Harnwegsinfektionen bei Kindern: S2k-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Bei jedem unklaren Fieber im Säuglings- und jungen Kleinkindalter muss zwingend eine Urinuntersuchung erfolgen.
- •Beutelurin eignet sich aufgrund hoher Kontaminationsraten ausschließlich zum Ausschluss einer HWI, niemals für eine Urinkultur.
- •Bei Verdacht auf eine Pyelonephritis sollte für die Urinkultur Katheter- oder Blasenpunktionsurin, mindestens aber Clean-Catch-Urin gewonnen werden.
- •Der Nitrit-Test ist hochspezifisch, bei Säuglingen aufgrund der kurzen Blasenverweilzeit des Urins jedoch häufig falsch negativ.
- •Vor der Einleitung einer empirischen Antibiotikatherapie bei Verdacht auf Pyelonephritis oder komplizierte Zystitis muss eine Urinkultur angelegt werden.
Hintergrund
Harnwegsinfektionen (HWI) gehören zu den häufigsten bakteriellen Infektionen im Kindesalter. Eine HWI ist definiert als die Besiedlung des Harntraktes durch Infektionserreger, die mit einer lokalen und/oder systemischen Entzündungsreaktion einhergeht.
| Klassifikation | Definition / Merkmale |
|---|---|
| Asymptomatische Bakteriurie | Mikrobiologischer Nachweis einer Besiedlung ohne Symptome und ohne lokale Inflammationszeichen (Leukozyturie). |
| Unkomplizierte HWI | Anatomisch und funktionell normaler Harntrakt, normale Nierenfunktion, Immunkompetenz. |
| Komplizierte HWI | Nieren-/Harntraktfehlbildungen, Obstruktion, neuropathische Blase, Immundefizienz, Fremdkörper (Katheter). Wichtig: Bei Säuglingen in den ersten Lebensmonaten gilt jede symptomatische HWI als kompliziert. |
| Zystitis | Infektion ist auf die Harnblase beschränkt. |
| Pyelonephritis | Nierenparenchym ist in die Infektion einbezogen. |
Symptome nach Altersgruppen
Die klinische Präsentation einer HWI ist stark altersabhängig. Insbesondere bei Säuglingen sind die Symptome oft unspezifisch.
- Neugeborene: Trinkschwäche, Gewichtsverlust, Ikterus, grau-blasses Hautkolorit, ZNS-Symptome, Berührungsempfindlichkeit. Hohes Fieber ist eher ungewöhnlich.
- Säuglinge (0-3 Monate): Hyperexzitabilität, Erbrechen, Trinkunlust, verminderte Aktivität, hohes Fieber.
- Kinder und Jugendliche: Pollakisurie, Dysurie, Algurie, Unterbauchschmerzen, neu einsetzendes Einnässen. Bei Pyelonephritis zusätzlich Fieber, Schüttelfrost und Flankenschmerzen.
Indikation zur Urindiagnostik
Starker Konsens: Eine Urinuntersuchung soll bei jedem unklaren Fieber bei Säuglingen und jungen Kleinkindern sowie in jedem Alter bei Symptomen erfolgen, die für eine HWI sprechen.
Methoden der Uringewinnung
Die Wahl der Uringewinnung ist entscheidend für die Aussagekraft der mikrobiologischen Diagnostik.
| Methode | Indikation / Zielgruppe | Bewertung & Empfehlung |
|---|---|---|
| Mittelstrahlurin | Kinder mit Blasenkontrolle | Starker Konsens: Mittel der Wahl für Urindiagnostik und Kultur. |
| Beutelurin | Säuglinge / Kleinkinder | Starker Konsens: Nur zum Ausschluss einer HWI bei unauffälligem Befund. Darf wegen extrem hoher Kontaminationsrate nicht für eine Urinkultur verwendet werden. |
| Clean-Catch-Urin | Säuglinge ohne Blasenkontrolle | Moderates Kontaminationsrisiko. Kann durch Kälteapplikation ("Quick-Wee") oder Klopfmassage stimuliert werden. |
| Einmalkatheterismus | Säuglinge / Kleinkinder | Geringes Kontaminationsrisiko. Erste Milliliter des Urins verwerfen. |
| Blasenpunktion | Säuglinge | Goldstandard bei V.a. Pyelonephritis. Starker Konsens: Vor der Punktion soll die Blasenfüllung sonographisch überprüft werden. |
Starker Konsens: Bei einem Säugling oder Kleinkind mit begründetem Verdacht auf eine Pyelonephritis soll für eine Urinkultur bevorzugt Katheter- oder Blasenpunktions-Urin, zumindest aber eine Clean-Catch-Urinprobe gewonnen werden.
Urindiagnostische Verfahren
Urinteststreifen
Der Urinteststreifen dient als Screening-Diagnostik.
- Leukozytenesterase: Starker Konsens: Jeglicher positive Nachweis sollte als mögliches Hinweiskriterium für eine HWI gewertet werden (Nachweisgrenze meist 10-25 Leukozyten/µl). Er kann die Urin-Mikroskopie in der Regel ersetzen.
- Nitrit: Erfasst die Fähigkeit von Bakterien (v.a. gramnegative), Nitrat zu Nitrit zu reduzieren. Hochspezifisch (>98%), aber bei Säuglingen oft falsch negativ aufgrund der kurzen Blasenverweilzeit (Bakterien benötigen Zeit für die Reduktion).
| Parameter | Ursachen für falsch positive Befunde | Ursachen für falsch negative Befunde |
|---|---|---|
| Leukozyten | Vaginalsekret, Antibiotika (Meropenem, Imipenem, Clavulansäure), Formaldehyd | Doxycyclin, Cefalexin, Gentamicin, Vitamin C, hohe Glukose/Eiweiß-Ausscheidung |
| Nitrit | Langes Stehenlassen des Urins, Farbstoffe (Rote Bete) | Ungenügende Blasenverweilzeit, stark verdünnter Urin, Vitamin C, nitratarme Kost, fehlende Nitrat-Reduktase des Erregers (z.B. Enterokokken) |
Urinkultur
Die Urinkultur ist der Goldstandard zur Erregersicherung und Resistenztestung.
- Starker Konsens: Bei Verdacht auf eine Pyelonephritis oder komplizierte Zystitis soll in jedem Alter vor Einleitung einer antibakteriellen Therapie eine Urinkultur veranlasst werden.
- Starker Konsens: Bei Verdacht auf eine unkomplizierte Zystitis sollte in der Regel ebenfalls eine Urinkultur veranlasst werden. Bei jugendlichen Mädchen kann darauf verzichtet werden, es sei denn, es bestehen rezidivierende HWI oder es erfolgte kürzlich eine Antibiotikatherapie.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie Beutelurin bei Säuglingen niemals für die Anlage einer Urinkultur. Die Kontaminationsrate ist zu hoch und führt zu falsch-positiven Ergebnissen. Nutzen Sie Beutelurin ausschließlich als Screening zum Ausschluss einer HWI bei negativem Teststreifen.