HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP): Leitlinie (AWMF/DAIG)
📋Auf einen Blick
- •Die PrEP mit TDF/FTC wird für Personen mit substanziellem HIV-Infektionsrisiko (z.B. MSM, serodiskordante Paare) empfohlen.
- •Standard ist die tägliche Einnahme; eine anlassbezogene Einnahme ist off-label, aber für analen Verkehr möglich.
- •Vor Beginn müssen eine HIV-Infektion ausgeschlossen, die Nierenfunktion (eGFR >60 ml/min) geprüft und der Hepatitis-B-Status erhoben werden.
- •Ein regelmäßiges Monitoring (HIV-Test, STI-Screening, Nierenwerte) alle 3 Monate ist obligatorisch.
- •Die Schutzwirkung tritt bei täglicher Einnahme nach 3 Tagen (kolorektal) bzw. 7 Tagen (vaginal) ein.
Hintergrund
Die HIV-Infektion ist eine lebenslange, bislang nicht heilbare Erkrankung. Neben der effektiven antiviralen Therapie von HIV-Positiven ist die Prävention bei HIV-Negativen entscheidend. Die medikamentöse Präexpositionsprophylaxe (PrEP) mit systemisch wirksamen antiretroviralen Substanzen reduziert das Risiko einer HIV-Transmission signifikant (bis zu 99 % bei hoher Adhärenz).
Indikation
Ein substanzielles HIV-Infektionsrisiko und damit eine Indikation zur PrEP besteht insbesondere bei folgenden HIV-negativen Personen:
- MSM oder Trans-Personen mit analem Sex ohne Kondom in den letzten 3–6 Monaten (oder voraussichtlich in der Zukunft) bzw. einer STI in den letzten 12 Monaten.
- Serodiskordante Paare, wenn der/die HIV-positive Partner/in keine suppressive ART erhält (z.B. keine ART, Anfangsphase der ART oder Viruslast nicht seit 6 Monaten <200 Kopien/ml).
- Sexarbeitende.
- Personen mit kondomlosen Sexualkontakten mit Partner*innen mit potenziell undiagnostizierter HIV-Infektion.
- Drogeninjizierende Personen ohne Gebrauch steriler Materialien.
Substanzauswahl und Einnahmeschemata
Zur PrEP soll das orale Kombinationspräparat Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil (TDF/FTC) eingesetzt werden. TAF/FTC oder Cabotegravir i.m. werden derzeit nicht als Standardalternative empfohlen.
| Schema | Dosierung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Kontinuierlich | 1 Tablette täglich | Standardempfehlung. Schutz ab Tag 3 (kolorektal) bzw. Tag 7 (vaginal). |
| Anlassbezogen | 2 Tbl. 2-24h vor Sex, dann 1 Tbl. täglich, bis 2 Tage nach letztem Sex | Off-Label-Use. Nur für analen Sex empfohlen. Kontraindiziert bei chronischer Hepatitis B. |
Voraussetzungen vor PrEP-Beginn
Vor der Erstverordnung müssen zwingend folgende Parameter geprüft werden:
- HIV-Serologie: Negativer 4.-Generations-ELISA (mit p24-Antigen). Bei sehr hohem Risiko und Dringlichkeit zusätzlich HIV-PCR.
- Hepatitis B: Ausschluss einer replikativen Infektion (HBsAg, anti-HBc) und Prüfung der Immunität.
- Nierenfunktion: Kreatinin-Bestimmung. Die eGFR soll mindestens 60 ml/min betragen (sollte >80 ml/min sein).
Monitoring unter PrEP
Eine enge medizinische Begleitung ist für die Sicherheit der PrEP essenziell. Folgende Kontrollen werden empfohlen:
| Untersuchung | Intervall | Bemerkung |
|---|---|---|
| HIV-Serologie (4. Gen) | Alle 3 Monate | Zusätzlich einmalig 4 Wochen nach PrEP-Beginn |
| Lues-Serologie | Alle 3 Monate | |
| Gonorrhoe/Chlamydien | Alle 12 Monate | Abstriche (pharyngeal, anorektal, genital/Urin). Kann auf 3-6 Monate verkürzt werden. |
| Kreatinin (eGFR) | Alle 3 Monate | Bei <40 J. und eGFR >90 ml/min ggf. alle 6-12 Monate |
| HCV-Serologie | Alle 6-12 Monate | Bei bisher HCV-seronegativen Nutzern |
| Beratung | Alle 3 Monate | Überprüfung der Indikation, Adhärenz und Risikoreduktion |
Vorgehen bei Verdacht auf HIV-Infektion
Trotz PrEP kann es in seltenen Fällen zu einer HIV-Infektion kommen (z.B. bei mangelnder Adhärenz). Treten Symptome einer primären HIV-Infektion auf (Fieber, Exanthem, Lymphadenopathie, Mundaphthen), muss zwingend eine Plasma-HIV-RNA-Bestimmung (PCR) sowie ein 4.-Generations-Test erfolgen.
- Bei positivem PCR-Nachweis: PrEP sofort absetzen und in eine wirksame antiretrovirale Therapie mit hoher Resistenzbarriere überführen. Resistenzanalyse veranlassen.
- Bei positivem ELISA, aber negativer PCR: PrEP fortführen und Befunde nach 2 Wochen kontrollieren (Verdacht auf falsch-positiven ELISA).
Schwangerschaft
Tritt unter der PrEP eine Schwangerschaft ein, sollte die PrEP bei weiterbestehendem HIV-Infektionsrisiko nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung unverändert fortgeführt werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie jede PrEP-Beratung, um den Impfstatus (insbesondere Hepatitis A/B und Mpox) zu prüfen. Klären Sie Patienten strikt darüber auf, dass die PrEP nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) schützt.