Nierenfunktionsszintigraphie: Leitlinie (AWMF/DGN)
📋Auf einen Blick
- •Tc-99m-MAG3 ist das bevorzugte Radiopharmakon, insbesondere bei Kindern aufgrund der hohen tubulären Extraktionsrate.
- •Eine ausreichende Hydratation (5-10 ml/kg Körpergewicht) vor der Untersuchung ist essenziell für die Beurteilbarkeit.
- •Furosemid wird gewichtsadaptiert dosiert: bei Erwachsenen 20-40 mg, bei Kindern 0,5-1 mg/kg i.v.
- •Die seitengetrennte Nierenfunktion wird zwischen der 1. und 2. Minute nach Injektion bestimmt.
- •Postmiktionsaufnahmen nach 50-60 Minuten sind zwingend erforderlich, um falsch-positive Obstruktionsbefunde zu vermeiden.
Hintergrund
Die Nierenfunktionsszintigraphie dient der Bestimmung der seitengetrennten Nierenfunktion (Clearance) und der Beurteilung der Exkretion. Hauptziel ist der Nachweis oder Ausschluss einer Obstruktion des harnableitenden Systems, welche unbehandelt zu einem stetigen Funktionsverlust der Niere führen kann.
Indikationen und Kontraindikationen
Indikationen:
- Nierenerkrankungen mit Notwendigkeit zur Bestimmung der seitengetrennten Funktion und Abflussverhältnisse (z.B. pelviureterale Stenosen, Refluxnephropathie)
- Vor Durchführung einer direkten Radionuklidzystographie
- Abklärung einer Hypertonie (ggf. Captoprilszintigraphie)
- Nierentrauma
- Potenzielle Lebendnierenspender (Niere mit geringerer Funktion wird bevorzugt gespendet)
- Kontrolluntersuchungen nach Nierentransplantation
- Vor und während nephrotoxischer Therapien oder Strahlentherapie
Kontraindikationen:
- Schwangerschaft stellt eine relative Kontraindikation dar.
- Bei stillenden Patientinnen ist keine Stillpause erforderlich (Ausnahme: 12h Pause bei I-123-Hippuran).
Vorbereitung
- Flüssigkeitszufuhr: Mindestens 5-10 ml/kg Körpergewicht 30-60 min vor der Untersuchung. Säuglinge sollten eine zusätzliche Mahlzeit erhalten.
- Medikation: Diuretika am Morgen pausieren. Diclofenac und andere NSAR sollten idealerweise pausiert werden (z.B. 24h), da sie die spontane Ureterkontraktion hemmen und falsch-positive Obstruktionsbefunde verursachen können.
- Blasenentleerung: Vor Injektion Blase entleeren. Bei liegendem Katheter muss dieser während der Untersuchung offen bleiben.
Radiopharmaka
Tubulär extrahierte Radiopharmaka werden aufgrund der deutlich höheren Extraktionsrate bevorzugt. Dies gilt insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern mit noch unreifer Nierenfunktion.
| Radiopharmakon | Typ | Extraktionsrate | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Tc-99m-MAG3 | Tubulär | Hoch (41-86%) | Standard-Radiopharmakon, exzellente Bildqualität auch bei Kindern |
| Tc-99m-EC | Tubulär | Hoch | Alternative zu MAG3 |
| Tc-99m-DTPA | Glomerulär | Niedrig (20%) | Ungenau bei Säuglingen, nützlich zur GFR-Bestimmung nach Transplantation |
| I-123-Hippuran | Tubulär | Hoch | Wegen Strahlenexposition und Logistik weitgehend verlassen |
Furosemid-Belastung
Die Furosemid-Gabe dient der Differenzierung zwischen einer echten Obstruktion und einer nicht-obstruktiven Dilatation des Nierenbeckens.
Dosierung:
- Kinder: 0,5-1 mg/kg i.v.
- Erwachsene: 20-40 mg (entspricht ca. 0,5 mg/kg) i.v.
- Hinweis: Bei chronischer Niereninsuffizienz kann eine höhere Dosis (z.B. 1 mg/kg) erforderlich sein, da Furosemid und MAG3 um denselben tubulären Sekretionsmechanismus konkurrieren.
Protokolle:
| Protokoll | Zeitpunkt der Furosemid-Gabe | Bemerkung |
|---|---|---|
| F-15 | 15 min vor Tracer | Hoher Urinfluss, aber Risiko des vorzeitigen Untersuchungsabbruchs wegen Harndrangs |
| F=0 / F+2 | Zeitgleich oder 2 min nach Tracer | Kürzere Akquisitionszeit, gut für Patlak-Rutland-Plot |
| F+20 | 20 min nach Tracer | Direkte Beurteilung der Kurvenänderung nach Diuretikum möglich |
Datenakquisition und Auswertung
- Seitengetrennte Funktion: Bestimmung zwischen 1 und 2 Minuten (spätestens 2:30 min) nach Injektion. Empfohlene Methoden sind die Integralmethode oder die Patlak-Rutland-Methode.
- Untergrundkorrektur: Zwingend erforderlich. Eine perirenale ROI (Region of Interest) wird als bester Kompromiss empfohlen.
- Postmiktionsaufnahmen: Essenziell zur Vermeidung falsch-positiver Befunde. Sie erfolgen nach Miktion und Lagewechsel in die aufrechte Position, idealerweise 50-60 min nach Tracer-Injektion.
Interpretation der Kurvenverläufe
Die Beurteilung des Abflusses erfolgt visuell und quantitativ (z.B. mittels NORA oder Output Efficiency - OE).
| Typ (nach O'Reilly) | Kurvenverlauf | Interpretation |
|---|---|---|
| Typ I | Rascher Abfluss | Normalbefund, keine Obstruktion |
| Typ II | Kein Abfluss nach Furosemid, ggf. weiterer Anstieg | Hochverdächtig auf funktionell relevante Obstruktion |
| Typ IIIA | Initiale Akkumulation, suffiziente Reaktion auf Furosemid | Dilatation der ableitenden Harnwege ohne Obstruktion |
| Typ IIIB | Initiale Akkumulation, insuffiziente Reaktion auf Furosemid | Unklarer Befund (Ursachen für falsch-positive Befunde prüfen!) |
💡Praxis-Tipp
Pausieren Sie Diclofenac und andere NSAR idealerweise 24 Stunden vor der Untersuchung. Diese Medikamente hemmen die Prostaglandinsynthese und die Ureterkontraktion, was zu falsch-positiven Obstruktionsbefunden führen kann.