Harntraktdilatation bei Kindern: Diagnostik (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Sonografie ist das primäre bildgebende Verfahren bei Verdacht auf Harntraktdilatation.
- •Bei pränataler Harntraktdilatation sollte die erste postnatale Sonografie frühestens am 3. Lebenstag erfolgen.
- •Die Klassifikation und Risikostratifizierung erfolgt nach dem standardisierten UTD-System (prä- und postnatal).
- •Bei Verdacht auf eine subvesikale Obstruktion (z.B. Harnröhrenklappen) muss die Diagnostik zeitnah postnatal erfolgen.
Hintergrund
Die Leitlinie behandelt die bildgebende Diagnostik bei Kindern mit Verdacht auf Harntransportstörungen, vorausgesetzt, es liegt ein unauffälliger Urinbefund ohne klinische Zeichen eines Harnwegsinfekts vor.
Ein Verdacht auf eine Harntransportstörung besteht bei folgenden sonografischen Grenzwerten des intrarenalen Nierenbeckens (axial):
- Neugeborene und Säuglinge: > 7 mm
- Kinder jenseits des Säuglingsalters: > 10 mm
- Kelche / retrovesikaler Ureter: > 4 mm
Eine Dehydratation kann eine Harntraktdilatation maskieren. Die Untersuchung sollte daher bei gut hydriertem Kind und möglichst gefüllter Harnblase erfolgen.
Empfehlungen zur Bildgebung
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen (alle mit starkem Konsens):
- Primäres Verfahren: Sonografie der Nieren und ableitenden Harnwege inklusive Harnblase und Urethra.
- Untersuchungsbedingungen: Gut hydriertes Kind, möglichst gefüllte Harnblase.
- Verlaufskontrollen: Abhängig vom Ausmaß der Dilatation und dem Zeitpunkt des Auftretens.
- Pränatale Harntraktdilatation: Die primäre postnatale Sonografie sollte (abhängig vom Ausmaß) nicht vor dem 3. Lebenstag erfolgen.
- Subvesikale Obstruktion: Bei Verdacht auf Harnröhrenklappen muss die primäre Sonografie und weiterführende MCU/MUS zeitnah postnatal erfolgen.
Postnatale UTD-Klassifikation
Das Ausmaß der Dilatation wird nach dem UTD-Klassifikationssystem (Chow et al. 2017) eingeteilt. Gemessen wird der Anterior-Posterior-Durchmesser (APD) des Nierenbeckens.
| Parameter | Normal | P1 (Niedriges Risiko) | P2 (Intermediäres Risiko) | P3 (Hohes Risiko) |
|---|---|---|---|---|
| APD | < 10 mm | 10-15 mm | > 15 mm | > 10 mm |
| Kelchdilatation | Nein | Nur zentral | Peripher | * (kann fehlen) |
| Parenchymdicke | Normal | Normal | Normal | Abnormal |
| Parenchymechogenität | Normal | Normal | Normal | Abnormal |
| Ureter | Normal | Normal | Abnormal | * (kann fehlen) |
| Blase | Normal | Normal | Normal | Abnormal |
(Hinweis: * = Kelch- und Ureter-Dilatation muss bei P3 nicht zwingend vorhanden sein, wenn Parenchym oder Blase auffällig sind)
Postnatales Management nach Risikogruppen
Basierend auf der postnatalen Sonografie ergibt sich folgendes Stufenschema für das weitere Vorgehen:
| Risiko | Befund | Sonografie-Kontrolle | MCU/MUS | MAG3/fMRU |
|---|---|---|---|---|
| P1 | APD 10-15 mm oder zentrale Kelcherweiterung | Im 3. Lebensmonat | Nein | Nein |
| P2 | APD > 15 mm und periphere Kelcherweiterung | 6.-12. Lebenswoche | Nein | Ab > 6 Lebenswochen (Frage UAS) |
| P2 | APD > 15 mm und abnormaler Ureter | 6.-12. Lebenswoche | Ja (Frage SVO, hochgradiger VUR) | Ab > 6 Lebenswochen |
| P3 | APD > 15 mm, Parenchympathologie, Blase/Ureter normal | 6.-12. Lebenswoche | Ja (Ausschluss VUR) | Ab > 6 Lebenswochen |
| P3 | APD > 15 mm und Ureter-/Blasenpathologie | 4.-6. Lebenswoche | Ja (Ausschluss SVO/VUR) | Ab > 6 Lebenswochen (Frage UAS) |
Spezifische klinische Szenarien bei Neugeborenen
Einseitige Dilatation (pränatal entdeckt)
- Normalisiert/gleichbleibend: US-Kontrolle in der 3. Lebenswoche.
- Stark zunehmend: Kurzfristige US-Kontrolle. Nierenfunktionsszintigrafie (NF-SZ) nicht vor der 8. Lebenswoche (alternativ fMRU ab 12. Lebenswoche). Vor Intervention MUS/MCU.
Beidseitige Dilatation (pränatal entdeckt)
- Männliches Neugeborenes: US am 1. Lebenstag. Bei pathologischem Befund MCU zum Ausschluss von Harnröhrenklappen.
- Weibliches Neugeborenes: Vorgehen wie bei einseitiger Dilatation. Bei Verdacht auf kloakale Fehlbildung weitere Bildgebung (MRT, Genitografie).
💡Praxis-Tipp
Führen Sie die erste postnatale Sonografie bei pränatal bekannter Harntraktdilatation nicht vor dem 3. Lebenstag durch. Eine physiologisch geringe Diurese in den ersten Lebenstagen kann den Befund sonst maskieren.