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Neglect & Raumkognition: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Aktives Explorationstraining, langsame Folgebewegungen und cTBS sind hochgradig empfohlene Therapien beim Neglect.
  • Die Diagnostik des Neglects stützt sich primär auf Durchstreichaufgaben, Linienhalbierung und Kopieraufgaben.
  • Beim Pusher-Syndrom werden Visuelles-Feedback-Training (VFT) und robotergestütztes Laufbandtraining empfohlen.
  • Für das Bálint-Syndrom können derzeit mangels Evidenz keine spezifischen Therapieempfehlungen ausgesprochen werden.
  • Visuell-räumliche Wahrnehmungsstörungen profitieren am meisten von Feedback-basierten Trainingsverfahren.
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Hintergrund

Unter Raumkognition werden die Fähigkeiten zur Orientierung, Exploration, Wahrnehmung und Handlung im Raum zusammengefasst. Störungen dieser Fähigkeiten treten typischerweise nach okzipito-parietaler und temporo-parietaler Schädigung auf, wobei sie nach rechtshemisphärischen Läsionen deutlich häufiger sind. Zu den wichtigsten Störungsbildern gehören der Neglect, das Pusher-Syndrom, das Bálint-Syndrom sowie visuell-räumliche Wahrnehmungsstörungen.

Neglect: Klinik und Diagnostik

Ein Neglect ist durch die Vernachlässigung der kontraläsionalen (meist linken) Raum- oder Körperhälfte gekennzeichnet. Im akuten Stadium weichen Kopf und Augen oft zur Läsionsseite ab.

Zur Abgrenzung von einer Hemianopsie kann Cueing (Hinweisreize) genutzt werden: Beim reinen Neglect lässt sich die Vernachlässigung durch eindringliche Ansprache kurzzeitig überwinden. Empfohlene Testverfahren sind:

  • Durchstreichaufgaben (z. B. Bells Test, Berechnung des Center of Cancellation)
  • Linienhalbierungsaufgabe (Auswertung nach McIntosh)
  • Kopieren oder freies Zeichnen

Neglect: Therapie

Die Leitlinie empfiehlt primär vier evidenzbasierte Verfahren zur Behandlung des Neglects:

TherapieverfahrenEmpfehlungsstärkeBemerkung
Aktives Explorieren⇑⇑Top-down-Methode; erfordert aktive Mitarbeit, für belastbare Patienten
Langsame Folgebewegungen⇑⇑Visuelle Stimulation mit 5-10°/s zur vernachlässigten Seite
NackenmuskelvibrationPassives Verfahren; gut in der Frühphase einsetzbar
cTBS (Hirnstimulation)⇑⇑Kontinuierliche Theta-Burst Stimulation, nur in Kombi mit weiterem Training

Visuell-räumliche und topographische Störungen

Diese Störungen umfassen Probleme bei der Distanzschätzung, Tiefenwahrnehmung oder räumlichen Orientierung (Navigation).

  • Diagnostik: Empfohlen werden standardisierte Testbatterien wie VOSP oder BORB sowie der Mosaik-Test für visuokonstruktive Störungen.
  • Therapie: Für visuell-räumliche Wahrnehmungsstörungen werden Feedback-basierte Trainingsverfahren empfohlen (). Für topographische Störungen gibt es keine standardisierte Therapie; hier sollten individuelle Kompensationsstrategien erarbeitet werden.

Bálint-Syndrom

Das Bálint-Syndrom tritt meist nach biparietaler Läsion auf und ist durch eine klassische Trias gekennzeichnet.

SymptomDefinitionDiagnostik
SimultanagnosieObjekte werden nur einzeln/in Teilen erfasstNavon-Buchstaben, komplexe Bilder (Cookie-Theft)
Optische AtaxieDysmetrische Zeige-/GreifbewegungenErfassung von Greiffehlern im peripheren Gesichtsfeld
BlickbewegungsstörungenGestörte Willkürsakkaden, unsichere FixationKlinische Beobachtung, Blickmessgerät

Therapie: Aufgrund mangelnder Evidenz können derzeit keine spezifischen Behandlungsempfehlungen für das Bálint-Syndrom ausgesprochen werden.

Pusher-Syndrom

Patienten mit Pusher-Syndrom drücken sich mit den nicht paretischen Extremitäten aktiv zur gelähmten Seite, da ihre subjektive posturale Vertikale (Körperorientierung) gestört ist. Die visuelle Vertikale ist hingegen meist intakt.

  • Diagnostik: Empfohlen werden die Scale for Contraversive Pushing (SCP) und die Burke Lateropulsion Scale (BLS).
  • Therapie:
MaßnahmeEmpfehlungsstärkePrinzip
Visuelles-Feedback-TrainingVisuelle Ausrichtung an vertikalen Strukturen im Raum
Robotergestütztes LaufbandtrainingNutzung von Exoskelett und Hängegurtvorrichtung

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie in der Frühphase des Neglects passive Verfahren wie die Nackenmuskelvibration, da diese keine aktive Kooperation erfordern. Zur Abgrenzung einer Hemianopsie hilft die Rumpfdrehung: Beim Neglect bessert sich das Gesichtsfeld durch eine Rumpfdrehung zur vernachlässigten Seite, bei der Hemianopsie nicht.

Häufig gestellte Fragen

Beim reinen Neglect lässt sich das Nichtreagieren auf Reize durch eindringliche verbale Instruktion (Cueing) kurzzeitig überwinden. Zudem führt eine Rumpfdrehung zur vernachlässigten Seite beim Neglect zu besseren Gesichtsfeldbefunden, bei der Hemianopsie nicht.
Empfohlen werden Durchstreichaufgaben (mit Berechnung des Center of Cancellation), die Linienhalbierungsaufgabe (Auswertung nach McIntosh) sowie Kopieraufgaben.
Das Bálint-Syndrom besteht aus Simultanagnosie, optischer Ataxie und Blickbewegungsstörungen.
Die Leitlinie empfiehlt das Visuelle-Feedback-Training (VFT) sowie robotergestütztes Laufbandtraining mit Exoskelett und Hängegurtvorrichtung.

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