einer Demenz entwickelt wurden (z. B. MMST), sind für die Identifikation leichter bis mittelschwerer Gedächtnisstörungen nicht geeignet (Empfehlungsgrad A). Bei Auffälligkeiten soll eine eingehende Untersuchung durch einen qualifizierten Neuropsychologen erfolgen.
| Indikation | Empfehlung |
|---|---|
| Subjektive Klagen (Patient/Angehörige) | Orientierende Untersuchung mit standardisierten psychometrischen Verfahren. |
| Läsionen in gedächtnisrelevanten Strukturen | Neuropsychologische Untersuchung anbieten, auch ohne subjektive Klagen (besonders bei geplanter beruflicher Wiedereingliederung). |
Basisdiagnostik
Eine ausführliche Basisdiagnostik sollte folgende Teilfunktionen umfassen:
- Orientierung (örtlich, zeitlich, situativ, zur Person)
- Verbale und figurale Merkspannen
- Arbeitsgedächtnis
- Lernparadigma (z. B. Wortliste) mit verzögertem Abruf
- Unmittelbare und verzögerte Wiedergabe komplexer verbaler und figuraler Informationen
Therapie nach Schweregrad
Die Auswahl der Therapiemethoden richtet sich maßgeblich nach der Schwere der Gedächtnisstörung.
| Schweregrad | Empfohlene Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Leicht bis mittelschwer | Spezifisches funktions- oder strategieorientiertes kognitives Training | Empfehlungsgrad A. Mindestens 10 Sitzungen gelten als gute klinische Praxis. |
| Schwere Amnesie | Kompensationsstrategien (Verbesserung von Aktivitäten/Teilhabe) | Keine Empfehlung für funktionsorientiertes Training mangels Wirksamkeitsnachweis. |
| Alle Schweregrade | Elektronische Erinnerungshilfen (z. B. Smartphone-Kalender) | Empfehlungsgrad A. Einsatz als Kompensationsstrategie, sofern Patient bereit ist. |
Spezifische Lernmethoden bei schwerer Amnesie
Patienten mit schwerer Amnesie können domänenspezifisches Wissen und Alltagsroutinen erlernen. Hierbei wird folgendes Vorgehen empfohlen (Empfehlungsgrad B):
- Fehlerarmes Lernen (Errorless Learning): Fehler durch eindeutige Hinweise möglichst vermeiden.
- Spaced Retrieval: Ein aktiver Abruf soll angeregt werden, indem das Abrufintervall zunächst sehr kurz und im weiteren Verlauf zunehmend länger gestaltet wird.
Assistive Technologien
Der Einsatz von Smartphones und elektronischen Kalendern ist ein zentraler Baustein der Therapie. Da sich die Nutzung als Gedächtnishilfe von der Alltagsnutzung Gesunder unterscheidet, soll die Anwendung in der Therapie explizit thematisiert und geübt werden. Zudem müssen Patienten über Datensicherheit und Datenschutz aufgeklärt werden.
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich bei leichten bis mittelschweren Gedächtnisstörungen nicht auf Standard-Demenz-Screenings wie den MMST. Überweisen Sie Patienten stattdessen zur ausführlichen neuropsychologischen Diagnostik.