Exekutive Dysfunktionen: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Exekutive Dysfunktionen treten haeufig nach Schaedel-Hirn-Trauma, Schlaganfall, Multipler Sklerose oder Morbus Parkinson auf.
- •Die Diagnostik sollte Arbeitsgedaechtnis, kognitive Flexibilitaet, planerisches Denken und die Selbstwahrnehmung umfassen.
- •Fremdanamnese und Verhaltensbeobachtung sind essenziell, da Patienten oft eine Anosognosie (fehlende Krankheitseinsicht) aufweisen.
- •Kognitiv uebende Verfahren und Arbeitsgedaechtnistraining haben den hoechsten Empfehlungsgrad (Empfehlungsstaerke A).
- •Fuer Verhaltensauffaelligkeiten ist das Goal Management Training (GMT) stark empfohlen (Empfehlungsstaerke A).
Hintergrund
Als exekutive Funktionen werden integrative metakognitive Prozesse bezeichnet, die zur Erreichung eines Ziels die flexible Koordination mehrerer Subprozesse steuern. Exekutive Dysfunktionen treten haeufig bei Erkrankungen auf, die den praefrontalen/orbitofrontalen Kortex, subkortikale Strukturen (Basalganglien, Thalamus) oder deren Faserverbindungen schaedigen.
Typische neurologische Ursachen sind:
- Schaedel-Hirn-Trauma (SHT)
- Zerebrovaskulaere Schaedigungen (Schlaganfall)
- Extrapyramidale Erkrankungen (Morbus Parkinson, PSP, Chorea Huntington)
- Entzuendliche Erkrankungen (Multiple Sklerose, Meningoenzephalitis)
- Hypoxische Hirnschaedigungen und Hirntumoren
Diagnostik
Eine dezidierte Diagnostik soll erfolgen, wenn Patienten in neuen Situationen inadaequat reagieren, stereotypes Verhalten zeigen, Multitasking-Faehigkeiten verlieren oder eine knowing-doing-dissociation (Dissoziation von Wissen und Umsetzung) aufweisen. Da viele Patienten eine Anosognosie (mangelnde Krankheitseinsicht) zeigen, sind Fremdanamnese und Verhaltensbeobachtung essenziell.
| Zu testende Komponente | Beispielhafte Testverfahren |
|---|---|
| Arbeitsgedaechtnis & Monitoring | TAP (Untertest Arbeitsgedaechtnis), Stroop-Test |
| Planerisches & problemloesendes Denken | Wisconsin Card Sorting Test (WCST), Tower of London (TOL), HOTAP |
| Kognitive Flexibilitaet & Fluessigkeit | Regensburger Wortfluessigkeitstest (RWT), Ruff Figural Fluency Test (RFFT) |
| Handlungsflexibilitaet | TAP (Reaktionswechsel), Trail Making Test B (TMT B) |
Therapie
Die Therapie muss spezifisch auf das jeweilige Defizit zugeschnitten sein. Es wird zwischen kognitiven Therapieansaetzen, Verhaltensmanagement und Umweltmodifikation unterschieden.
| Therapieansatz | Indikation / Zielgruppe | Empfehlungsstaerke |
|---|---|---|
| Kognitiv uebende Verfahren (allgemein) | MS, SHT, Schlaganfall | A (⇑⇑) |
| Arbeitsgedaechtnistraining | Hirnverletzte, MS | A (⇑⇑) |
| Therapie des planerischen Denkens | Insbesondere SHT-Patienten | A (⇑⇑) |
| Problemloesetraining | Schlaganfallpatienten | B (⇑) |
| Goal Management Training (GMT) | SHT, Hirnverletzte | A (⇑⇑) |
| Impulskontrolle / Selbstregulation | Morbus Parkinson | B (⇑) |
| Kombiniertes kognitives Training | Parkinson-Patienten | A (⇑⇑) |
- Kognitive Ansaetze: Zielen auf die Veraenderung von Koerperstrukturen und -funktionen durch neuronale Plastizitaet ab.
- Verhaltensmanagement: Umfasst Selbstinstruktion, Selbstwirksamkeit und Ziel-Management (z.B. GMT). Besonders geeignet fuer Patienten mit Verhaltensauffaelligkeiten.
- Umweltmodifikation: Einsatz von Kompensationsmitteln (z.B. Paging-Systeme) fuer schwer betroffene Patienten zur Erhoehung der Selbststaendigkeit im Alltag.
Fahreignung
Exekutive Dysfunktionen erfordern in der Fahreignungsdiagnostik besondere Beachtung, speziell bei mangelndem Stoerungsbewusstsein. Neben Reaktionszeiten muessen Fehlreaktionen und Auslassungen bewertet werden. Eine praktische Fahrverhaltensprobe wird empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Beziehen Sie bei der Diagnostik exekutiver Dysfunktionen zwingend die Angehoerigen ein, da Patienten haeufig eine Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln (knowing-doing-dissociation) sowie eine mangelnde Krankheitseinsicht zeigen.