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Oberarmkopffraktur: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Oberarmkopffraktur ist die dritthäufigste Fraktur bei Patienten über 60 Jahren und gilt als Indikatorfraktur für Osteoporose.
  • Die Standarddiagnostik erfordert Röntgenaufnahmen in zwei Ebenen (true a.p. und axial/Y-Aufnahme).
  • Die Einteilung erfolgt häufig nach der Neer-Klassifikation (Dislokation definiert als >1 cm oder >45°).
  • Nicht oder gering dislozierte Frakturen werden primär konservativ mit kurzfristiger Ruhigstellung und frühfunktioneller Therapie behandelt.
  • Bei nicht rekonstruierbaren Frakturen älterer Patienten wird zunehmend die inverse Schulterprothese empfohlen.
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Hintergrund

Die Oberarmkopffraktur (proximale Humerusfraktur) macht 4-6 % aller Frakturen im Erwachsenenalter aus und ist die dritthäufigste Fraktur bei Patienten über 60 Jahren. Sie gilt als typische Indikatorfraktur für Osteoporose. Das Geschlechterverhältnis von Frauen zu Männern liegt bei 7:3.

Während bei jüngeren Patienten meist Hochrasanztraumen oder Sportverletzungen ursächlich sind, resultiert die Fraktur bei älteren Patienten typischerweise aus einem Sturz auf die Schulter im häuslichen Umfeld.

Klassifikation

Für die Therapieentscheidung ist eine exakte Klassifikation essenziell. Am gebräuchlichsten ist die Einteilung nach Neer, welche die Anzahl der dislozierten Hauptfragmente bewertet. Eine Dislokation ist definiert als eine Verschiebung > 1 cm oder eine Abknickung > 45°.

Neer-TypBeschreibungBemerkung
Typ INicht oder wenig dislozierte FrakturenUnabhängig von der Anzahl der Fragmentlinien
Typ IIDislozierte Fraktur des anatomischen HalsesHohes Risiko für Humeruskopfnekrose
Typ IIIDislozierte Fraktur des chirurgischen HalsesHäufigste dislozierte Form
Typ IVDislozierte Fraktur des Tuberculum majusOft mit Rotatorenmanschetten-Beteiligung
Typ VDislozierte Fraktur des Tuberculum minusSelten, oft bei hinterer Luxation
Typ VILuxationsfrakturenKombination aus Fraktur und glenohumeraler Luxation

Weitere etablierte Systeme sind die AO/OTA-Klassifikation sowie die Klassifikation nach Codman-Hertel (Lego-System).

Diagnostik

Klinische Untersuchung

Neben der Beurteilung von Schwellung, Hämatom und Fehlstellung muss zwingend die periphere Durchblutung, Motorik und Sensibilität geprüft werden. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Nervus axillaris (Sensibilität im autonomen Gebiet), da dieser durch seine anatomische Nähe häufig verletzt wird.

Bildgebung

ModalitätIndikationStandardeinstellungen
RöntgenObligater Standard bei jedem VerdachtSchulter in 2 Ebenen: true a.p. und axial (oder Y-Aufnahme)
CTFakultativ, bei komplexen FrakturenZur Beurteilung der Tubercula, Gelenkfläche (Head-split) und OP-Planung
SonographieFakultativBeurteilung der Rotatorenmanschette
MRTAusnahmefallVerdacht auf pathologische Fraktur oder Plexusverletzung

Therapie

Das Ziel der Behandlung ist die Schmerzreduktion und die Wiedererlangung einer guten Schulterfunktion. Die Wahl des Verfahrens hängt von Frakturtyp, Knochenqualität (Osteoporose), Alter und Funktionsanspruch ab.

Konservative Therapie

Ein Großteil der Frakturen (insbesondere One-Part-Frakturen nach Neer) wird konservativ behandelt.

  • Ruhigstellung: Kurzfristige Immobilisation (z. B. Gilchrist- oder Desaultverband).
  • Physiotherapie: Frühfunktionelle Behandlung (passive und aktive Bewegungsübungen bis zur Schmerzgrenze, Pendelübungen).
  • Analgesie: Ausreichende Schmerztherapie zur Ermöglichung der Frühmobilisation.

Operative Therapie

Die operative Versorgung ist bei dislozierten Frakturen, Luxationsfrakturen, offenen Brüchen oder begleitenden Gefäß-/Nervenschäden indiziert.

VerfahrenIndikationBemerkung
Osteosynthese (z.B. winkelstabile Platte, Marknagel)Dislozierte Frakturen, jüngere Patienten mit guter KnochenqualitätZiel: Kopferhalt. Risiko der Schraubenperforation bei Osteoporose.
Anatomische / HemiprotheseNicht rekonstruierbare Frakturen bei jüngeren PatientenVoraussetzung: Intakte Rotatorenmanschette und anheilbare Tubercula.
Inverse SchulterprotheseÄltere Patienten, Head-split-Frakturen, defekte RotatorenmanschetteZunehmender Standard beim alten Menschen mit komplexer Trümmerfraktur.

Komplikationen

Zu den typischen Komplikationen zählen:

  • Humeruskopfnekrose: Besonders bei Frakturen des anatomischen Halses, Luxationsfrakturen und Head-split-Frakturen (Rate bis zu 37 % nach Osteosynthese).
  • Implantatversagen: Schraubenperforation ins Gelenk (besonders bei Sinterung des osteoporotischen Knochens), sekundäre Dislokation.
  • Schultersteife (Frozen Shoulder): Durch prolongierte Immobilisation oder Arthrofibrose.
  • Nervenschäden: Läsion des N. axillaris oder N. musculocutaneus.

💡Praxis-Tipp

Prüfen und dokumentieren Sie bei jeder proximalen Humerusfraktur zwingend die Funktion des Nervus axillaris (Sensibilität über dem lateralen Deltamuskel) vor und nach jeder Intervention.

Häufig gestellte Fragen

Ein CT ist bei komplexeren, höhergradigen Frakturen indiziert, insbesondere zur Beurteilung der Tubercula, der glenohumeralen Zentrierung oder einer Head-split-Komponente.
Eine Dislokation nach Neer liegt vor, wenn die Fragmente um mehr als 1 cm verschoben oder um mehr als 45 Grad abgeknickt sind.
Sie wird besonders bei älteren Patienten mit nicht-rekonstruierbaren 3- oder 4-Fragmentfrakturen, bei vorbestehendem Rotatorenmanschettendefekt oder bei nicht reponierbaren Tubercula empfohlen.
Die Ruhigstellung sollte nur kurzfristig erfolgen. Eine einwöchige Immobilisation zeigt in Studien kurzfristig Vorteile gegenüber einer dreiwöchigen Ruhigstellung; eine frühfunktionelle Behandlung ist essenziell.

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