HIV-PEP Leitlinie: Indikation, Zeitfenster & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die PEP sollte unverzüglich, idealerweise innerhalb von 2 Stunden, begonnen werden.
- •Das maximale Zeitfenster beträgt 24 Stunden (perkutan) bzw. 72 Stunden (Schleimhaut).
- •Die Standarddauer der medikamentösen Prophylaxe beträgt 28 bis 30 Tage.
- •Bevorzugt werden gut verträgliche Integrase-Inhibitor-basierte Dreifachkombinationen eingesetzt.
- •Bei einer Viruslast der Indexperson von <50 Kopien/ml ist in der Regel keine PEP indiziert.
- •Nach ungeschütztem Oralverkehr oder Stichen an herumliegenden Kanülen besteht keine PEP-Indikation.
Hintergrund
Die postexpositionelle Prophylaxe (PEP) zielt darauf ab, nach einem Kontakt mit HIV-infektiösen Körperflüssigkeiten die Etablierung einer systemischen Infektion durch die Gabe antiretroviraler Medikamente zu verhindern. Die Wirksamkeit ist maßgeblich vom Zeitintervall zwischen Exposition und Therapiebeginn abhängig.
Zeitfenster und Dauer
- Optimaler Beginn: Unverzüglich, am besten innerhalb von 2 Stunden nach Exposition.
- Maximales Zeitfenster: Spätestens bis 24 Stunden nach perkutaner Exposition und bis 72 Stunden nach Schleimhautexposition.
- Therapiedauer: Die PEP soll über 28 bis 30 Tage durchgeführt werden.
Indikationen: Berufliche Exposition
Die Entscheidung zur PEP hängt von der Art der Verletzung und der Viruslast der Indexperson ab.
| Expositionsereignis | Indexperson >50 Kopien/ml (oder unbekannt) | Indexperson <50 Kopien/ml |
|---|---|---|
| Tiefe Stich-/Schnittverletzung (Hohlraumnadel, Skalpell mit Blut) | Empfehlen | Anbieten (bei großen Blutmengen) |
| Oberflächliche Verletzung, Schleimhautkontakt (Auge, Wunde) | Anbieten | Nicht indiziert |
| Intakte Haut, Kontakt mit Urin, Speichel, Kot | Nicht indiziert | Nicht indiziert |
Indikationen: Nicht-berufliche Exposition
Auch bei sexueller Exposition oder intravenösem Drogengebrauch muss das Risiko individuell abgewogen werden.
| Expositionsart | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Anal-/Vaginalverkehr (Index-Viruslast >1000 Kopien/ml) | Empfehlen | Gilt für rezeptiv und insertiv |
| Anal-/Vaginalverkehr (Index-Viruslast 50-1000 Kopien/ml) | Anbieten | - |
| Anal-/Vaginalverkehr (Index-Status unbekannt, aber Hochrisiko) | Anbieten | Z.B. MSM, i.v. Drogenkonsum, Vergewaltigung |
| Gemeinsame Nutzung von i.v. Drogenbesteck | Empfehlen | Hohes Transmissionsrisiko |
| Oralverkehr (aktiv oder passiv) | Nicht indiziert | Unabhängig vom Status der Indexperson |
| Stich durch herumliegende Kanüle (z.B. Sandkasten) | Nicht indiziert | Ggf. an Hepatitis B/C und Tetanus denken |
Medikamentöse Therapie
Für Erwachsene und Jugendliche (ab 12 Jahren, >35 kg Körpergewicht) werden primär Integrase-Inhibitor-basierte Kombinationen empfohlen, da diese gut verträglich sind und wenig Wechselwirkungen aufweisen.
| Wirkstoffkombination | Dosierung | Evidenz / Bemerkung |
|---|---|---|
| TDF/FTC + Raltegravir (RAL) | 2x 400 mg oder 1x 2 zu je 600 mg | Empfohlen |
| TDF/FTC + Dolutegravir (DTG) | 50 mg | Empfohlen |
| TAF/FTC/BIC | 1 Tablette | Empfohlen (Kontraindiziert in der Schwangerschaft) |
| TDF/FTC + DRV/r | 800/100 mg | Alternative bei Nichtverfügbarkeit |
| TAF/FTC/EVG/c | 1 Tablette | Alternative (Kontraindiziert in der Schwangerschaft) |
(Legende: TDF = Tenofovir-Disoproxil, FTC = Emtricitabin, TAF = Tenofovir-Alafenamid, BIC = Bictegravir, DRV/r = Darunavir/Ritonavir, EVG/c = Elvitegravir/Cobicistat)
Diagnostik und Verlaufskontrolle
- Vor PEP-Beginn (Exponierte Person): Blutbild, Leber- und Nierenwerte, HIV-Antikörpertest, HCV-Antikörper, Hepatitis-B-Marker (HBsAg, Anti-HBc, Anti-HBs). Bei Frauen ggf. Schwangerschaftstest.
- Indexperson (falls verfügbar): HIV-Test, Hepatitis B/C-Serologie, ggf. Lues-Serologie.
- Verlaufskontrolle: Ein abschließender HIV-Antikörpertest muss 6 Wochen nach Ende der PEP erfolgen, um eine Infektion sicher auszuschließen.
💡Praxis-Tipp
Verzögern Sie den Beginn der PEP niemals, um auf Laborergebnisse (z.B. den HIV-Test der Indexperson) zu warten. Beginnen Sie die Therapie sofort; sie kann bei fehlender Indikation jederzeit wieder abgesetzt werden.