Oberarmkopffraktur: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Oberarmkopffraktur ist die dritthäufigste Fraktur bei Patienten über 60 Jahren und gilt als Indikatorfraktur für Osteoporose.
- •Die Standarddiagnostik erfordert Röntgenaufnahmen in zwei Ebenen (true a.p. und axial/Y-Aufnahme).
- •Die Einteilung erfolgt häufig nach der Neer-Klassifikation (Dislokation definiert als >1 cm oder >45°).
- •Nicht oder gering dislozierte Frakturen werden primär konservativ mit kurzfristiger Ruhigstellung und frühfunktioneller Therapie behandelt.
- •Bei nicht rekonstruierbaren Frakturen älterer Patienten wird zunehmend die inverse Schulterprothese empfohlen.
Hintergrund
Die Oberarmkopffraktur (proximale Humerusfraktur) macht 4-6 % aller Frakturen im Erwachsenenalter aus und ist die dritthäufigste Fraktur bei Patienten über 60 Jahren. Sie gilt als typische Indikatorfraktur für Osteoporose. Das Geschlechterverhältnis von Frauen zu Männern liegt bei 7:3.
Während bei jüngeren Patienten meist Hochrasanztraumen oder Sportverletzungen ursächlich sind, resultiert die Fraktur bei älteren Patienten typischerweise aus einem Sturz auf die Schulter im häuslichen Umfeld.
Klassifikation
Für die Therapieentscheidung ist eine exakte Klassifikation essenziell. Am gebräuchlichsten ist die Einteilung nach Neer, welche die Anzahl der dislozierten Hauptfragmente bewertet. Eine Dislokation ist definiert als eine Verschiebung > 1 cm oder eine Abknickung > 45°.
| Neer-Typ | Beschreibung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Typ I | Nicht oder wenig dislozierte Frakturen | Unabhängig von der Anzahl der Fragmentlinien |
| Typ II | Dislozierte Fraktur des anatomischen Halses | Hohes Risiko für Humeruskopfnekrose |
| Typ III | Dislozierte Fraktur des chirurgischen Halses | Häufigste dislozierte Form |
| Typ IV | Dislozierte Fraktur des Tuberculum majus | Oft mit Rotatorenmanschetten-Beteiligung |
| Typ V | Dislozierte Fraktur des Tuberculum minus | Selten, oft bei hinterer Luxation |
| Typ VI | Luxationsfrakturen | Kombination aus Fraktur und glenohumeraler Luxation |
Weitere etablierte Systeme sind die AO/OTA-Klassifikation sowie die Klassifikation nach Codman-Hertel (Lego-System).
Diagnostik
Klinische Untersuchung
Neben der Beurteilung von Schwellung, Hämatom und Fehlstellung muss zwingend die periphere Durchblutung, Motorik und Sensibilität geprüft werden. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Nervus axillaris (Sensibilität im autonomen Gebiet), da dieser durch seine anatomische Nähe häufig verletzt wird.
Bildgebung
| Modalität | Indikation | Standardeinstellungen |
|---|---|---|
| Röntgen | Obligater Standard bei jedem Verdacht | Schulter in 2 Ebenen: true a.p. und axial (oder Y-Aufnahme) |
| CT | Fakultativ, bei komplexen Frakturen | Zur Beurteilung der Tubercula, Gelenkfläche (Head-split) und OP-Planung |
| Sonographie | Fakultativ | Beurteilung der Rotatorenmanschette |
| MRT | Ausnahmefall | Verdacht auf pathologische Fraktur oder Plexusverletzung |
Therapie
Das Ziel der Behandlung ist die Schmerzreduktion und die Wiedererlangung einer guten Schulterfunktion. Die Wahl des Verfahrens hängt von Frakturtyp, Knochenqualität (Osteoporose), Alter und Funktionsanspruch ab.
Konservative Therapie
Ein Großteil der Frakturen (insbesondere One-Part-Frakturen nach Neer) wird konservativ behandelt.
- Ruhigstellung: Kurzfristige Immobilisation (z. B. Gilchrist- oder Desaultverband).
- Physiotherapie: Frühfunktionelle Behandlung (passive und aktive Bewegungsübungen bis zur Schmerzgrenze, Pendelübungen).
- Analgesie: Ausreichende Schmerztherapie zur Ermöglichung der Frühmobilisation.
Operative Therapie
Die operative Versorgung ist bei dislozierten Frakturen, Luxationsfrakturen, offenen Brüchen oder begleitenden Gefäß-/Nervenschäden indiziert.
| Verfahren | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Osteosynthese (z.B. winkelstabile Platte, Marknagel) | Dislozierte Frakturen, jüngere Patienten mit guter Knochenqualität | Ziel: Kopferhalt. Risiko der Schraubenperforation bei Osteoporose. |
| Anatomische / Hemiprothese | Nicht rekonstruierbare Frakturen bei jüngeren Patienten | Voraussetzung: Intakte Rotatorenmanschette und anheilbare Tubercula. |
| Inverse Schulterprothese | Ältere Patienten, Head-split-Frakturen, defekte Rotatorenmanschette | Zunehmender Standard beim alten Menschen mit komplexer Trümmerfraktur. |
Komplikationen
Zu den typischen Komplikationen zählen:
- Humeruskopfnekrose: Besonders bei Frakturen des anatomischen Halses, Luxationsfrakturen und Head-split-Frakturen (Rate bis zu 37 % nach Osteosynthese).
- Implantatversagen: Schraubenperforation ins Gelenk (besonders bei Sinterung des osteoporotischen Knochens), sekundäre Dislokation.
- Schultersteife (Frozen Shoulder): Durch prolongierte Immobilisation oder Arthrofibrose.
- Nervenschäden: Läsion des N. axillaris oder N. musculocutaneus.
💡Praxis-Tipp
Prüfen und dokumentieren Sie bei jeder proximalen Humerusfraktur zwingend die Funktion des Nervus axillaris (Sensibilität über dem lateralen Deltamuskel) vor und nach jeder Intervention.